Bergrettung auf der Landstraße

Bergrettung auf der Landstraße

In unserem wöchentlichen Gespräch mit detektor.fm ging es dieses Mal um eine Wunderheilung:

Andrea Berg - Unfall-Drama auf der Landstraße - Ergreifend, wie sie das Mädchen ins Leben zurückholte

Das Gespräch könnt Ihr hier nachhören …

detektor.fm: Es war ja mal wieder viel los in der Yellow Press. Wir sprechen heute über Andrea Berg. Die hatte einen Horror-Unfall. Jetzt haben wir hier natürlich alle schon innegehalten und kurz überlegt: Wie geht’s ihr denn? Ist denn noch alles in Ordnung mit Andrea Berg?

Moritz: Ihr könnt wieder aufatmen. Andrea Berg ist nichs passiert und ich muss das auch unbedingt korrigieren, nicht dass das hier noch juristisch interessant wird: Andrea Berg hatte natürlich keinen Unfall. Die “Woche der Frau” behauptet zwar auf ihrer Titelseite: “Andrea Berg — Unfall- Drama auf der Landstraße — Ergreifend, wie sie das Mädchen ins Leben zurückholte”. Und wir dachten auch zuerst: Menschenskinder, vor der Haustür von Andrea Berg, großes “Unfall-Drama”, junge Dame verletzt und Andrea Berg hilft ihr jetzt mit Sofortmaßnahmen, Erste Hilfe und so weiter. Pustekuchen, natürlich überhaupt nicht. Wir befinden uns ja schließlich in der Welt der Regenbogenpresse. Dieses “Unfall-Drama”, das es gab, liegt schon drei Jahre zurück. Hat auch örtlich nichts mit Andrea Berg zu tun: Die junge Dame, 19 Jahre alt, die da von einer Autofahrerin auf ihrem Fahrrad angefahren wurde, kommt aus Leipzig. Ich vermute mal, das war dann auch da in der Ecke. Andrea Berg wohnt im Süden Deutschlands — also auch örtlich überhaupt kein Zusammenhang. Das Einzige, was Andrea Berg mit dieser jungen Dame zu tun hat, ist die Musik. Denn Nadine R., die diesen Unfall hatte, hört gerne Andrea Bergs Musik. Und diese Lieder von der Schlagerkönigin haben ihr dann geholfen, zurück ins Leben zu finden.

Klassische Geschichte, gab’s ja mit Dieter Bohlen, glaube ich, schon in zehnfacher Ausführung in den letzten Jahren. Was mich wirklich interessiert, auch aus journalistischer Sicht: Bei all dem Schrott, den die da zusammenschreiben — Wieso sind die so gut im Recherchieren, dass die noch Jahre später solche Querverbindungen finden, die kleinsten Fitzel, aus denen man doch noch eine Story drehen kann?

In diesem Fall ist das tatsächlich ganz interessant, denn es gibt hier eine Passage, die liest sich so: “Verriet die Leipzigerin drei Jahre nach dem schrecklichen Unfall ‘Woche der Frau’.” Das scheint also wirklich ein spezieller Fall zu sein, dass sich hier jemand an das Heft gewandt hat. So etwas findet eigentlich selten statt, dass die Regenbogenhefte mal mit Protagonisten sprechen. Die lesen dann eher auf einer Facebook-Seite: “Hier, ich hab’ Andrea Berg besucht, weil ich mal einen Unfall hatte und sie hat mich ins Leben zurückgeholt mit ihrer tollen Musik.” Und dann stricken sie sich da irgendetwas raus. Hier behauptet das Heft ja tatsächlich, dass es mit der Leipzigierin gesprochen hat. Ansonsten ist es wirklich ein großer kreativer Akt, diese Querverbindungen zu finden. Denn der Unfall an sich ist ja erstmal nichts, worüber ein Regenbogenheft berichten würde. Wenn da jemand aus dem normalen Leben einen Unfall hat, das ist nichts mit Prominenten, nichts mit Klatsch. Dieser kleine Fitzel, die Aussage: “Ich hab’ Andrea-Berg-Musik gehört”, da wird’s dann spannend. Das ist ein großer kreativer Prozess der Regenbogenhefte und der Leute, die dort arbeiten. Die müssen ja Woche für Woche aus so gut wie nichts eine große Titelgeschichte machen. Die beneiden wir um diesen Job nicht unbedingt.

Du hast vorhin schon erwähnt: Man muss immer aufpassen, dass es juristisch nicht relevant wird. Ist das so ein Fall, wo jemand wie Andrea Berg dagegen vorgeht? Oder wissen die einfach: Damit muss ich jetzt leben, das lassen wir jetzt so links liegen und nächste Woche ist die Titelseite ja eh wieder vergessen?

Das ist ja grundsätzlich erstmal eine positive Geschichte über Andrea Berg: Ein “Unfall-Drama”, und sie hat geholfen. Das findet das Heft sogar noch “ergreifend, wie sie das Mädchen ins Leben zurückholte”. Nichtsdestotrotz: Auch in positiven Geschichten kann man falsche Tatsachen behaupten. Und da wird’s dann immer interessant. Die Gegendarstellungen, die wir finden, beispielsweise von Günther Jauch, der stark gegen diese Hefte vorgeht, beziehen sich immer nur auf falsche Tatsachenbehauptungen. Da reicht es, wenn ein Alter falsch genannt wird oder wenn gesagt wird: “Er hat für diesen Job Geld bekommen”, und er hat dafür gar nichts bekommen — dann ist das eine falsche Tatsachenbehauptung dieses Heftes. Im Fall von Andrea Berg — ich bin die Geschichte jetzt zwei-, dreimal durchgegangen — handelt es sich um einen sehr glattgebügelten Text. Ein Treffen gab es dann tatsächlich noch zwischen Andrea Berg und dem Mädchen. Die ist nämlich in dem Hotel von Andrea Berg mal vorbeigekommen, hat sich auch mit ihr getroffen und bedankt. Und die Aussagen, dass sie die Musik gerne gehört hat, werden wohl stimmen, denke ich. Deswegen gibt es da nicht viel juristisch zu machen gegen diesen Artikel von der “Woche der Frau”. Wenn Andrea Berg jetzt sagen würde: “Klar, das ist eine positive Geschichte über mich. Trotzdem habe ich keinen Bock, dass das Heft über mich berichtet, vor allem mit einem solchen irren Fantasiegebilde”, da wird sie sehr wahrscheinlich nicht viel gegen machen können.

Gibt diese Geschichte eigentlich genug für so eine Follow-up-Story nächste Woche her? Oder ist die jetzt tot?

Die junge Dame hat ja zum Glück ihren Unfall überlebt. Sie ist zwar noch auf einen Rollstuhl angewiesen, aber sie findet jetzt ins Leben zurück. Klar, wenn sie jetzt noch einmal Andrea Berg besucht und es ihr immer besser geht, dann kann es sicherlich mal passieren, dass da noch was kommt. Aber an sich ziehen die Hefte dann auch immer ganz gerne weiter zum nächsten Schlachtfeld.


Jeden Freitag unterhalten wir uns mit dem Internetradiosender detektor.fm über die Dämlichkeiten der deutschen Regenbogenpresse. Diese Gespräche gibt’s am Montag immer hier bei uns im Blog zum Nachhören und -lesen.

Und unter diesem RSS-Link gibt’s das Ganze als Podcast.


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