Im Beichtstuhl von Frau Müller

Im Beichtstuhl von Frau Müller

Er könne sich, sagt Günther Jauch, in der Öffentlichkeit “nicht so frei und authentisch äußern, wie ich es manchmal gerne würde.” Zu vielen Dingen würde er “sicherlich viel mehr sagen, wenn ich nicht immer Gefahr liefe, dass da wieder alles verdreht wird. Das heißt, ich muss bei allen Artikeln, bei allen Äußerungen von mir immer genau schauen: Was kann daraus gemacht werden?”

Denn wenn er dann doch mal irgendwo über etwas halbwegs Privates spricht, kommen solche Sachen dabei raus:Wie kann er nur im TV so über seine Frau sprechen? - Günther Jauch - Schockierende Ehe-Beichte

Damit Sie mal sehen, wie so ein Artikel zustande kommt, wollen wir ihn Schritt für Schritt durchgehen.

Geschrieben wurde er von Jacqueline Müller, die auch sonst gerne mal im Privatleben anderer schnüffelt, wenn sie nicht gerade den Tod eines Altkanzlers suggeriert, was man eben so macht als Leiterin des “Show”-Ressorts beim “neuen Blatt”.

Die “schockierende Ehe-Beichte” hat Jacqueline Müller aus mehreren Zitaten von Günther Jauch zusammengebastelt, die sie in zwei Interviews und zwei Fernsehauftritten gefunden hat.

Die erste “Beichte” ist genau einen Satz lang und stammt aus Jauchs ARD-Talkshow, bei der er sich, wie Müller findet, “tief in seine Seele blicken” ließ:

Als seine Gäste über Eheglück sprachen, offenbarte er plötzlich: “Das ist ja eigentlich eine Sehnsucht von uns allen, dass wir einen solchen Partner, eine solche Partnerin jeweils finden, wo dann das Glück bis zum Ende aller Tage hält…”

Was genau an dieser Aussage so “schockierend” sein soll, verrät Müller leider nicht. Sie fragt nur:

Nanu, was sind denn das für nachdenkliche Töne? Hat der Talkmaster etwa Angst um seine Beziehung mit Thea, die er erst nach vielen gemeinsamen Jahren 2006 in Potsdam heiratete?

Und was die viel spannendere Frage ist: Wie kommt Frau Müller auf so eine Idee?

Eine Antwort darauf liefert sie jedoch nicht. Also kommen wir zur nächsten “Ehe-Beichte”:

Erst kürzlich verriet er in der RTL-Show “Die 2″, dass er seine Frau nur manchmal duzt und kommentierte noch: “Es sollen angeblich die glücklichsten Ehen sein, wo man sich morgens mit ‘Sie’ begrüßt, aus den getrennten Schlafzimmern kommend …”

Und das hat er sicher auch genauso gemeint, als er das sagte, in dieser Show, die im Kern daraus besteht, dass Günther Jauch und Thomas Gottschalk lustig gemeinte Sachen machen und lustig gemeinte Sachen sagen. Aber gut.

Dann schockiert er “Hörzu”-Leser mit Worten, die eine Ehefrau verletzen können: “Man mag sich, aber die Welt geht nicht unter, wenn man sich mal einen Abend nicht sieht.”

Wenn man dieses Zitat jetzt mal mit dem vergleicht, was Günther Jauch tatsächlich in der “Hörzu” gesagt hat, zeigt sich, mit welchen Mitteln Regenbogenautoren wie Jacqueline Müller arbeiten, um ihre Hirngespinste mit vermeintlichen Belegen zu unterfüttern. Das ursprüngliche Zitat ist eineinhalb Jahre alt, damals ging es weder um “Glück” noch um “Liebe”, sondern um eine Quoten-Krise von “Wer wird Millionär”. In Wahrheit sagte Jauch:

“Vielleicht ist es mit dem Quiz, das ja in hoher Frequenz gesendet wird, wie mit einer Ehe. Man kennt sich, man mag sich, aber die Welt geht nicht unter, wenn man sich mal einen Abend nicht sieht.”

Jacqueline Müller lässt einfach die Hälfte weg und fertig ist die nächste “Ehe-Beichte”.

Für die vierte und letzte hat Müller ein viereinhalb Jahre altes “Chrismon”-Interview durchforstet und ein paar Stellen gefunden, die “dem ganzen aber noch die Krone” aufsetzen.

In der “Chrismon” antwortet Jauch auf die Frage, wann er im Leben richtig glücklich gewesen sei:

Ich bin auf sechs Momente gekommen

Dazu kommentiert Müller:

Auf gerade mal sechs ist er gekommen

Jauch sagt:

die ersten drei sind banal: erstes Fahrrad, erstes Motorrad, erstes Auto. Und dann: Das erste Mal glücklich verliebt, und als ich erfuhr, dass ich das “Aktuelle Sportstudio” moderieren durfte. Und schließlich: der Tag unserer Hochzeit.

Müllers Kommentar:

Wie eine Frau das wohl findet, an letzter Stelle genannt zu werden?

Jauch sagt:

[Die Geburt der Kinder zählt nicht dazu], auch wenn es politisch unkorrekt ist, so ein Ereignis nicht zu den glücklichsten Momenten zu zählen.

Müllers Kommentar:

Ist es wirklich eine pefekte Partnerschaft, wenn ein Mann so redet?

Jauch sagt:

Ich könnte gar nicht sagen, dass ich bisher für mich ein rasend glückliches Leben bilanzieren könnte. Ich würde sagen, dass ich glückhafte Momente hatte und zufrieden bin. Das finde ich aber auch schon ziemlich viel.

Müllers Kommentar:

Vielleicht hat er das wahre Glück auch noch nicht gefunden. “Solang du nach dem Glücke jagst”, wusste schon Hermann Hesse, “bist du nicht reif, glücklich zu sein.”

Und damit endet der Artikel.

Dann noch ein passendes Foto, und fertig ist die Titelgeschichte:Wie kann er nur? - Günther Jauch - Schockierende Ehe-Beichte

Unsensibel - Manchmal trägt Gütnher Jauch das Herz auf der Zunge. Ehefrau Thea und seine vier Töchter, mit denen er in einer Villa in Potsdam lebt, könnte das verletzen

Jetzt dürften Sie eine ungefähre Ahnung davon haben, warum Günther Jauch es sich lieber zweimal überlegt, bevor er sich in der Öffentlichkeit zu etwas Privatem äußert.

Ach und übrigens, Frau Müller: Wir haben auch noch ein schönes Hesse-Zitat auf Lager: “Wahr ist an einer Geschichte immer nur das, was der Zuhörer glaubt.”

Der Wahrheitsgehalt Ihrer Geschichte dürfte sich demnach in Grenzen halten.


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