Dicke Festtagsenten
1

Dicke Festtagsenten

Weihnachten wird Grütze. Keine Spur von Besinnlichkeit oder Familienglück, stattdessen “Tränen”, “Krach” und “Ehe-Aus”. Dieses Jahr werde das Fest zur “Tragödie” — prophezeien jedenfalls die Weihnachtswichtel der Regenbogenhefte.

Zum Beispiel die Feiertagsplanungen von Joachim Gauck: Wird der Bundes-präsident mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt feiern? Oder doch mit Ehefrau Hansi Gauck?

Beim Wahrsagerblick in die Schneekugel sieht die “Woche heute”, ein Blatt aus dem Bauer Verlag, jedenfalls eine “Weihnachts-Tragödie” aufs Staatsoberhaupt zukommen und macht sich “schlimme Sorgen um seine arme Ehefrau”:

Joachim Gauck - Weihnachts-Tragödie! Schlmme Sorgen um seine arme Ehefrau

Wie weh tut er Hansi jetzt, indem er sie allein lässt?!

1:0 für Daniela Schadt. Doch die “Neue Post”, ebenfalls aus dem Bauer Verlag, gleicht postwendend wieder aus:

Jetzt muss er klare Verhältnisse schaffen! Joachim Gauck - Zurück zur Ehefrau ... und wie sie Weihnachten feiern

Nämlich mit den vier gemeinsamen Kindern. Und ohne Daniela Schadt.

Bei Moderator Wayne Carpendale und seiner Frau Annemarie feiert laut “Das macht Spaß” hingegen überhaupt niemand. “Krach im Paradies?” — und das “ausgerechnet zum Fest der Liebe”:

Ausgerechnet zum Fest der Liebe! Krach im Paradies?

Wayne sei beruflich schlicht zu erfolgreich, moderiere eine Sendung nach der anderen und habe kaum noch Zeit für Privates. Anscheinend nicht mal für Weihnachten.

Die dickste Festtagsente kommt aber aus dem britischen Königshaus, genauer von Prinz Charles und seiner Camilla:

Charles & Camilla - Ehe-Aus vor Weihnachten!

“Das goldene Blatt” gibt sich siegessicher. Denn schon beim traditionellen Royaltreffen am ersten Weihnachtstag werde Camillas Platz an der großen Festtafel leer bleiben, schreibt die Redaktion. Seit der Hochzeit von Camilla und Charles im April 2005 hat “Das goldene Blatt” die beiden übrigens bereits 19-mal auf seiner Titelseite geschieden. Doch nun soll es wirklich so weit sein:

Ihre Ehe steht endgültig vor dem Aus.

Das Unglück des britischen Thronfolger-Paares steht auf dem Wunschzettel des “goldenen Blatts” sicher ganz oben.


Dieser Text ist gestern auch im “Tagesspiegel” erschienen. Jeden zweiten Montag schreiben wir dort eine Kolumne über die Regenbogenpresse.


facebooktwitteremail

Die Kinder beim Namen nennen
1

Die Kinder beim Namen nennen

Besser hätte es nicht laufen können: Am Mittwoch, 10. Dezember 2014, um 17:04 Uhr beziehungsweise 17:06 Uhr kamen die Zwillinge des monegassischen Fürstenpaares Charlène und Albert zur Welt — erst ein Mädchen, dann ein Junge.

Damit entpuppten sich all die Geschlechtsspekulationen der Regenbogenhefte — zwei Jungen? zwei Mädchen? — als astreine Klo-Griffe. Hier, zur Erinnerung, noch einmal zwei prominente Vertreter:

Die "Frau aktuell" titelt: "Monaco jubelt - Fürstin Charlene - Hurra, zwei Jungen! Ihre Zwillinge sind gesund!" Das "Echo der Frau" titelt: "Fürstin Charlene - Süße Überraschung! Es werden zwei Mädchen"

“Das neue Blatt” ist sogar noch einen Schritt weiter. In der aktuellen Ausgabe, die ein paar Stunden vor der Zwillingsgeburt auf den Markt kam, schreibt die Redaktion den Eltern schonmal vor, wie sie ihre Kinder gefälligst zu nennen haben:

Glückliche Charlene - Wie ihre süßen Babys heißen sollen

Das Team des “neuen Blatts” ist ja nicht blöd:

[So] wird der royale Nachwuchs, ganz wie es die Tradition verlangt, meist nach Familienmitgliedern benannt. Auch Charlene und Albert werden diese Tradition mit Sicherheit fortführen.

Mit Sicherheit! Und wenn Ihr schon so sicher seid, alte Ahnenforscher, dann startet doch mal Euer “fröhliches Namens-Rätselraten” …

Für Mädchen steht natürlich der Name Grace oder Gracia ganz hoch im Kurs — nach Alberts verstorbener Mutter Grace Kelly

Leider daneben.

Oder eben Patricia — der zweite Vorname der verstorbenen Fürstin.

Auch falsch.

Auch Antoinette wäre denkbar. So hieß nämlich Alberts Tante, die 2011 im Alter von 90 Jahren starb.

Vielleicht denkbar, aber nicht richtig.

Und wie gefällt Ihnen Lynette? So heißt nicht nur Charlenes Mutter, es ist gleichzeitig auch ihr eigener zweiter Name.

Glückwunsch, “neues Blatt”, kein einziger Treffer. Die Tochter von Charlène und Albert heißt nämlich Gabriella Thérèse Marie.

Und wie sieht’s mit Euren Ideen für den Namen des Jungen aus? “Ganz klar [...] nach Alberts Vater”. Dann mal los …

Sein vollständiger Name: Louis

Nein.

Henri

Nee.

Maxence

Nö.

Bertrand

Auch nicht.

Rainier

Na also, liebe Adelsexperten, immerhin ein Treffer! Und damit einer mehr als Eure sonstige Berichterstattung aus Monaco.


facebooktwitteremail

Steife These
1

Steife These

In unserem wöchentlichen Gespräch mit detektor.fm ging es dieses Mal um folgendes Titelthema:

Unmoralisches Angebot - Günther Jauch - Der Viagra-Skandal

Das Gespräch könnt Ihr hier nachhören …

detektor.fm: Es gibt wieder einen Riesenskandal — und das über den Saubermann Günther Jauch. Wie konnte das denn passieren?

Moritz: “Das Neue” hat diesen “Skandal” ausgegraben. Und den dann auch nicht gerade dezent auf der Titelseite präsentiert, also wirklich über die gesamte Breite und fast die gesamte Höhe des Covers. Dazu hat die Redaktion noch das Skandal-Wort “Viagra” gedruckt, es geht also um den großen “Viagra-Skandal”, ein “unmoralisches Angebot” soll auch noch eine Rolle spielen. Hintergrund der Geschichte: Günther Jauch hatte seinen Auftritt in der RTL-Sendung “Die 2 — Gottschlak und Jauch gegen alle”. Barbara Schöneberger moderiert das Ganze. Und die hat die beiden, also Jauch und Gottschalk, gefragt, ob sie denn schon einmal irgendwie mit Viagra zu tun gehabt hätten, also im Sinne von Recherche, höhö. Günther Jauch antwortete, dass man ja im Grunde dreimal täglich dieses Zeug in Spam-Mails angeboten bekommt. Da kippt “Das Neue” natürlich aus den Latschen: “Jeden Tag dreimal so eine zwielichtige Offerte? Wie kann es zu so einem Skandal kommen?” Die können also gar nicht glauben, dass Günther Jauch, wie jeder andere Mensch in Deutschland und auf der Welt, Spam bekommt. Die Redaktion erklärt dann noch kurz: “‘Viagra’ ist ein Potenzmittel, und um solche E-Mails zu erhalten, muss sich der Computer-Nutzer doch auf einschlägigen Seiten herumtreiben?” Die Mitarbeiter stellen also selbst diese alles entscheidende Frage und lassen sie von anonymen “Computer-Experten” direkt im Anschluss verneinen. Die sagen nämlich: Nee, muss man gar nicht, die Spam-Versender kommen auch anders an E-Mail-Adressen. Günther Jauch muss nicht unbedingt auf Porno-Seiten unterwegs gewesen sein.

Aber, ich fand, das war schonmal eine große investigative Rechercheleistung: Sie haben einen “Computer-Experten” befragt. Oder war das doch nur der Praktikant?

So etwas in der Art vermute ich auch. Denn ein Name wird nicht genannt, obwohl die Regenbogenhefte das normalerweise sehr gerne tun. Wenn sie zum Beispiel wirklich mal bei einem Chirurgen anrufen, weil der die Augenfältchen von Charlène von Monaco beurteilen soll, oder bei einem Rechtsexperten, wenn es um die Scheidung zwischen Christine Neubauer und ihrem Ex-Mann geht, werden ständig die Namen genannt und gerne auch noch Fotos dazu abgedruckt. Dieser “Computer-Experte” wird namentlich hingegen nicht genannt, es gibt auch kein Foto von ihm. Und was vor allem auffällig ist: Von dem “unmoralischen Angebot” spricht einzig dieser Computer-Experte. Das klingt also sehr danach, dass “Das Neue” sich einen Experten samt Zitat zusammenstrickt hat, um überhaupt die große Schlagzeile mit dem “unmoralischen Angebot” hinzubekommen, die sicher Neugier beim Leser wecken soll.

Zurück zu Günther Jauch: Der ist nämlich nicht aus dem Schneider. Wir haben zwar nachgewiesen, dass er sich gar nicht auf einschlägigen Seiten rumtreiben muss, aber die Follow-up-Frage lautet: Schützt er also sein E-Mail-Account nicht? Ist ja noch viel schlimmer …

Genau, einen Freispruch gibt es für den “Saubermann” Jauch nicht. Denn “Das Neue” findet: Wer viel Spam bekommt, der geht zu unvorsichtig mit seiner E-Mail-Adresse und seinen Daten um. Da braten sie Günther Jauch auch noch eins über: Das Heft rekapituliert noch einmal, was er so alles an privaten Daten über sich in der Sendung preisgegeben hat, in der es auch um die Viagra-Geschichte ging. Da hat er zum Beispiel gesagt, dass er nicht stricken kann, bastlerisch überhaupt nicht begabt ist und mal vor einem Münchner Café mit einer 750er Honda umgekippt ist, was wahnsinnig peinlich war. Das hat alles natürlich null mit dem “Viagra-Skandal” zu tun, aber die Mitarbeiter von “Das Neue” nutzen Günther Jauchs Aussagen ganz gerne, um ihm noch einmal zu zeigen: Mensch, Jauch, pass mal auf, was Du alles über Dich preisgibst, sonst kommt ganz schnell die nächste Spam-Mail.

Also eine Riesen-Geschichte, die sie da ausgegraben haben. Jetzt weiß man aber, dass Günther Jauch prinzipiell niemand ist, mit dem man sich unbedingt anlegen sollte. Meinst Du, die kriegen da jetzt noch Probleme mit ihm?

Richtig, Günther Jauch ist einer, der stark gegen Regenbogenartikel über sich vorgeht. Von ihm finden wir oft Gegendarstellungen. Deswegen sind die Artikel über ihn dann oft auch ziemlich glattgebügelt. Man merkt, dass da die juristischen Abteilungen drübergegangen sind. Nun ist es so, dass wir immer mal wieder eine Gegendarstellung von ihm finden, auch auf den Titelseiten, bei denen wir als Rechtslaien sagen: Ach, da kann man auch gegen vorgehen? Das hätten wir gar nicht gedacht. Und eine Gegendarstellung im Sinne von: “Hierzu stelle ich fest: Es gab keinen ‘Viagra-Skandal’” kann ich mir schon ganz gut vorstellen. Interessant würde es dann beim Abdruck einer möglichen Gegendarstellung. Diesen “Viagra-Skandal” kündigt “Das Neue” dick und fett auf der Titelseite an. Dadurch könnte es dazu kommen, dass auch die Gegendarstellung auf der Titelseite und in einer ähnlichen Größe abgedruckt werden muss. Und das ist dann doch immer ziemlich schmerzhaft für die Hefte.

Und wenn ich das richtig sehe, dann können sie allein schon deshalb Probleme kriegen, weil sie die Fotos ohne Credits verwendet haben.

In dem Punkt ist die Redaktion dann doch auf der sicheren Seite. Da arbeiten die Hefte ziemlich tricky. Die drucken die Fotocredits nämlich immer gesammelt pro Doppelseite. Ganz links am Rand, neben einer Geschichte über Helmut Kohl und seine Frau, findet man dann auch die Credits für den Jauch-Artikel. Das bedeutet für unsere Arbeit immer, wenn wir bei Fotos mal überprüfen wollen, ob sie zum Beispiel bearbeitet sind oder nicht, dass wir uns durch reichlich Bilder suchen müssen, weil wir nicht wissen, welches Foto zu welchem Credit gehört.


Jeden Freitag unterhalten wir uns mit dem Internetradiosender detektor.fm über die Dämlichkeiten der deutschen Regenbogenpresse. Diese Gespräche gibt’s in der Woche drauf immer hier bei uns im Blog zum Nachhören und -lesen.

Und unter diesem RSS-Link gibt’s das Ganze als Podcast.


facebooktwitteremail

Gehaltvoll wie 99 Luftballons
1

Gehaltvoll wie 99 Luftballons

Die mächtigsten Politiker der Welt und ihre Berater lesen seit Kurzem nur noch “Die Aktuelle”. Im Weißen Haus studieren sie penibel Ausgabe 48 des Revolver-blatts, in der Downing Street und im Kreml genauso.

“Die Aktuelle” hat nämlich ein paar Schnappschüsse von Angela Merkels Reise zum G20-Gipfel im australischen Brisbane analysiert. Das Urteil:

Angela Merkel - Pikante Fotos!

Nach den Sitzungen war Merkel noch um die Häuser gezogen, ein bisschen locker durch den Hosenanzug atmen. Sie landete in der “Brewski Bar” gegenüber ihres Hotels.

Und dann war da noch dieser junge, bärtige Nachtschwärmer … Wange an Wange zeigt ein Twitter-Foto unsere Kanzlerin mit dem Australier, der nur für sie den Nena-Hit “99 Luftballons” im “Brewski” spielen ließ! Wie sehr er sie beeindruckt haben muss, zeigt das Foto: Angela Merkel sieht richtiggehend verliebt aus.

Das “Aktuelle”-Rezept, um die “mächtigste Frau der Welt” in ein willenloses Koalabärchen zu verwandeln: CD-Player aufstellen, Nenas “99 Luftballons” einlegen und ordentlich aufdrehen. Schon ist Angela Merkel ein 14-jähriger Teenager mit Frühlingsgefühlen, dem man alles erzählen kann.

Klar, dass Präsidenten und Premierminister weltweit das nutzen: Krim-Annexion? Schwamm drüber! Wladimir Putin fragte nur summend: “Angela, hast Du etwas Zeit für mich? Dann singe ich ein Lied für Dich!” Menschenrechtsverletzungen in China? Keine deutschen Einwände, Xi Jinping regelte das per Ghettoblaster. Und in Berlin will die Opposition prüfen lassen, ob dauerhafte Nena-Beschallung im Bundestag zulässig ist.

Einem allerdings, vermutet “Die Aktuelle”, dürfte ein derart “heißer Flirt” der “braven und verheirateten (!) Kanzlerin” ganz und gar nicht geschmeckt haben: Merkels Mann Joachim Sauer.

Sollten nun Krach und Ärger zu Hause anstehen, und Sie, Herr Sauer, ein Geschenk benötigen — unser Tipp: Nächstes Jahr ist Nena auf Tour.


Dieser Text ist vorgestern auch im “Tagesspiegel” erschienen. Jeden zweiten Montag schreiben wir dort eine Kolumne über die Regenbogenpresse.


facebooktwitteremail

Hinterlist mit Hinterseer
1

Hinterlist mit Hinterseer

In unserem wöchentlichen Gespräch mit detektor.fm ging es dieses Mal um folgende Schlagzeile aus dem Klambt-Verlag:

Man denkt, man ist im falschen Film! Hansi Hintersser - Die Rache der Wanderhure - Was muss er noch alles ertragen?

Das Gespräch könnt Ihr hier nachhören …

detektor.fm: “Hansi Hinterseer — Was muss er noch alles ertragen?”, fragt die “Woche der Frau”. Ja, was muss er denn eigentlich ertragen?

Moritz: Hansi Hinterseer, laut Regenbogenpresse eines der großen Opfer, was zum Beispiel den sogenannten Jugendwahn im Fernsehen angeht — also die ganzen alten, tollen Volksmusikmoderatoren und -auftritte, die nicht mehr gebucht werden beziehungsweise stattfinden. Das muss Hinterseer sowieso ertragen. Nun aber hat die “Woche der Frau” was, na, nicht ganz Aktuelles ausgegraben, und zwar ein Youtube-Video. Im ORF, dem Österreichischen Rundfunk, lief vor über zweieinhalb Jahren in der Sendung “Willkommen Österreich”, eine Satriresendung von zwei Moderatoren, ein kleiner Trailer, in dem Bilder und Ton zusammengeschnitten wurden. Die Bilder zeigen Hansi Hitnerseer, wie er durch die Alpenlandschaft wandert, grüne Wiesen, Kühe, seinen Hund hat er dabei. Er singt am Ende auch noch. Der Ton, der aus dem Off kommt, sagt aber, dass jetzt “Die Rache der Wanderhure” wieder ansteht, am Dienstag um 20:15 Uhr, im ORF. Großes Gelächter natürlich im Publikum. Dieses Video, dieser kleine Schnipsel hat’s auch auf Youtube geschafft. Und das ist dann das große Drama, das Hansi Hinterseer aktuell über sich ergehen lassen muss — so verkauft es zumindest die “Woche der Frau”.

Und sie geht ja noch weiter: Das macht jemand mit Absicht, ein Unbekannter lädt das bei Youtube hoch, obwohl es gelöscht wurde. Haben die das Internet noch nicht ganz verstanden? Oder meinen die das ernst?

Sie meinen das wohl tatsächlich ernst, aber es ist eine klare Lüge. Ich habe gerade eben auch noch einmal bei Youtube nachgeguckt: Die Sendung “Willkommen Österreich”, in der dieser kleine 20-Sekunden-Schnipsel kam, lief am 1. März 2012. Am 2. März 2012, also einen Tag später, wurde das Video dann auch schon hochgeladen. Und seitdem steht es dort auch im Internet. Es ist also überhaupt nichts Neues. Da fehlte wohl einfach mal wieder Stoff für eine Seite, die gefüllt werden musste. Da hat sich jemand in der Redaktion der “Woche der Frau” erinnert: Da gibt’s doch diese verunglimpfende Sequenz über Hansi Hinterseer, da machen wir mal was drüber. Aber dass es gelöscht wurde ist eine glatte Lüge der “Woche der Frau”.

Dann möchte ich, weil Ihr mich jetzt immer so schult zu diesen Heften, mal eine eigene Regenbogenpresse-Theorie aufstellen: Böser Verdacht, Hansi Hinterseer macht Werbung über einen angeblichen Negativbeitrag. Denn am Ende des Textes, da steht so schön, auch noch in einer Reihenfolge: “Dem Naturburschen wird sogar vorgeworfen, seine Fans auszunehmen.” Aber gleichzeitig wird auf seine neue Live-CD verwiesen, die gerade rauskommt. Könnte da ein Zusammenhang bestehen?

Das sieht man immer wieder in den Regenbogenheften: Großer Skandal — DJ Ötzi — Meine Sucht. Und dann erzählt er, dass er ganz gerne mal eine Zigarette raucht. Zufällig wird im Artikel auch noch erwähnt, dass er jetzt ja ein neues Album rausbringt und das kann man auch bald kaufen. Anderes Beispiel: Eine Tour steht an von irgendeiner Schlagersängerin. Da wird dann irgendein kleiner Skandal ausgegraben, damit man wenigstens darüber berichten kann und nicht einfach nur sagen muss: Hier, übrigens, die Tour findet statt, was dann die reine Werbung wäre. Das begegnet uns in der Regenbogenpresse immer wieder: Es besteht irgendein Anlass, über jemanden zu berichten, also eine Tour, eine neue CD, ein neues Buch. Und dann wird geguckt, ob es nicht etwas gibt, was nun nicht direkt damit zu tun hat, so dass man die Werbung da ein bisschen verwurschten kann. Die Schlagerszene profitiert durchaus ganz gut von diesen Berichten.


Jeden Freitag unterhalten wir uns mit dem Internetradiosender detektor.fm über die Dämlichkeiten der deutschen Regenbogenpresse. Diese Gespräche gibt’s in der Woche drauf immer hier bei uns im Blog zum Nachhören und -lesen.

Und unter diesem RSS-Link gibt’s das Ganze als Podcast.


In seinen wöchentlichen “Herzblatt-Geschichten” hat Jörg Thomann von der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” ebenfalls über “Hansi und die Wanderhure” geschrieben.


facebooktwitteremail

Die Hurrarerei des “goldenen Blatts”
2

Die Hurrarerei des “goldenen Blatts”

Kurz vor Jahresschluss hat “Das goldene Blatt” es doch noch geschafft: Mit besonders wenig Einsatz und bemerkenswerter Ideenlosigkeit hat die Redaktion sich zum Hattrick geknallt! Drei aufeinanderfolgende “Hurra”-Schlagzeilen auf den Titelseiten der Ausgaben 46, 47 und 48 reichten, um den Null-Einfall-Grand-Prix der deutschen Regenbogenpresse zu gewinnen:

Mette-Marit & Haakon - Hurra! Das 4. Baby
Victoria & Madeleine - Hurra! Doppeltes Baby-Glück
Albert & Charlene - Hurra! Alles über ihr Zwillings-Glück

Nun hat die Hurrarerei des “goldenen Blatts” schon eine gewisse Tradition. Höchste Zeit, mal einen Blick auf die Entstehungsgeschichte einer Schlagzeilen-Legende zu werfen.

2009
“Das goldene Blatt” zündet einen ersten Testballon, die Geburtsstunde des späteren Schlagzeilenstars auf der Titelseite von Ausgabe 29: “HURRA! Endlich ein Söhnchen” für Máxima und Willem-Alexander der Niederlande. Das “Söhnchen” ist bis heute nicht geboren.

2010
Drei “Hurra”-Ausgaben, breit übers Jahr gestreut (Ausgaben 11, 35 und 53). Steffi Graf soll schwanger sein, ist sie aber nicht. Kate soll schwanger sein, ist sie aber noch nicht. Und Máxima soll noch immer mit einem “Söhnchen” schwanger sein. Ist sie aber … Ihr wisst schon.

2011
Die Testphase ist erfolgreich überstanden, “Das goldene Blatt” wird mutiger. Vor allem zum Ende des Jahres — Stichworte: Adventszeit, Teelichtstimmung — gibt’s die geballte Hurraigkeit. Insgesamt sechsmal jubelt die Redaktion auf dem Cover, im Schnitt auf jeder achten Ausgabe. Máxima ist übrigens nicht mehr schwanger.

2012
Ein Novum: Die Freude rückt näher zusammen. Zwischen den Ausgaben 36 und 38 sowie den Ausgaben 46 und 48 liegt jeweils nur ein Heft, auf dem nicht “Hurra” geschrien wird. Außerdem erwartet Kate in diesem Jahr gleich drei Kinder: einmal Zwillinge (Ausgabe 31) und fünf Wochen später einen Sohn.

2013
Der endgültige Durchbruch. Elfmal “Hurra” in einem Jahr. Ganz Adelseuropa ist schwanger: Victoria von Schweden, Prinz Harrys Freundin Cressida, Herzogin Kate, Mary von Dänemark gleich zweimal, genauso Letizia von Spanien. Dazu kommen noch die Schwestern Anita und Alexandra Hofmann, die — potztausend! — beide Zwillinge erwarten sollen. Bei so vielen Freudenbotschaften lässt es sich nicht vermeiden, dass auf mehreren Ausgaben, die direkt aufeinanderfolgen, gejubelt wird.

2014
Früher war alles besser? Von wegen! Auf 17 der bisher 48 Ausgaben aus diesem Jahr prangt ein dickes “Hurra”. Also ungefähr auf jeder dritten. Der Hattrick ist der krönende Abschluss. Und das Beste: Máxima ist angeblich wieder schwanger — zweimal sind es Zwillingen und einmal ist es ein “kleiner Prinz”.

Eine Collage aus 45 "Hurra"-Titelseiten des "goldenen Blatt", die die Redaktion von 2009 bis 2014 veröffentlich hat

(Draufklicken für eine größere Version)

Wir haben mal durchgezählt: 30 der 45 Geschichten haben sich in Nachhinein als falsch herausgestellt. Das ist trotz der ganzen “Hurras” ziemlich traurig.


facebooktwitteremail

In den Händen eines Schriebtäters
1

In den Händen eines Schriebtäters

In unserem wöchentlichen Gespräch mit detektor.fm ging es dieses Mal um den Versuch der “Freizeit eins”, die Kinder des niederländischen Königspaares in Gefahr zu schreiben:

Máxima - Sex-Skandal - Ihre Töchter waren in den Händen eines Triebtäters

Das Gespräch könnt Ihr hier nachhören …

detektor.fm: “Sex-Skandal” in den Niederlanden. Moritz, was ist denn da los?

Moritz: Die “Freizeit eins” hat eine große Titelschlagzeile gedruckt, in der es um einen großen Skandal geht, um einen “Sex-Skandal”. Das ist für die Regenbogenpresse schon mal sehr ungewöhnlich: Das Thema “Sex” wortwörtlich auf der Titelseite anzukündigen. Dazu gibt’s ein Foto von Máxima, der Königin der Niederlande. Und es wird gesagt, dass es um ihre Töchter geht. Die sollen sich nämlich “in den Fängen eines Triebtäters” befunden haben. Was dahinter steckt: Die drei niedlichen Töchter von Máxima und Willem-Alexander spielen Hockey in einem Verein in den Niederlanden. Und in diesem Verein ist wohl — das scheint soweit zu stimmen — einer der Trainer festgenommen worden, “ein vorbestrafter Exhibitionist”. Der soll eine Kamera in einer Umkleidekabine des Vereins installiert haben, es wurden auch DVDs mit den Aufnahmen bei ihm zu Hause gefunden. Einen gewissen “Sex-Skandal” gibt es also tatsächlich. Wichtig ist aber ein kurzer Satz, den die “Freizeit eins” im Artikel bringt, nämlich dass die Staatsanwaltschaft bereits gesagt hat: “‘Die drei Kinder des Königspaares sind nicht dabei.’” Das erwähnen die Mitarbeiter der “Freizeit eins” zwar klein im Text, aber sie lassen es sich natürlich nicht nehmen, groß auf dem Titel zu werben: “Sex-Skandal”, Leute — kauft das Heft, hier ist was passiert in den Niederlanden. Und das stimmt eben überhaupt nicht.

Hier wird auch nahegelegt, dass die Töchter Schaden genommen haben.

Auch das ist nach aktuellem Stand wohl nicht der Fall. Ich hab’ mal ein bisschen im Internet geguckt: Die “Bunte” hat zum Beispiel auch über den Vorfall mit dem Hockeytrainer Luigi C. berichtet. Nun ist die “Bunte” nicht gerade dafür bekannt, den allerseriösesten Journalismus zu betreiben. Aber selbst die Mitarbeiter dort berichten relativ verhalten. Sie sagen: Da gab es einen Schock im Königshaus, aber keine Sorge, es ist nichts passiert und bei den Kindern ist alles in Ordnung. Da liegt dann der große Unterschied zur “Freizeit eins” und zur Regenbogenpresse allgemein: Die bauschen das Ganze viel stärker auf und setzen eine knalligere Schlagzeile drüber, um den Verkauf ein bisschen anzukurbeln.

Du hast gesagt: “Sex-Skandal”, das ist relativ ungewöhnlich für die Regenbogenpresse. Ich würde eigentlich denken, dass jeder Sex-Skandal eine große Freude für die Klatschpresse ist.

Durchaus. Es wird zum Beispiel sehr gern darüber berichtet, wenn mal wieder Gerüchte aufkommen, dass Juan Carlos, der ehemalige König von Spanien, eine Geliebte haben soll. Aber diese offensive Werbung für einen Artikel mit dem Wort “Sex” ist doch ungewöhnlich für die Regenbogenpresse.

Ist das zu viel für die Leserschaft?

Ja, genau. Es wird dann lieber von einer “Geliebten” gesprochen, von einer “Affäre”, von einer “Liebelei” und so weiter. Aber “Sex” verkauft sich auf den Titelseiten der Regenbogenhefte meiner Meinung nach gar nicht so gut. Und deswegen ist es uns diese Woche auch aufgefallen.

Und Missbrauchsthemen grundsätzlich, vor allem bei Kindern — greifen die das gerne auf oder wird das auch eher gemieden?

Auch da wird nicht so oft drüber geschrieben. In der Regenbogenpresse ist eine Geschichte immer erst dann eine Geschichte und erst dann wert, gedruckt zu werden, wenn irgendjemand Prominentes oder Adeliges darin vorkommt. Ein Beispiel: Der vermutliche Abschuss der MH17 über der Ukraine, ein großes Politikum und überall in den Medien zu finden, taucht erst dann in der Regenbogenpresse auf, wenn bekannt wird, dass irgendein ganz ferner Freund von Königin Máxima in dem Flugzeug saß. Erst dann ergibt sich eine Geschichte für diese Hefte.

Klar, Prominenz müsste verwickelt sein in diesen Missbrauchsskandal. Aber wird dann auch darüber berichtet oder ist das ein Thema, das sie aussparen?

Wenn die Redaktionen irgendwie eine passende Ecke finden, mit der auch jemand aus dem Königshaus oder jemand Prominentes zu tun haben könnte, dann wird bestimmt berichtet. Auch in diesem Artikel der “Freizeit eins” ist es so, dass ein Skandal um die drei Kinder des Königspaares aufgebauscht wird, den es eigentlich gar nicht gibt. Die anderen Kinder aus dem Hockeyverein, die definitiv von den heimlichen Aufnahmen in der Umkleidekabine betroffen sind, werden in dem Artikel nicht weiter thematisiert. Das heißt: Solang man nicht prominent oder adelig ist, ist man es in der Regenbogenwelt auch nicht wert, erwähnt zu werden.

Wie geht’s denn jetzt weiter in dieser Geschichte? Sucht die Regenbogenpresse jetzt nach den Nacktbildern und -videos? Kannst Du Dir das vorstellen?

Nein, das werden sie nicht machen. Da kennen die Redaktionen auch eine Grenze. Und die Staatsanwaltschaft sagt ja wirklich sehr deutlich, dass die drei Kinder von Máxima und Willem-Alexander nichts mit den Aufnahmen zu tun haben. Das scheint also ausgeschlossen zu sein. Wenn es dennoch so sein sollte, dass sie auf diesen Videoaufnahmen auftauchen, dann wäre es für die Hefte vielleicht noch einmal ein Thema, sollte es zum Prozess kommen. Aber die Redaktionen werden sicher die Finger von den Aufnahmen an sich lassen. Etwas anderes traue ich nicht mal denen zu.


Jeden Freitag unterhalten wir uns mit dem Internetradiosender detektor.fm über die Dämlichkeiten der deutschen Regenbogenpresse. Diese Gespräche gibt’s in der Woche drauf immer hier bei uns im Blog zum Nachhören und -lesen.

Und unter diesem RSS-Link gibt’s das Ganze als Podcast.


facebooktwitteremail

PR der Ringe
3

PR der Ringe

“Das neue Blatt” berichtet am liebsten über Prominente, Adelige und Tchibo:

Helene Fischer - Das Geheimnis um ihren Ring

Die Geschichte hinter dieser Schlagzeile ist kein neues Kapitel in der Dauer-Regenbogenträumerei rund um eine mögliche Hochzeit von Helene Fischer und Freund Florian Silbereisen. “Das Geheimnis um ihren Ring”, das “Das neue Blatt” auf Seite 16 lüftet, sind der Preis von “ca. 1000 Euro” und die Möglichkeit, wo man die hinblättern kann: “über Tchibo erhältlich”.

Um im “neuen Blatt” eine komplette Seite mit den eigenen Produkten vollklatschen zu dürfen, muss man dem Bauer Verlag 13.706 Euro zahlen. Dann steht aber häufig ein hässliches “ANZEIGE” oben drüber, und jeder versteht, dass es sich um Werbung handelt.

Da wäre es doch viel praktischer, wenn das Heft im redaktionellen Teil über einen “wundeschönen Brillantring” schwärmt, der Helene Fischer “sehr gut zu gefallen” scheine. Oder wenn die Redaktion beobachtet, dass Fischer ganz verzückt über den Inhalt ihrer Schmuckschatulle sei und ihr Blick selig wirke. Dazu noch Bilder und Preise von Armbändern aus Messing und Ketten mit Swarovski-Steinen:

In der Tchibo-Kampagne wird von Mode- bis Echtschmuck alles angeboten. Helene findet, da sei für jeden etwas dabei

Die Leserschaft solle doch “Jetzt schon an Weihnachten denken”, rät die Redaktion. Und damit selbst der Allerdümmste versteht, wo er oder sie besonders an Weihnachten denken soll, druckt sie auch noch die Adresse der Tchibo-Website dazu.

Einen Monat zuvor hatte “Das neue Blatt” schon einmal über Tchibo und Helene Fischer berichtet. Damals ging’s um eine “Hit”-verdächtige Modelinie. Und die “Neue Post”, ebenfalls aus dem Bauer Verlag, hat dazu ein paar “Schönheits-Tipps” geliefert:

Schonheits-Tipps - Helene Fischer - Meine Herbst-Mode - Zum Bestellen - Helenes neue Mode ist der Hit

Ihren Text zum Tchibo-Ring-Artikel beginnen die Goldschmiede des “neuen Blatts” übrigens mit einer Frage zum Foto, das Helene Fischer mit Schatulle in den Händen zeigt:

Was sehen Sie auf dem großen Foto, liebe Leserinnen und Leser?

Wir wissen’s: Schleichwerbung.


Jörg Thomann von der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” hat in der aktuellen Folge der “Herzblattgeschichten” ebenfalls eine Antwort parat — und zwar auf die Frage des “neuen Blatts”, warum Helene Fischer so verzückt wirke.


facebooktwitteremail

Der stumme Zorn der Micky Mäuse
1

Der stumme Zorn der Micky Mäuse

Hefte raus, Kunstklausur. Heute wollen wir die Bilder der Malerin Martina U. deuten:

Ein anderes Werk von Martina zeigt einen Hund und einen Hasen sowie eine kleine Micky Maus, die den beiden den Mittelfinger zeigt. “Verheiratetes Paar” hat Martina ihre Arbeit genannt. Auch da kann man so einiges hinein interpretieren!

Und zwar?

Es sieht ganz danach aus, als seien diese Bilder stummer Ausdruck ihres Zorns über das Verhalten ihres Ex-Mannes.

Nein, das sind nicht die Ergüsse einer elften Klasse der Didi-Hallervorden-Gesamtschule in Oberursel. Diese Zeilen stammen aus der Regenbogenpresse: “Die neue Frau” hat sich aufgemacht zu einem kleinen Ausflug in die Kulturszene. Es geht um Volksmusikerin Stefanie Hertel, ihren Gatten und Gitarristen Lanny sowie um dessen frühere Ehefrau, die Künstlerin Martina U.

Die stellt nämlich regelmäßig ihre Werke auf Facebook zur Schau. Und da haben sich die Kunstliebhaber der “neuen Frau” mal durchgeklickt:

So findet sich auf ihrer Facebook-Seite eine Zeichnung, die einen langhaarigen Mann mit Gitarre darstellt. Der Titel: “A clever move” (dt.: “Ein schlauer Schachzug”). Eine Anspielung darauf, dass Lanny nach ihr Stefanie heiratete, die ihm in der Musikwelt so manches Türchen öffnen kann?

Die These der “neuen Frau”: Lanny, die alte Nulpe, nutze schamlos Stefanies Ruhm aus. In jeder Zeile bemüht sich das Blatt zu erwähnen, dass er “künstlerisch eher kleine Brötchen” backe, “die Karriere des Kärntners eher holprig” verlaufe. “Und auch die Fan-Artikel in seinem Internet-Shop wurden schon reduziert”. Ihr Hau-Drauf-Motto haben die Redakteure auch in die Überschrift gepackt:

Stefanie Hertel & ihr Lanny - Ihr ihr Mann nur ein Blender? Es ist so verletzend, was seine Ex-Frau enthüllt

(Unkenntlichmachung von uns.)

Lediglich die Beweise dafür fehlen. Und so sind sich die Bilder-Deuter der “neuen Frau” nicht zu blöd, im Internet Kunstwerke zusammenzukramen und diese gymnasiastenhaft zu deuten. Wir wollen gnädig sein: Fünf minus.


Dieser Text ist gestern auch im “Tagesspiegel” erschienen. Jeden zweiten Montag schreiben wir dort eine Kolumne über die Regenbogenpresse.


facebooktwitteremail

No-go-Area am Genfersee
0

No-go-Area am Genfersee

In unserem wöchentlichen Gespräch mit detektor.fm ging es dieses Mal um große Gefahren in einem Schweizer Städtchen:

Der Polizei-Bericht erschüttert! Ist Schumi zu Hause nicht mehr sicher?

Das Gespräch könnt Ihr hier nachhören …

detektor.fm: “Ist Schumi zu Hause nicht mehr sicher?”, fragt die “Woche der Frau”. Wie kommen die Autoren denn dazu?

Moritz: Genau, die Überschrift auf der Titelseite ist die Frage, die Du gerade erwähnt hast. Ein wichtiger Zusatz ist dabei noch: “Der Polizei-Bericht erschüttert!” Und das ist dann auch die Quelle für die Frage, ob unser Formel-1-Weltmeister-Held nun in Gefahr schwebt. Der “Polizei-Bericht” ist eher eine Pressemitteilung der Polizei und auch schon einige Monate alt. Der erschien im Juli dieses Jahres und nimmt Bezug auf Delikte, die noch weiter zurückliegen, nämlich Ende 2013 und Anfang 2014. Da gab’s in Schumachers Heimatort Gland — das ist ein Städtchen in der Schweiz mit rund 12.000 Einwohnern, also nicht gerade eine Metropole — ein paar Beschwerden über Sachschäden, leichte Körperverletzungen, auch Raub, ein paar Drogendelikte, Betäubungsmittelgesetz und so weiter. Dann hat die Polizei ermittelt und auch 48 Personen festgenommen. Da sind allerdings — und das verschweigt die “Woche der Frau” natürlich sehr gern — 23 Kinder dabei. Sowieso sind von diesen 48 Leuten 46 Jugendliche und Kinder zwischen 17 und 24 Jahren. Zwei Erwachsene gibt’s dann noch, die festgenommen beziehungsweise verhört wurden, weil sie Schnaps an Minderjährige verkauft haben. All das erwähnt die “Woche der Frau” überhaupt nicht. Das Blatt versucht lieber, ein bisschen Angst zu schüren und dadurch eine knackige Schumacher-Geschichte zu bekommen.

In der Psychologie gibt es das Phänomen der selbsterfüllenden Prophezeiung: Wenn ich erwarte, dass sich jemand auf bestimmte Weise verhält, und ich selbst dann dieses Verhalten zeige, dann spricht man davon. Ist der Artikel der “Woche der Frau” auch so eine selbsterfüllende Prophezeiung?

Der Artikel ist nun nicht direkt eine Anleitung dazu, wie man Michael Schumacher in Schwierigkeiten bringen könnte, aber es gibt ein paar ganz interessante Hinweise in dem Text. Die “Woche der Frau” schreibt zum Beispiel, dass das Anwesen der Schumachers ja durch den angrenzenden Genfersee und ein Waldstück genau geeignet sei für Verbrecher und Kidnapper, um dort aufs Gelände zu gelangen oder Leute zu entführen. Es wird auch erwähnt, dass Kameras und Sicherheitsmaßnahmen vorhanden seien. Es werden also ein paar ganz interessante Informationen gegeben. Und wenn man die beispielsweise noch mit einer kurzen Google-Bildersuche kombiniert — Fotos von dem Anwesen gibt es nämlich im Internet –, dann kann man sich da schon einige Infos als Krimineller besorgen.

Michael Schumacher war nach seinem Unfall monatelang im Koma und jetzt erholt er sich langsam davon, das dauert natürlich. Die Familie hat ausdrücklich um Zurückhaltung gebeten. Die “Woche der Frau” hat aber, wie auch andere Klatschblätter es tun, wieder darüber berichtet. Ihr beschäftigt Euch jetzt schon seit einer geraumen Zeit mit den Klatschblättern der Republik. Kennt die Regenbogenpresse eigentlich überhaupt irgendwo eine Grenze?

Also gerade der Fall Schumacher ist sehr bezeichnend für die Regenbogenpresse. Die wissenschaftliche Literatur zur Regenbogenpresse sagt immer, diese Hefte seien wie Fortsetzungsromane: Die Lebensgeschichten von Helene Fischer, von Michael Schumacher werden Woche für Woche weitererzählt. Und da gibt es wirklich kein Ende. Während man in den einigermaßen seriösen Medien sehen kann, dass das Thema Schumacher so langsam zu Ende ist und die Familie in Ruhe gelassen wird und erst wieder berichtet wird, wenn sich Michael Schumacher selbst oder jemand aus seiner Familie oder seine Managerin zu Wort meldet, interessiert so eine Bitte die Regenbogenpresse überhaupt nicht. Das zeigt schon ein kurzer Blick auf die aktuelle Woche: Die “Woche der Frau” haben wir mit der Gefahrenlage in Gland ja schon erwähnt. Dann gibt es noch “Das neue Blatt”, das einen Arzt aufgetan hat, der behauptet, dass Schumacher vielleicht “nur noch wenige Monate” bleiben — ohne dass er ihn behandelt. “Die neue Frau” fragt: “Bleibt sein letzter Wunsch unerfüllt?”, weil er einst das Fallschirmspringen und Kunstfliegen für sich entdeckt hat. Da vermutet die Redaktion also, dass er das alles nie mehr machen kann. Und so berichten diese Blätter jede Woche fröhlich weiter, denken sich irgendeinen Quatsch aus, und es ist kein Ende abzusehen.


Jeden Freitag unterhalten wir uns mit dem Internetradiosender detektor.fm über die Dämlichkeiten der deutschen Regenbogenpresse. Diese Gespräche gibt’s in der Woche drauf immer hier bei uns im Blog zum Nachhören und -lesen.

Und unter diesem RSS-Link gibt’s das Ganze als Podcast.


facebooktwitteremail