Die erfundene Entführung
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Die erfundene Entführung

In der Regenbogenpresse liegt auf der Wahrheit meist eine dicke Kruste aus Dreck. Kratzt man genug davon ab, kommt mit etwas Glück der letzte, unspektakuläre Rest dessen zum Vorschein, was die Blättchen ihren Lesern in den Schlagzeilen noch vollmundig versprochen haben. Dieses Ausreizen presserechtlicher Grenzen gehört in vielen Redaktionen schlichtweg zum Job.

Doch einige Regenbogenautoren belassen es nicht bei solchen irreführenden Verdrehungen. Sie gehen noch einen Schritt weiter. Und machen dabei nicht mal vor rechtlichen Schranken Halt.

In ihrer aktuellen Ausgabe schreit die “Promi Welt”:Prinzessin Mette-Marit - Jetzt ist das Maß aber voll! - Das Volk ist empört - kosten ihre jüngsten Eskapaden sie die Krone?Der Artikel beginnt gewohnt krawallig:

Da ist was faul im Staate Norwegen. Sie hat keine Lust zu arbeiten, versäumt wichtige Termine und rückt das norwegische Königshaus mit ihrem unroyalen Verhalten erneut in ein schlechtes Licht: Kronprinzessin Mette-Marit (39) sorgt mal wieder für Unmut im Volk.

Nun ja, das kann man unter Umständen so sehen — auch wenn es doch eine sehr, sagen wir, polemische Interpretation der Faktenlage ist.

Im nächsten Satz verliert die “Promi Welt” dann aber vollends den Bezug zur Realität.Dabei ist der Bayb-Skandal von Indien, als sie in einer Nacht- und Nebelaktion zwei Säuglinge aus einer Kinderklinik entführte, noch nicht einmal ganz verdaut.

(Markierung von uns.)

Es kann ja sein, dass wir da irgendwas verpasst haben. Aber der einzige “Baby-Skandal von Indien”, den wir gefunden haben, klingt ein wenig anders.

Die “Huffington Post” berichtete im Dezember 2012, dass Mette-Marit nach Indien geflogen sei, um einer Geburt von Zwillingen beizuwohnen. Ein befreundetes Paar hatte dort eine Leihmutter beauftragt, die Kinder auszutragen. Weil die Freunde von Mette-Marit aufgrund von Visa-Problemen nicht selbst nach Indien reisen konnten, sei die Prinzessin persönlich und auf eigene Kosten hingeflogen, um die Neugeborenen “in der Welt willkommen zu heißen”.

Die Aktion erntete einerseits Zuspruch, einigen Norwegern stieß sie jedoch übel auf. Unter anderem, weil Leihmutterschaft in Norwegen illegal ist und Mette-Marit, so der Vorwurf, ihre diplomatischen Privilegien ausgenutzt habe. Einige Stimmen kritisierten zudem generell das Vorgehen, Kinder aus der “Dritten Welt” nach Europa zu holen.

Man mag davon halten, was man will. Doch die Behauptung, Mette-Marit habe “in einer Nacht- und Nebelaktion zwei Säuglinge aus einer Kinderklinik [entführt]“, geht dann doch ein paar Kilometer über die Grenzen der Interpretationsfreiheit hinaus.

Und auch über die des Presserechts. Betreiben wir mal ein bisschen Paragraphenreiterei. Denn im Grunde ist die Sache ganz einfach.

Entweder: Der Entführungs-Vorwurf der “Promi Welt” ist falsch. Dann macht sie sich mindestens der üblen Nachrede (§ 186 StGB) schuldig, weil ihre Tatsachenbehauptung dazu geeignet ist, Mette-Marit “verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen”. Verbreitet die “Promi Welt” die Behauptung sogar “wider besseres Wissen” würde das sogar den Straftatbestand der Verleumdung (§ 187 StGB) erfüllen.

Die andere Möglichkeit ist: “Promi Welt” kann beweisen, dass Mette-Marit in Indien tatsächlich zwei Säuglinge entführt hat. Davon wären wir aber ehrlich gesagt überrascht.


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Kommentare:

  1. Pingback: Mats und Moritz gehen ans Ende des Regenbogens « Stefan Niggemeier

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