Als die Regenbogenwelt
noch in Ordnung war

Als die Regenbogenwelt
noch in Ordnung war

Ein nicht ganz erst gemeinter Nachruf von Karla Kolumna*, einer erfolgreichen Regenbogenautorin

Es gab einmal eine Zeit. Eine Zeit, die hartgesottene Yellow-Journalisten noch heute wehmütig als die “goldene Zeit” bezeichnen. Eine Zeit, die noch gar nicht so lange her ist, gefühlt aber Lichtjahre zurückliegt. Eine Zeit, die Promis und Königs noch heute mit Schaudern erinnern und die dem einen oder anderen auch jetzt noch, Jahre später, das Blut in den Adern schockgefrieren lässt.

Es war die Zeit VOR Caroline. Ja, die Caroline. Die Prinzessin aus Monaco. Die, über die die Yellows damals so gerne berichteten und es bis heute eigentlich liebend gerne tun. Die monegassische Adelsprinzessin mit dem SEHR speziellen Männergeschmack. Besagte Caroline hatte irgendwann keine Lust mehr, ausgedachte Geschichten über sich zu lesen (und dieses Ungemach soll sich bei der Dame unerklärlicherweise schon Ende der Neunziger eingestellt haben …) und begann, mit einem Anwalt gegen diese Unwahrheiten gerichtlich vorzugehen. Diese Prozesse erstreckten sich über viele Monate, ach was: Jahre, und irgendwann gab es Urteile, die der “bösen” Yellow-Press ordentlich auf die Finger hauten. Sie verboten den “Kreativen Schreibern” das wahllose Ausdenken von Geschichten. 1995 fiel das erste entscheidende Urteil. Und dazu wollen wir kurz Wikipedia bemühen (Ja, sorry! WAS denn? Der moderne Journalist hat heute keine Zeit mehr für richtige Recherche. Da muss Wiki schon reichen …):

1. Das Recht auf Achtung der Privatsphäre zu dem auch das Recht, für sich allein zu sein, gehört, kann auch eine Person der Zeitgeschichte für sich in Anspruch nehmen.

2. Der Schutz der Privatsphäre, der sich auch auf die Veröffentlichung von Bildaufnahmen erstreckt, ist nicht auf den eigenen häuslichen Bereich beschränkt.

3. Außerhalb des eigenen Hauses kann eine schützenswerte Privatsphäre gegeben sein, wenn sich jemand in eine örtliche Abgeschiedenheit zurückgezogen hat, in der er objektiv erkennbar für sich allein sein will und in der er sich in der konkreten Situation im Vertrauen auf die Abgeschiedenheit so verhält, wie er es in der breiten Öffentlichkeit nicht tun würde.

In diesen Schutzbereich greift in unzulässiger Weise ein, wer Bilder veröffentlicht, die von dem Betroffenen in dieser Situation heimlich oder unter Ausnutzung einer Überrumpelung aufgenommen worden sind.

4. Im übrigen müssen absolute Personen der Zeitgeschichte die Veröffentlichung von Bildaufnahmen von sich hinnehmen, auch wenn diese sie nicht bei der Wahrnehmung einer öffentlichen Funktion zeigen, sondern ihr Privatleben im weiteren Sinne betreffen.

Die Yellow-Press ging natürlich dagegen vor, es wurde wieder geklagt, in Berufung gegangen, wieder in Berufung gegangen — egal. Das wirklich Entscheidende: Caroline hat die Yellow-Landschaft dann doch nachhaltig verändert.

Und obwohl es gar nicht das eine Caroline-Urteil gab und gibt, sondern einige mit diversen Spezifikationen, so spricht doch jeder der Beteiligten von “DEM” Urteil, nach “DEM” alles anders war.

Einfach heruntergebrochen hieß das: Promis mussten keine Angst mehr vor Abschüssen auf privatem Gelände haben (also Paparazzi durch die Hecke in den Privatgarten knipsen lassen, war nicht mehr …), Adlige und Königs mussten sich nicht mehr willkürlich Schwangerschaften und Trennungen andichten lassen und die Verlage — ja, die mussten schwer umdenken.

Das Urteil zieht übrigens bis heute seine Fäden. Nicht ohne Grund streiten Yellows und auch “seriösere” People-Magazine wie “Bunte” bis heute erbittert vor Gericht, OB denn dieser Strand nun “privat” oder “öffentlich” war, oder ob der Promi seine neue Liebe wirklich “auf offener Straße” präsentiert hat, oder ob die Turteltäubchen doch heimlich mit der langen Linse im Hinterhof abgeschossen wurden. Achten Sie mal darauf: Zur rechtlichen Absicherung schreiben die Magazine dann schon gleich bei Veröffentlichung “Der Fotograf erwischte sie in der belebten Berliner Innenstadt” oder “am vollen Strand von Ibiza”. Stets folgend nur dem einen Ziel: IMMER schön den Eindruck erwecken, ALLES sei GANZ legal. ;-)

Und die Yellows? Die tun sich seitdem sehr schwer, wöchentlich ihre Seiten zu füllen. Weil: SO VIEL Neues gibt es über Royals & Co. ja nicht wirklich zu berichten. Und so kommt es immer wieder zu den herrlichen “Text-Wirklichkeits-Blüten”, die uns topfvollgold jede Woche so süffisant präsentiert.

Als die netten Jungs von topfvollgold mich, eine betagte Dame des Yellow-Journalismus, einmal am Telefon fragten, wie das denn früher so war mit den Yellows, begann ich zu erzählen. Ja, ich schwärmte förmlich von den “alten Zeiten”. Und erzählte ihnen eine lustige Geschichte, die irgendwie maßgeblich für diese Zeit war, und die man sich bis heute noch gerne in unseren Kreisen erzählt:

Ich arbeitete damals bei einem Verlag, der bis heute sehr stark in Yellows macht und schon damals ein ganz großer “Player” in dem Sektor war, wie man heute wohl sagen würde.

Auch Anne (Name geändert), die Tochter eines hohen Verlagsmitarbeiters, machte ihre Ausbildung damals bei uns im Hause. Heute arbeitet sie in einer Führungsposition in den Medien – damals war sie noch “kleine” Volontärin. Ja. Bei uns im Schmuddel. Und hatte, genau wie wir, irre viel Spaß am Erfinden von Geschichten. (Ja, Sie merken es, das war die Zeit VOR Caroline.)

Wir arbeiteten damals an einer Zeitschrift namens XYZ. Gibt es die eigentlich noch? Ich muss gleich mal googeln. Egal. Damals saßen wir also wieder in irgendeiner Konferenz zusammen und versuchten, das royale Sommerloch irgendwie zu überstehen. Die Deadline nahte, nein, sie stand eigentlich am gleichen Tag bevor, und wir hatten wieder einmal absolut keine zündende Idee für eine verkaufsträchtige Titelgeschichte.

“Irgendwas mit dem schwedischen König wäre toll”, meinte eine Kollegin. “Ja, der olle Schwerenöter v… bestimmt schon wieder fremd”, ergänzte eine andere. Sie merken: Die außerehelichen Eskapaden des Schwedenkönigs waren für uns schon damals ein SEHR beliebtes Thema. Doch das Durchschauen der aktuellen Abschüsse (König mit Familie im Südschweden-Urlaub — gähn!) brachte keine neue Erkenntnis.

Und dann, ja DANN hatte ein Kollege (oder war es unser damaliger Chefredakteur? Mir ist so …) die zündende Idee: “Schwedenkönig mit heimlicher Geliebter im Wald von Småland entdeckt!” – so oder so ähnlich sollte die Geschichte heißen. Und die Bilder dazu? Wurden einfach von uns selbst produziert. Hä? Ja!

Aus einem idyllischen deutschen Wald wurde kurzerhand der Schweden-Wald, aus einem Grafiker mit dunklem Haar König Carl Gustaf, ja, und Sie erraten es wahrscheinlich: aus unserer blonden Anne die heimliche Geliebte. Sie zögerte damals noch ein wenig vor Skrupel, aber die aufmunternden Worte unseres Chefredakteurs (“Anne! Jetzt hab’ dich nicht so! Das wird den Papa freuen, wenn er dich so sieht!”) taten das Nötige, und keine 15 Minuten später war das Team nebst Fotograf im Wald unterwegs. Anne und der Grafiker hielten Händchen, shakerten und simulierten Kuss und Umarmung, der Fotograf hielt mit unscharfer Blende und verschmierter Linse (sollte ja ein Abschuss sein!) von hinten drauf.

Die Story erschien — und war eine der bestverkauften Ausgaben ever. Ever, ever, würde die Sonja aus dem “RTL-Dschungel” wohl heute sagen. Ja, die Zeiten haben sich geändert. Gott sei Dank. Oder leider? Manchmal kann ich es gar nicht so genau sagen. Nur eines ist sicher: DAMALS war es insgesamt und irgendwie lustiger …


*Karla Kolumna (Name geändert) arbeitet seit vielen Jahren im Yellowbereich und ist heute Chefredakteurin eines erfolgreichen Titels in diesem Segment. Sie können sich also denken, dass wir ihre Ansichten nicht unbedingt teilen. Frau Kolumna bittet außerdem um den Hinweis, dass es sein kann, dass diese Geschichte (“die ja schon ein paar Jährchen her ist”) vielleicht doch in Nuancen anders war und das ein oder andere Detail nicht so ganz stimmt. Aber sie besteht darauf, dass sie sich so oder so ähnlich zugetragen hat, und wenn etwas nicht stimmt – “ja dann ist das eben so”. Das würde die Yellows ja sonst auch nicht stören.


PS: Da wir hier ja nicht mit Regenbogen-Methoden arbeiten wollen, haben wir den betreffenden Verlag gebeten, uns seine Version der Geschichte zu schildern. Und die geht so: Ein solches Foto sei “nicht existent”, außerdem habe die Tochter des Verlagsmitarbeiters “an keinerlei Fotoaufnahmen dieser oder ähnlicher Art jemals teilgenommen”.


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