Hochenegg und Söhne

Hochenegg und Söhne

Die einen nennen sie Scharlatane.

Die anderen nennen sie …Die Wunderheiler aus Tirol

Diese drei Seiten lange Geschichte in der “Freizeit erleben!” handelt von der österreichischen Familie Hochenegg, die mit ihren umstrittenen “Heilkräften” schon seit Jahrzehnten für Aufregung sorgt.

Die Zeitschrift fragt im Teaser:

Gibt es sie wirklich, die Heilkräfte der Familie Hochenegg aus Tirol? Unsere Autorin Barbara Simonsohn hat die Wunderheiler besucht

Und herausgekommen ist ein völlig unkritischer und einseitiger Artikel mit falschen Fakten und unterschlagenen Informationen, eine dreiste Werbegeschichte für das Unternehmen Hochenegg – geschrieben von einer Autorin, die schon seit Jahren mit der “Wunderheiler”-Familie zusammenarbeitet.

Doch beginnen wir dort, wo diese Geschichte ihren Ursprung hat: im kleinen Dorf Mils in Tirol. Das sei, schreibt die Autorin, “zum Wallfahrtsort für Heilungssuchende aus ganz Europa und sogar aus Übersee” geworden. Begeistert fügt sie hinzu:

Selbst Prominente wie Prinz Charles und Maria Schell ließen sich hier mit Handauflegen und Kräutermedizin erfolgreich behandeln!

Leonhard Hochenegg, der Gründer der Praxis, sei “sogar vom japanischen Kaiser zur Visite” eingeflogen worden. Und auch Hocheneggs Söhne hätten “seine ‘heilenden Hände’ geerbt” und würden nun “sein Werk der ‘sanften Medizin’ erfolgreich” fortsetzen.

Dass der inzwischen verstorbene Leonhard Hochenegg vorbestraft war, erwähnt die Autorin nicht.

Dass ihm in mehreren Gerichtsverfahren unter anderem Betrug, Steuerhinterziehung und schwere Körperverletzung vorgeworfen wurde, erwähnt sie nicht.

Dass die Tiroler Ärztekammer jahrelang versuchte, ihm ein Berufsverbot zu erteilen, und ihm 2004 endgültig die Approbation entzog, erwähnt sie nicht.

Darum tun wir das jetzt.

Schon in den 90ern sorgte Leonard Hochenegg mit seiner “Gabe” für Aufsehen. Patienten, denen er die Hände auflegte, verspürten ein wundersames Kribbeln. Doch wie sich später herausstellte, lag das wohl weniger an seiner kosmischen Heilenergie, als vielmehr an den Batterien, die Hochenegg in seinen Schuhen versteckt hatte.

Immer wieder geriet Hochenegg mit der Justiz aneinander, und die Tiroler Ärztekammer erteilte ihm schon 1998 ein einjähriges Berufsverbot. 2001 folgte eine Verurteilung, weil Hochenegg Steuern in Millionenhöhe hinterzogen hatte. Drei Jahre später wurde ihm von der Ärztekammer endgültig die Approbation entzogen.

2006 warf ihm die Staatsanwaltschaft vor, eine Brustkrebspatientin jahrelang falsch behandelt zu haben. Wegen schwerer Körperverletzung und Betrugs musste er sich deshalb erneut vor Gericht verantworten; schließlich wurde er freigesprochen.

Über all diese Dinge verliert die Autorin kein einziges Wort.

Stattdessen beschreibt sie auf drei Seiten, wie toll die Hocheneggs sind.

Man könne bei ihnen “von echten ‘Heilkünstlern’ sprechen”, findet sie.

Schon unzähligen Menschen, die oft bereits von der Schulmedizin aufgegeben waren, konnten sie durch die Heilkraft ihrer Hände und die Unterstützung mit Heilpflanzen helfen.

Ausführlich erzählt die Autorin zum Beispiel von Beatrix P., die “2009 zwei große Knoten rechts und links an der Schilddrüse” entdeckte:Ein OP-Termin stand schon fest - jetzt ist sie gesund!

(Unkenntlichmachungen von uns.)

Dort heißt es:

Vonseiten der Schulmedizin gab es nur eine Empfehlung: die sofortige Entfernung der Schilddrüse. Ein Operationstermin stand schon fest.

Kurz nach dem letzten Arztbesuch fuhr Beatrix P. nach Mils zu Franz Josef Hochenegg [Sohn von Leonhard Hochenegg]. Er legte ihr die Hände auf und empfahl ihr, drei Mal täglich das natürliche Schilddrüsenpräparat seines Vaters [Name des Präparats] einzunehmen. Nach etwa vierzehn Tagen Behandlung sagte er zu Ihr[sic!]: “Sie sind jetzt wieder gesund!” Er gab ihr ihre Behandlungskarte zurück. Von diesem Moment an verschwanden alle oben aufgeführten Symptome fast schlagartig. Die beiden Knoten an der Schilddrüse haben sich inzwischen komplett zurückgebildet.

“Geheilt!” steht in großen Buchstaben auf dem Foto von Beatrix P.

So wie auf dem Foto von Sabrina E., die “unter schwerer Neurodermitis” gelitten hatte, bevor sie sich von den Hocheneggs behandeln ließ. Jetzt hat sie “wieder schöne Haut” und führt endlich “ein Leben ohne quälende Hautkrankheiten!”

Und Harm K. “kann endlich wieder sein Hobby, das Bergwandern, genießen!” Denn seine Muskelschwäche verschwand nach der Behandlung “durch Kräuterinjektionen, Kräuterkapseln und tägliches Handauflegen” der Hocheneggs.

Die Autorin hat sogar noch mehr Heilungs-Geschichten auf Lager:

Ich selbst habe eine junge Studentin in Mils getroffen, die im Rollstuhl saß wegen Multipler Sklerose (MS), und von den Hocheneggs von ihrer Krankheit komplett geheilt wurde, obwohl MS als unheilbar gilt. Und ich traf Angela [S.], deren Vater Dr. Josef [S.] von den Hocheneggs von Darmkrebs geheilt wurde. Auch ihn hatten die Ärzte bereits aufgegeben.

Zum “Beweis, dass die Hocheneggs keine Scharlatane sind, sondern offenbar wirklich über Heilkräfte verfügen”, hat die “Freizeit erleben!” den Brief einer Tiroler Ärztin abgedruckt, die erklärt, dass sie die Berichte der Patienten für “authentisch” halte. Die Ärztin hat uns auf Anfrage bestätigt, diesen Brief geschrieben zu haben.

Wir haben auch mit einer der genannten Patientinnen gesprochen. Sie hat vor einiger Zeit tatsächlich zugestimmt, dass ihre Krankheits- beziehungsweise Heilungsgeschichte in einem Artikel auftaucht. Von der konkreten Veröffentlichung in der “Freizeit erleben!” wusste sie allerdings nichts.

Aber zurück zu den Hochenegg-Söhnen. Die können “das ‘Heiler-Gen’ ihres berühmten Vaters” nicht nur zur Linderung von Krankheiten einsetzen, sondern auch zur Vorbeugung, erklärt die Autorin weiter:

Viele Menschen kommen nach Hall oder Mils zur Gesundheitsprophylaxe, um ihren “Akku” wieder aufzuladen und sich mit Lebensenergie aufzutanken. Sie erleben dadurch eine Leistungssteigerung und mehr Lebensfreude. Die traumhafte Umgebung tut ein Übriges.

Und wenn man schon mal da ist, kann man die Reise auch gleich “mit einem Urlaub in der schönen Bergwelt Tirols” verbinden. Kleiner Tipp der Autorin:

Im nahe gelegenen Dorf Gnadenwald lädt eine alte Klosterkirche zur Besinnung ein, und man kann kostenlos Heilwasser aus einer alten Quelle schöpfen.

Das weiß die Autorin alles so genau, weil sie selbst da war – um die “Heilende[n] Hände” der Hocheneggs am eigenen Leib auszuprobieren:

Bei einem Handauflegen durch Hans und Dominik Hochenegg fühlte ich eine warme, vibrierende Energie, und noch tagelang war ich voller Energie, Lebensfreude und Tatendrang.

Und wie viel sie dafür bezahlt hat, erfahren wir auch. Denn gegen Ende des Textes wird es nochmal richtig werblich:

Sogar Fernbehandlungen machen die Hochenegg-Brüder – umsonst! Auch das Erstgespräch vor Ort ist umsonst. Eine Heilbehandlung kostet 25 Euro, eine große Tüte Kräutertee zwischen 5 und 10 Euro, und für Elixiere und Tropfen zahlt man zwischen 8 und 12 Euro.

Allerspätestens jetzt sollte klar sein, dass dieser Artikel ein einziger großer PR-Text für die Hocheneggs ist. Ohne jede Distanz, ohne jegliches Interesse an einer ausgewogenen Berichterstattung.

Nur in einem einzigen, kurzen Satz wird die Kritik an den “Wunderheilern” angedeutet – und gleich wieder vom Tisch gefegt:Die Hochenegg-Söhne werden oft mit Skepsis konfrontiert. Die vielen Dankesschreiben erfolgreich geheilter Patienten, von denen einige sogar einen "Dr. Hochenegg-Freundeskreis" gegründet haben, geben ihnen aber recht", sagt selbst der Vorsitzende des ärztlichen Hartmann-Bundes, Dr. Montgomery.

Nun, das ist interessant. Denn Dr. Montgomery war zu keiner Zeit der “Vorsitzende des ärztlichen Hartmann-Bundes”. Er war mal Bundesvorsitzender des Marburger Bundes. Heute ist er unter anderem der Präsident der Bundesärztekammer.

Wir haben mal bei Herrn Montgomery nachgefragt, was er davon hält, dass sein Zitat als indirekter Beleg für die Heilkünste der Hocheneggs herangezogen wird. Und ob er das überhaupt so gesagt hat.

Die Pressestelle der Bundesärztekammer antwortete uns:

Herr Montgomery äußert sich im Zusammenhang mit Pluralismus in der Medizin wie folgt: “Medizin braucht Vielfalt – und deshalb haben auch bestimmte alternative Heilmethoden wie die Homöopathie, die unter anderem von intensiven Gesprächen zwischen Patient und Arzt geprägt ist, ihren Platz in der Patientenversorgung.”

Zum von Ihnen angeführten Fall der Hochenegg-Famile hat sich Herr Montgomery nicht explizit geäußert.

Die Autorin hat das Zitat also entweder völlig aus dem Zusammenhang gerissen — oder sie hat es erfunden.

Aber das wundert uns ehrlich gesagt nicht wirklich. Und es ist auch keine große Überraschung, dass die Autorin Barbara Simonsohn offenbar eine enge Freundin des Hauses Hochenegg ist.

Simonson, die auch als Reiki-Lehrerin arbeitet und zahlreiche Bücher zu alternativen Heilmethoden geschrieben hat, verweist in ihren Texten oft auf die Methoden und Thesen der Hocheneggs, und für einige Bücher haben die “Wunderheiler” ihr netterweise sogar Interviews gegeben.

So heißt es in der Beschreibung ihres Buches “Papaya – Heilen mit der Zauberfrucht”:

Ein Interview über die Heilkraft der Papaya mit dem Tiroler Bergdoktor Dr. Hans Hochenegg stellt ein weiteres Highlight im Buch dar.

Es scheint also eine recht fruchtbare Beziehung zu sein zwischen der Autorin und den Tiroler Bergdoktoren: Die Hocheneggs helfen Barbara Simonsohn dabei, ihre Bücher besser zu verkaufen — und Simonsohn hilft den Hocheneggs, indem sie Werbung für die “Wunderheiler” macht.

Interessant in diesem Zusammenhang ist ein Artikel der österreichischen “Kronen Zeitung” aus dem Jahr 2009. Dort heißt es in einem Nachruf über Leonhard Hochenegg:

Dr. Leonhard Hochenegg starb am Aschermittwoch in seinem Heimatort Mils. Für manche war er ein “Wunderheiler”, für andere ein Scharlatan mit fiesen Tricks. Zuletzt sorgte der Mediziner, der nicht mehr praktizieren durfte, mit seinem Konkurs für Aufsehen.

Vor der Praxis in der Haller Altstadt sorgten über Jahrzehnte Autos mit ausländischen Kennzeichen für Aufsehen. Leonhard Hochenegg war international als “Wunderheiler” bekannt. Viele Kranke setzten ihre letzten Hoffnungen auf den Tiroler Arzt – nicht zuletzt, weil immer wieder Illustrierte über seine Erfolge berichteten.

Und wie das aussieht, wissen wir ja jetzt.

Der SCG-Verlag wollte sich übrigens nicht zu diesem Artikel äußern.


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