English learnen mit Merkels Mum
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English learnen mit Merkels Mum

Ein paar olle Klischees über Rentner aufzählen, dem Leser zwei blöde Fragen stellen und dann so tun, als hätte der Leser diese Fragen selber gestellt und wäre interessiert an den Antworten — ist das nicht ein feiner Einstieg in einen Artikel? Ob jemand wirklich etwas so Dämliches macht, wollt Ihr jetzt vielleicht wissen? So ein Zufall, dass Ihr fragt. Wir hätten da die passende Antwort — sie kommt von der “Prima Woche”, einem Regenbogenblatt aus dem Alles Gute Verlag:

Nachmittags in stabiler Rückenlage auf dem Sofa faulenzen, sich vom Fernseher berieseln lassen, höchstens mal die Nachbarin zum Treppen-Tratsch treffen — ist das noch ein Leben? Was wäre denn eine schönere Alternative, wollen Sie jetzt vielleicht wissen? So ein Zufall, dass Sie fragen. Wir hätten da die passende Antwort — sie kommt von Herlind Kasner, der Mutter von Angela Merkel (60).

Denn Merkels Mutter ist eben nicht so faul und altersträge, wie die “Prima Woche” offenbar den Großteil der eigenen Leserschaft einschätzt, sondern eine “robuste Rentnerin”:

Angela Merkel - Ihre Mutter gibt Englisch-Unterricht mit 85!

Neu ist die Info, dass Herlind Kasner an einer Volkshochschule Sprachkurse anbietet, so gar nicht. Die “Berliner Morgenpost” hat diese Geschichte bereits vor sechs Jahren aufgeschrieben. Aus diesem Artikel borgt sich die “Prima Woche” ein paar von Kasners Aussagen und fettet das Ganze mit ein paar ausgedachten, falschen Fakten an:

Wer sich auf den Internetseiten der VHS Templin schlau macht, darf zur Kenntnis nehmen: Fast alle Kurse der freundlichen Dame sind ausgebucht. Und das liegt sicherlich nicht nur daran, dass ihre Tochter Königin von Deutschland ist.

Das ist schlichtweg gelogen. Denn wer sich auf den Internetseiten der VHS Templin tatsächlich mal schlau macht, sieht: Einer von drei Kursen, die Herlind Kasner anbietet, ist mit “Veranstaltung fast ausgebucht” gekennzeichnet, einer mit “Buchung möglich” und einer ist seit gestern beendet, war vor wenigen Tagen aber ebenfalls noch problemlos buchbar.

Und wenn noch einige Plätze in den Kursen zu haben sind, dann kannst Du, “Prima Woche”, Deiner faulenzenden, TV-glotzenden und tratschenden Leserschaft zum Ende doch nur einen Rat aufs Sofa senden:

Ha, jetzt haben Sie was zum Nachdenken, was Sie mit Ihrem Leben anfangen können. Wenn Sie sagen: “I speak English very well, but I can it nich so schnell” — dann besuchen Sie doch mal die nette Frau Kasner …


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Kommentare:

  1. Meine These: Der Artikel hätte eigentlich erst im Juli erscheinen sollen, wenn die Kurse tatsächlich ausgebucht wären – notfalls durch den Praktikanten der “Prima Woche” – und Angela Merkel tatsächlich schon ihren 60. Geburtstag hinter sich gebracht hätte. Leider wurden die Würfel, mit denen eine neue Story über Helene Fischer geschrieben werden sollte, vom redaktionseigenen Meerschweinchen (dem Chefredakteur) gegessen. Und in der Eile hat man völlig vergessen, den Artikel anzupassen.

  2. “I speak English very well, but I can it nich so schnell”
    Warum denke ich die ganze Zeit an dem Artikel, dass diese Zeitungen nicht nur ihre Leser für sehr dumm, sondern auch noch für ungebildet halten.

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