Das Undenkbare

Das Undenkbare

Es wurde ja schon viel gemutmaßt über den niederländischen Prinzen Friso, der seit einem Ski-Unfall im Wachkoma liegt. Über das Hospital, in dem er bis vor Kurzem lag. Über die Trauer seiner Frau Mabel. Über den Fernseher in seinem Krankenzimmer.

Doch das hier ist neu. Und es sprengt jegliches Maß an Niedertracht:Schockierende neue Enthüllungen über das Unglück - Mabel & Beatrix - Wollte ihr Friso sich umbringen?“Das Neue Blatt” stellt tatsächlich die Theorie auf, dass Frisos Unfall gar kein Unfall war, sondern ein versuchter Selbstmord. Das liest sich dann so:Friso liegt im Wachkoma. Seit 17 Monaten ist sein Zustand laut Königshof „unverändert und kritisch“. Was sich aber gerade ändert, ist der Blick auf das Unglück, das den Prinzen im Februar 2012 aus seinem bisherigen Leben riss. War es wirklich ein Unfall? Geriet er beim Skifahren in Lech (Österreich) tatsächlich unfreiwillig in die beinahe tödliche Gefahr? Oder sollte das Undenkbare denkbar sein, nämlich dass Friso einfach nicht mehr leben wollte...?Diese Zeilen meint die Autorin Karin Ahrens ernst. Sie setzt zwar fleißig Fragezeichen hinter ihren irren Aussagen. Doch das ändert nichts daran, dass sie “das Undenkbare” aufschreibt, es drucken lässt und ihre Gedanken 466.097 Mal auf deutsche Stubentische auskotzt.

Grundlage dieses Wahnsinns sollen Zeitungsberichte aus den Niederlanden “Schockierende neue Enthüllungen über das Unglück” sein:

Neue Enthüllungen schockieren in diesen Tagen nicht nur die Holländer. Verschiedene Medien — darunter ausgerechnet auch die Zeitung “De Volkskrant”, der Frisos Großvater Prinz Bernhard (✝ 2004) einst seine entlarvende Lebensbeichte anvertraut hatte — malen ein völlig neues Bild des Prinzen. Eines, das verblüfft, erschreckt und nachdenklich macht. Friso sei im Grunde zeit seines Lebens unglücklich gewesen, bleibt unterm Strich all der Schilderungen und Behauptungen, die da zu lesen sind.

Das ist alles, was “Das Neue Blatt” als Grundlage angibt und was diesem Lügenblatt genügt, um mit einem unterstellten Selbstmordversuch auf einen Koma-Patienten einzutreten: Ein Zeitungsbericht aus den Niederlanden, der Friso als traurige Person dargestellt haben soll.

Genau genommen reichen Karin Ahrens sogar nur zweieinhalb Eckpunkte aus Frisos Lebenslauf und ein Foto aus Kindertagen:

Geboren als mittlerer von drei Söhnen, habe er von Kind an oft das Leben eines “Unsichtbaren” geführt.

Als Claus [Frisos Vater] 2002 starb, verlor Friso das Fundament seines Lebens. Die Basis. Den festen Boden.

Vater und Sohn verband die Neigung zum Grübeln, die empfindsame Seele. Auch die Depression?

Einzelgänger: Friso 1971 mit drei Jahren. Er wirkt traurig und in sich gekehrt. Ein Kind, das lieber allein istDaraus und aus dem Ski-Unfall im Februar 2012 strickt sie ihre Suizid-Theorie.

Sie schreibt zwar noch, dass die Hochzeit mit Mabel 2004 für Friso “ein neuer Lebensinhalt”, “eine andere, unkönigliche Perspektive” bedeutete. Doch das hindert Karin Ahrens nicht daran, für diesen schmierigen Schlussakkord noch einmal voll in die Tasten zu hauen:Holten Friso die Dämonen aus der Schattenwelt seiner Seele wieder ein? Hatte ihn die Lebenskraft letztendlich doch verlassen? Fragen, die Prinz Friso wohl nie mehr beantworten kann. Denn er hat zwar überlebt - mehr aber auch nicht.Wir wollten wissen, was tatsächlich in dem Artikel von “De Volkskrant” stand, einem großen, seriösen, linksliberalen Blatt. Denn „Das Neue Blatt“ erwähnt diesen Artikel nur, zitiert allerdings nicht aus ihm.

Wir konnten den Text über Friso allerdings nicht finden. Vielleicht lag es an unserem bruchstückhaften Niederländisch, vielleicht veröffentlicht “De Volkskrant” im Online-Archiv einfach nicht alle Geschichten aus der Print-Ausgabe. Eine Nachfrage bei der niederländischen Zeitung blieb bis heute unbeantwortet.

Wir haben auch in der Redaktion von “Das Neue Blatt” angerufen und darum gebeten, uns den Artikel aus „De Volkskrant“ zuzuschicken, auf dem die Suizid-Vermutung von Karin Ahrens basiert.

Der Rückruf am gleichen Tag verlief ungefähr so:

Hallo Herr Tschermak, XY XYZ von „Das Neue Blatt“ hier. Herr Tschermak, ich soll Ihnen schöne Grüße von unserer Chefredakteurin ausrichten und Ihnen sagen, dass sie als Journalistik-Student doch sicher in der Lage sind, den Artikel selbst zu finden.

Wissen Sie, wir haben schon die Online-Archive durchsucht und ihn nicht gefunden. Gibt es diesen Artikel überhaupt?

Ich schicke Ihnen gerne ein paar Bücher zum Thema „Gute Recherche“. Den Artikel bekommen Sie von uns aber nicht.

Das war‘s.

Wissen Sie was, liebe Rückruf-Dame von “Das Neue Blatt”? Das Angebot mit den Recherche-Büchern nehmen wir gerne an. Wir können uns nun wirklich nicht vorstellen, dass Sie die bei Ihrer Arbeit vermissen werden.


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