Die unglaubliche Entführung
des verrückten Mr. Jauch

Die unglaubliche Entführung
des verrückten Mr. Jauch

Achtung, Achtung! Die Redaktion der “Woche heute” ist in heller Aufregung:

Es ist eine unfassbare Geschichte. Paul Wildensorg lebt auf dem Land und arbeitet in einem Dorf-Supermarkt. Einziger Höhepunkt der Woche: Günther Jauchs (57) Show Wer wird Millionär? Da rät Paul mit, kennt jede Antwort. Deshalb will auch er Kandidat werden - und bekommt tatsächlich seine Chance. Doch vor laufender Kamera versagt er völlig, gewinnt keinen Euro. Da reift in Paul ein furchtbarer Plan: Er wird Günther Jauch entführen, um so über das Lösegeld an die entgangene Million zu kommen! Mit seinem Mitbewohner Herrn Müller und dessen Freundin Katja setzt er diesen Plan tatsächlich um. Günther Jauch wird betäubt und entführt!

Oder als verkaufsankurbelnde Schlagzeile auf dem Titelblatt:

Günther Jauch - Entführungs-Drama - Alle Hintergründe der unglaublichen Geschichte

Von einer “unglaublichen Geschichte” zu sprechen, trifft es schon ganz gut. Denn direkt nach ihrem dramatischen Entführungs-Einstieg erklärt die “Woche heute” ihren Leserinnen und Lesern, dass sie einmal mehr verarscht wurden. Dass sie wieder einmal Geld für ein Versprechen ausgegeben haben, das sich in Luft auflöst. Und dass sie keine Angst um ihren Lieblingsmoderator haben müssen:

Keine Sorge! Das Ganze ist Satire.

Es geht um ein Buch, von irgendjemandem geschrieben, der sich eine Geschichte ausgedacht hat, in der Günther Jauch entführt wird.

Eine lustige Geschichte. Die aber eine handfeste Gefahr für den realen Günther Jauch birgt: Sie könnte echte Gewaltverbrecher auf schlimme Ideen bringen! Schon in der Vergangenheit gab es Bücher und Filme, die Verbrecher zu ihren Taten inspirierten.

Beispiel gefällig?

Natascha Kampusch konnte 2006 vor ihrem Peiniger flüchten und veröffentlichte 2010 ihre Autobiografie "3096 Tage" - 1998 entführte Wolfgang Priklopil die damals zehnjährige Natascha Kampusch in Wien auf ihrem Weg zur Schule. Acht Jahre hielt er sie in seinem Haus in Strasshof gefangen. Priklopil soll sich an dem ROman "Der Sammler" von John Fowles orientiert haben, in dem eine Studentin erntführt wurde

Hört mal zu, Mitarbeiter der “Woche heute”. Dass ihr eine Geschichte wieder mal bis zum Äußersten verdreht und entstellt — geschenkt. Aber den wirklich tragischen Fall von Natascha Kampusch zu benutzen, damit aus dieser wirren Titelgeschichte doch noch irgendwie eine Gefahr für Günther Jauch wird — das widert uns an.


Nachtrag, 26. Januar 2014, 11:10 Uhr: Der “irgendjemand”, der die fiktive Jauch-Entführung geschrieben hat, heißt Christian Ritter. Er hat einen offenen Brief an die “Woche heute” verfasst, den wir mit seiner freundlichen Genehmigung hier auch veröffentlichen dürfen:

Liebe Woche Heute,
ich finde Ihren Namen etwas widersprüchlich, aber darum geht’s grade nicht. Auf die Realitätssuggestion Ihrer aktuellen Titelgeschichte, based on a true novel, will ich auch gar nicht weiter eingehen. Das ist ja Ihr branchenübliches Tagesgeschäft. Nachdem Sie im Artikel für die Auflösung des Rätsels gesorgt haben, wer hinter der nicht stattgefundenen Entführung steckt, stellen Sie als runden Abschluss diese Behauptung auf:

Dass jemand sein Buch falsch verstehen könnte – darüber hat sich Christian Ritter wohl weniger Gedanken gemacht.

Womit schonmal feststeht, dass Sie das Buch, über das Sie schreiben, gar nicht gelesen haben. Für die ganz, ganz Begriffsstutzigen gibt es in “Die sanfte Entführung des Potsdamer Strumpfträgers” nämlich ein Nachwort, das mir ein Justitiar von Random House eigens verfasst hat. Da steht, und das ist trotz des unterhaltenden Tons ernst gemeint:

Rechtlicher Hinweis: Dieses Buch ist ein Roman. Alles, was darin steht, hat sich mit Ausnahme von einzelnen Abläufen aus Fernsehshows so nie ereignet, sondern ist erfunden und damit von der Kunstfreiheit geschützt. Insbesondere wurden selbstverständlich weder Günther Jauch noch [...] oder andere dort genannte Prominente jemals entführt, noch erhalten diese für Entführungen eine Aufwandsentschädigung. Autor und Verlag warnen hiermit alle Leserinnen und Leser vor einer Nachahmung. Entführungen, auch sanfte, können sehr unangenehme Folgen haben und sind deshalb unter Androhung einer Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren streng verboten. [...]

Den zweiten dort genannten Promi-Namen habe ich weggelassen, damit Sie für die nächste Entführungsstory etwas recherchieren müssen. Die Dame taucht auch öfter auf Ihren Titelblättern auf, Helene Fischer ist es aber nicht.

Jedenfalls, es ist eigentlich lächerlich, das zu erklären, besteht ein scharfer Unterschied zwischen Fiktion und Realität. Jeden Sonntag schauen Millionen Menschen den Tatort und nur die wenigsten von ihnen begehen danach einen Mord oder eröffnen einen Prostitutionsring. Ich komme noch mal zurück zu Ihrer Behauptung …

Dass jemand sein Buch falsch verstehen könnte – darüber hat sich Christian Ritter wohl weniger Gedanken gemacht.

… und stelle die Frage einfach mal zurück: Wie viele Gedanken haben Sie sich denn genau darüber gemacht, dass jemand Ihre Titelzeile falsch verstehen könnte?

Ich für meinen Teil behaupte an keiner Stelle, obwohl ich mit real existierenden Personen (und nicht wenigen) im Buch hantiere, dass diese “unglaubliche Geschichte” irgendwie wahr wäre. Und Sie? Hm? Na, sehen Sie. Glashaus und so.

Was ich außerdem, im aktuellen Medienjargon, schon etwas frech von Ihnen finde, ist übrigens, dass wir nie miteinander gesprochen haben, Sie aber genau diesen Eindruck erwecken. Die Zitate, die Sie von mir verwenden, stammen aus einem Interview, das Ralf Heimann von der Münsterschen Zeitung vor zwei Wochen mit mir geführt hat. Und wieso habe ich kein Belegexemplar von Ihnen bekommen und musste den Artikel mühselig im Internet finden? Immerhin habe ich für Ihre Titelgeschichte gesorgt.
Außerdem: Welcher Ihrer Mitarbeiter war auf einer meiner Lesungen? Sie erzählen die Handlung exakt so lange nach, wie ich es auch tue, wenn ich öffentlich aus dem Buch vorlese. Hat er/sie wenigstens danach ein Exemplar gekauft, oder haben Sie die Recherchekosten von 8,99 Euro gescheut? So viele Fragen!

Vorerst danke ich Ihnen für die Aufmerksamkeit, die Sie meinem Buch haben zukommen lassen, hoffe, dass sich Ihr Heft wie geschnitten Brot verkauft und entschuldige mich stellvertretend für Sie bei Ihren LeserInnen, denen durch Ihr Titelblatt unkontrolliert der Angstschweiß ausbrach. Ich mache mir selbst Sorgen um Beatrice Egli, wegen dem Liebes-Aus (falls es ihr eigenes war), auch wenn ich gar nicht weiß, wer das ist.

Abschließend: In meiner Geschichte wird Günther Jauch sehr gut behandelt, es ist ja auch eine sanfte Entführung. Kein Grund zur Aufregung. Wie die Entführer es mit einfachen Hausmittelchen geschafft haben, ihn auf ihr Sofa zu bekommen, ist aber schon faszinierend, oder? … Achso, Sie haben’s ja gar nicht gelesen.

Sanfte Grüße,
Christian Ritter


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