Der Klatsch macht puff
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Der Klatsch macht puff

Das war‘s dann also mit der “Heim und Welt”. Nach 66 Jahren ist Schluss, Ausgabe 25 bietet letztmalig “Alles für die Frau”. Die Auflage von knapp 28.000 verkauften Exemplaren scheint den Klambt-Verlag nicht zum Weiterzumachen zu motivieren. Wieder ein Regenbogenheft weniger.

Liebe Leserinnen, liebe Leser, nach vielen erfolgreichen Jahren müssen wir uns von einem lieb gewonnenen Heft trennen: Ihre Zeitschrift HEIM UND WELT erscheint mit dieser Ausgabe zum letzten Mal. Bedanken möchten wir uns bei Ihnen, dass Sie uns die Treue gehalten haben!

Regelmäßig verschwinden kleinere Titel aus den Kioskregalen, Neugründungen tauchen plötzlich auf. Das Einstampfen der “Heim und Welt” ist dennoch bemerkenswert, weil sie selbst bemerkenswert ist.

Da wären zum Beispiel die fantastischen Artikeleinstiege. Kostprobe:

Das glücklich verliebte Paar wandelt einträchtig durch den malerischen Garten.

Oder:

Die gleißende Mittagssonne taucht die Wüste Kenias in einen goldenen Glanz.

Oder:

Mit ruhiger, warmer Stimme setzt er Wort an Wort.

Das ist nicht etwa ein Best-of der vergangenen Monate, diese Beispiele stammen allesamt aus dieser letzten “Heim und Welt”-Ausgabe:

Titelseite der letzten "Heim und Welt"-Ausgabe

Die Fake-Reportagen sind das Markenzeichen der Redaktion. All das, was schon längst oder auch nie passiert ist, serviert sie in Echtzeit. Und fürs Grande Finale haben die Mitarbeiter noch einmal üppig aufgefahren: Schaut her, bis zum Schluss schwitzen unsere Reporter mit, wenn Karlheinz Böhm durch kenianisches Wüstengebiet wandert, und lauschen an der Palasttür, wenn König Juan Carlos den Spaniern seine Abdankung verkündet.

Doch nicht nur Freunde von lebhaften Klatschartikeln müssen sich ab sofort nach einer Alternative umschauen, sondern auch die Laufhausbetreiber und Puffbesitzer der Republik. Denn die inserieren seit Jahrzehnten in der sonst so biederen “Heim und Welt”. Das Blatt ist zum Zentralorgan der Branche gewachsen.

Aktuell sucht ein “Privatclub in Güsterloh” nach “netten Damen” und ein “Top Sauna Club in München” braucht “noch Mädels”. Eine ganze Doppelseite mit Erotik-Anzeigen. Und mittendrin Werbung für Peta, den Nabu und Brot für die Welt. Was für eine Mischung!

Hach, “Heim und Welt”, wir werden Dich nicht vermissen.


Dieser Text ist gestern auch im “Tagesspiegel” erschienen. Jeden zweiten Montag schreiben wir dort eine Kolumne über die Regenbogenpresse.


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Kommentare:

  1. Interessant ist ja auch, dass die Heim und Welt nach 66 Jahren ihre letzte Ausgabe immer noch mit “NEU!” labelt….

  2. @Martin: Die Heim und Welt hatte sich Anfang 2013 von ihrem in Schreibschrift geschriebenen Logo getrennt, wohl um etwas moderner zu wirken. Seit dem prankt der Aufdruck “NEU” auf dem Titel…

    Wenn man so die Cover mit den anderen Adelheftchen vergleicht, ist sie wohl einfach zu wenig krawallig für große Auflagen gewesen.

  3. Laut Wikipedia sollen auch die Zeugen Jehovas das Heft gerne gelesen und oft Anzeigen geschaltet haben, was die Sache noch skurriler macht: Bordell-Anzeigen und Anzeigen der Zeugen Jehovas in einem Heft – Sachen gibt’s…

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