Auf der Skipiste des Grauens

Auf der Skipiste des Grauens

Heute steigern wir unser Regenbogen-Trainingslager mal ein bisschen. Statt einer Schlagzeile basteln wir diesmal einen ganzen Artikel, und zwar Schritt für Schritt. Kleiner Tipp: Blenden Sie einfach jeglichen Sinn für Logik, Moral und Journalismus aus, dann sollte es wie von selbst funktionieren.

Also denn.

Auf der Suche nach neuen Geschichten entdecken Sie ein Video, das die niederländische Königsfamilie im Skiurlaub zeigt. Königin Máxima, ihr Mann und die Kinder verbringen gemeinsam mit anderen blaublütigen Verwandten (und mehreren Horden von Fotografen, Kamerateams und Schaulustigen) ein paar Tage im österreichischen Lech, also dort, wo vor zwei Jahren der inzwischen verstorbene Prinz Friso bei einem Lawinenunglück schwer verletzt wurde.

Schon allein daraus — die vom Schicksal gebeutelte Familie zurück am Ort des Geschehens — ließe sich sicher eine wunderbar schmierige Geschichte basteln, doch der Regenbogengott meint es noch besser mit Ihnen. Plötzlich passiert nämlich Folgendes: Ariane, die jüngste Tochter von Máxima, hat einen, nun ja, Unfall.

Aber sehen Sie selbst (ab ca. Minute 0:25):

Wenn Sie schon mal Skifahren waren, dürften Sie das kennen. Und wissen, dass dabei meist nichts Schlimmes passiert. So wie auch in diesem Fall: Die kleine Ariane war schon kurz nach dem Missgeschick wieder putzmunter.

Aber das müssen Sie Ihren Lesern ja nicht sofort unter die Nase reiben. Schließlich wollen Sie ein schockierendes Drama basteln, keine weichgespülte Feel-Good-Schmonzette. Die Stoßrichtung Ihres Artikels lautet ganz klar:Neuer Schock am Unglücksort

Aus Gründen der Dramaturgie beginnen Sie am besten damit, die malerische, aber dennoch bedrückende Ski-Idylle zu beschreiben, die traurige Ruhe vor dem unglaublichen Schock:

Tapfer strahlen sie an diesem schicksalhaften Tag in die Kameras. Das unbeschwerte Lachen ihrer drei Töchter, die mit einer ganzen Kinderschar fröhlich die Skipiste hinuntersausen, macht es Willem-Alexander (46) und Maxima (42) ein kleines bisschen einfacher diesen Termin voller Seelenqualen in Lech gut über die Bühne zu bringen. Doch dann geschieht das Unfassbare …

Sehr gut. Nun gilt es, das Tempo zu steigern. In der Zwischenüberschrift sollten Sie schon mal eine Schippe drauflegen und klarmachen, dass es in diesem Moment um nichts Geringeres ging als um Leben und Tod.Todesängste um ihr geliebtes Sorgenkind

Dann folgt einer der aufregendsten Parts Ihrer Arbeit: die Schilderung des Schockmoments. Steigen Sie mit ersten Reportage-Elementen ein, die den Leser ganz nah ranholen, sodass er glaubt, er stünde mittendrin. Stellen Sie sich vor, Sie könnten hören, was Máxima hört, fühlen, was sie fühlt, denken, was sie denkt. Übertreiben Sie ruhig und spekulieren Sie frei drauf los. Hauptsache, Sie erzeugen eine bedrohliche Stimmung und lassen in jeder Zeile die Aufregung, Dramatik und Todesangst durchschimmern, die am Unglücksort vorgeherrscht haben. Könnten. In etwa so:

Verzweifelte Schreie eines Kindes lassen Königin Maxima das Blut in den Adern gefrieren. “Lieber Gott, nein! Lass es nicht eins meiner geliebten Mädchen sein”, muss es der dreifachen Mutter in diesem Schockmoment durch den Kopf geschossen sein. Doch was sie dann völlig hilflos mitansehen muss, kann sie wohl kaum ertragen.

Unterstreichen Sie Ihre Aussagen mit einer angemessenen Bebilderung:Zu sehen ist Máxima mit, naja, verkrampftem Gesichtsausdruck. Bildunetrschrift: "Lieber Gott, nein! Die Angst steht ihr ins Gesicht geschrieben, als Maxima ihr Töchterchen so hilflos sieht

Und dann legen Sie richtig los:

Panisch schreit ihre kleine Tochter Ariane (6) um Hilfe, während sie vom Skilift mitgeschleift wird. Immer wieder wird dem Mädchen der aufgewirbelte Schnee ins Gesicht geschleudert. Sie hustet, verschluckt sich und ruft voller Angst und bitter weinend immer wieder nach ihrer Mama.

Nicht schlecht. Aber da geht doch noch was!

Mit den dicken Skischuhen hastet Maxima den Hang hinauf, um ihren Liebling zu retten. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Doch sie kommt einfach nicht voran. Kaum auszudenken, welch grauenhafte Todesängste Maxima in diesen Schrecksekunden um ihre Tochter ausstehen muss.

Und dazu das passende Foto:Zu sehen ist Ariane, die vom Skilift durch den Schnee geschleift wird. Bildunterschrift: "'Mama, hilf mir!' schreit die kleine Ariane, als sie auf der Skipiste vom Lift mitgeschleift wird. Hilflos muss Maxima die dramatischen Szenen beobachten, bis ihr kleiner Liebling endlich aus der gefährlichen Lage befreit wird"

Danach können Sie das Tempo wieder ein wenig runterfahren und in den Puuh-gerade-nochmal-gutgegangen-Modus übergehen:

Inzwischen haben aber auch andere Skifahrer erkannt, in welch verzweifelter Situation sich die Kleine befindet. Und nur durch das beherzte Eingreifen eines Wintersportlers kann die Mini-Prinzessin aus ihrer misslichen Lage befreit werden. Als Maxima endlich bei ihr ankommt, zittert Ariane am ganzen Körper. Nur zu verständlich, dass nun auf beiden Seiten dicke Tränen kullern.

Jetzt darf es auch ruhig eine Spur kitschiger werden.

Die immer noch völlig erschrockene Ariane lässt sich zunächst kaum von ihrer Mutter beruhigen. Ganz fest hält Maxima ihren Schatz in den Armen. Drückt sie, wärmt sie und wischt ihr behutsam den Schnee aus dem Gesicht. Hoffentlich hat sie sich nichts getan?

Mit dieser Frage lässt sich hervorragend zum nächsten Abschnitt überleiten, in dem Sie nochmal altebekannte Spekulationen über den Gesundheitszustand von Ariane aufwärmen:

Ariane, die jüngste von Maximas drei Töchtern, war schon immer ein Sorgenkind. Schon oft musste sie ins Krankenhaus, weil sie schlimme Erkältungen hatte. Von Sarkoidose, einer Entzündung der oberen Atemwege, war sogar die Rede. Kein Wunder also, dass Maxima panische Angst um sie hatte und wohl auch befürchtete, dass ihr Sonnenschein keine Luft mehr bekommen könnte.

Erst jetzt sollten Sie auflösen, dass dann letztlich doch gar nichts passiert ist:

Doch es sieht so aus, als wäre ihr kleiner Wirbelwind mit dem Schrecken davongekommen.

An dieser Stelle könnten Sie aufhören. Das Drama ist im Kasten, die halbe Heft-Seite mit Text gefüllt, und die durchschnittliche Regenbogenleserin stand sicher schon dreimal kurz vorm Kollaps ob der schockierenden Szenen aus dem Skiurlaub. Aber es fehlt ja noch was. Genau: der Querverweis zu Prinz Friso. Und der geht so:

Was bleibt, sind aber die schlimmen Erinnerungen, die dabei wieder hochkochen. Liegt für die Königsfamilie etwa ein Fluch über dem beliebten Skiort? Auf den Tag genau vor zwei Jahren ereignete sich hier die Tragödie. Bei einem Lawinenunglück verunglückte Johan Friso (†44) schwer. Kein Wunder also, dass dieser erneute, tragische Zwischenfall auch für Mabel (45) und ihre Töchter Luana (8) und Zaria (7) ein echter Schock war. Frisos Tod ist in der Familie ja noch längst nicht verarbeitet, die Wunden immer noch viel zu frisch.

Zu sehen ist Mabel, die nach oben schaut. Bildunterschrift: "Ein berührendes Bild: Tapfer blickt Mabel an dem Ort in den Himmel, wo ihr Mann vor zwei Jahren von einer Lawine verschüttet wurde. Hält sie Zwiesprache?"Und zum Abschluss liefern Sie noch einen — selbstverständlich unheilvollen — Blick in die Zukunft:

Was also, wenn ihnen Lech auch in Zukunft nur Schreckliches beschert? Wer Maxima kennt, weiß – sie wird ihre Konsequenzen ziehen. Vielleicht bricht die Königsfamilie nun mit der langen Tradition und verzichtet auf den Winterurlaub in Vorarlberg.

(Womit dann schon mal die Grundlage für den nächsten Schock-Titel geschaffen wäre: Unfassbarer Skandal – Königin Maxima – Sie bricht mit einer uralten Familien-Tradition.)

Jetzt nur noch eine knallige Überschrift und zack — fertig ist ein astreiner Regenbogenartikel, gebastelt aus einer 15-sekündigen Videosequenz. Glückwunsch! Das kriegt nicht jeder so gut hin.

“Die neue Frau” natürlich schon:

Ausriss: "Die neue Frau", Nr. 10/2014


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