Hetze aus dem Baukasten

Hetze aus dem Baukasten

Nach 100 Tagen Arbeit mit der Regenbogenpresse erkennt man Muster in der Berichterstattung dieser Blätter. Es gibt wiederkehrende Vorgehensweisen, wie Geschichten von den Redaktionen zusammengeschustert werden. Die alten Schablonen werden aufgegossen mit neuen Namen, neuem Schund und neuen Hirngespinsten der Redakteure.

Wie sieht der Weg vom leeren Blatt zum fertigen Artikel aus? Die Genese einer Regenbogengeschichte, in diesem Fall aus “die aktuelle”.

Am Anfang stehen immer Bilder. Fotos von Adligen und Prominenten mit leeren oder vollen Gläsern in der Hand, Fotos von Inka Bause bei der Gartenarbeit, Fotos von Jenny Elvers beim Nachhausekommen.

Oder Fotos von Boris Becker und seiner Frau Lilly Kerssenberg aus den Archiven der Paparazzi-Agenturen:Fotos von Lilly Kerssenberg und Boris Becker

Fotos von Lilly Kerssenberg und Boris BeckerAuf diesen Fotos basiert der gesamte Artikel, der überschrieben ist mit “Was für ein peinliches Paar!”

Denn im nächsten Schritt schreiben die Mitarbeiter plump auf, was sie sehen oder sehen wollen. Es sind simple Bildbeschreibungen:

Boris’ Gesicht nimmt eine bedenklich rote Farbe an, seine Gesichtszüge entgleisen.

Ein Bild des Jammers, wen “Bobbele” nicht gleichzeitig so lächerlich aussehen würde. Ringe um den Bauch, eng spannende Hosen, runder Kopf mit glasigen Augen. Eigentlich eine Lach-Nummer, wenn’s nicht so peinlich wäre.

Lillys 37. Geburtstag: Boris hat sie in Londons “Lolou‘s”-Club ausgeführt. Aber dann krachte es …

Prost! Lilly liebt Champagner Rosé und greift schon mal selbst zur Flasche, wenn’s schneller gehen soll

After-Show-Party in Berlin: Zigarettchen und noch ein Gläschen … Lillys heißer Flirt mit “Bachelor” Paul Janke

Auweia: Boris hat sichtlich Schwirigkeiten, in seinen [sic!] Ausstellungs-Auto zu posieren. Das Gesicht knallrot, der Blick gläsern …

Fertig: Das war wohl ein Gläschen zuviel. Lilly rauft sich beschwipst die Haare, Boris wahr noch Haltung

Lilly wackelt auf der Berliner Fashion Week die Treppe runter. Der Mini ist zu hoch gerutscht …

Damit ist ein großer Teil der ohnehin kurzen Artikel schon geschrieben.

Die restlichen Zeilen füllen die Redakteure mit Weisheiten …

Geld verdirbt den Charakter. Sagt der Volksmund. Aber da muss schon mehr als ein Körnchen Wahrheit dran sein. Jedenfalls dann, wenn die Beckers aufschlagen.

… Plattitüden …

Heute London, morgen Berlin, übermorgen Paris — nur die Frisur, die sitzt nicht mehr …

und der zielgruppengerechten Bestätigung von Rollenbildern, die aus den 50er- und 60er-Jahren stammen dürften:

Lillys Exzesse sind legendär. Keine Party (wie jetzt auf der Berliner Fashionweek), auf der sie nicht ihren Champagner Rosé schlürft. Hat sie zu viel drin, wird sie auch schon mal laut. Dann hat „Wifey“ — so nennt Boris sie gerne — keine Lust mehr, sich ihrem Mann unterzuordnen. Der ruft sie schließlich zur Räson. Und bewirkt genau das Gegenteil: Lilly widerspricht, sie zickt.

Es gibt in diesem Text keine Zitate, keine Fakten oder Dokumente, die irgendetwas von dem Mist bestätigen, der über Boris Becker und Lilly Kerssenberg behauptet wird. Es sind im wahrsten Sinne des Wortes Momentaufnahmen, die mit viel Fantasie aufgeblasen werden zu kleinen Skandälchen und großen Skandalen.

Man könnte es nun dabei belassen. Oder — und dazu entscheiden sich diese Schmierblätter meistens — man fährt zum großen Finale auf. Boris und Lilly, die Rabeneltern:

Es gibt alles Grund, sich Sorgen zu machen. Immerhin haben die beiden einen Sohn. Aber wo ist Klein-Amadeus, 3, überhaupt? Das Kind hat schon lange keiner mehr gesehen. Die Eltern machen Party — und Amadeus bleibt allein zu Haus … ?

Und so entsteht dann dieser Artikel:

Lilly Becker - Teufel Alkohol! Sie fiel schon wieder aus der RolleWas die Redaktionen mit derartigen Geschichten anrichten, kann man häufig ein bis zwei Wochen später auf den Leserbrief-Seiten beobachten:

Luxus Leben - Was hat sich Becker da nach Hause geholt, mit seiner Lilly? Seine Barbara ließ er sausen und dieses Luxus-Weibchen heiratet er. Eine Frau, die große Probleme hat und sonst im Leben wenig taugt. Auf Kosten von Bobbele lebt sie ihr Luxus-Leben mit der Flasche in der Hand. Und Becker schaut zu. Was für Vorbilder für den Sohn. Beide reisen in der Welt umher, ohne Rücksicht auf den Jungen. Wann wachen die beiden eigentlich auf, geben dem Kind ein Zuhause? Wenn das Geld alle ist? Unverantwortlich wie der Junge herumgereicht wird. Immer und überall sind beide in der ersten Reihe, nur um gesehen zu werden. Sie haben es wohl nötig.

Da stellt sich nur noch eine Frage: Was war zuerst da — der verblödete Leserbriefschreiber oder das verblödende Medium?


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