Klatsch schlägt Katastrophe
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Klatsch schlägt Katastrophe

Die oberste Regel im fernen Regenbogenuniversum lautet: Ein Ereignis ist erst dann ein Ereignis, wenn sich eine Person aus Politik, Showgeschäft oder einem Königspalast mit ihm verknüpfen lässt. Ansonsten existiert es nicht.

Die Redakteure der “Freizeit für die Frau im Blick der Wochenrevue” juckt der Ukraine-Konflikt beispielsweise nullkommanull, bis sie eine Nebendarstellerin einer ZDF-Vorabendserie auftreiben können, deren Schwippschwager sich bei der Fußballeuropameisterschaft 2012 mal ein Spiel im heute umkämpften Donezk angeschaut hat. Dann kann man drüber schreiben.

Wenn der Boulevardjournalismus also durch Skandale, Emotionen und eine starke Personalisierung gekennzeichnet ist, ist die Regenbogenpresse eine in den Laboratorien der Klatschverlage hochgezüchtete Turbo-Variante davon. Nirgends sonst in der deutschen Presselandschaft ist der Personalisierungsgrad derart hoch. Die Regenbogenberichte zum Germanwings-Flug 4U9525 zeigen das einmal mehr.

Während die meisten deutschen Medien seit zwei Wochen den Geschehnissen in Dauerschleife und per Live-Ticker hinterherhecheln, berichten viele Regenbogenhefte überhaupt nicht über den Absturz.

Und die, die berichten, schreiben nicht etwa über die Suche nach dem Flugschreiber oder die verriegelte Cockpit-Tür, sondern über Angela Merkel …

Der unfassbare Flugzeug-Absturz — Angela Merkel — Die Tragödie bricht ihr das Herz
(“Frau aktuell”)

Angela Merkel — Bittere Tränen!
(“Neue Welt”)

… Spaniens Königin Letizia …

Königin Letizia — Tränen und Trauer um die 150 Opfer der Flugzeugkatastrophe
(“7 Tage”)

… und eine Opernsängerin, die an Bord der Maschine saß:

Trauer um 150 Todesopfer — Absturz-Tragödie — Im Sterben hielt sie ihren Sohn im Arm
(“Freizeit Spaß”)

"Frau aktuell": Der unfassbare Flugzeug-Absturz - Angela Merkel - Die Tragödie bricht ihr das Herz; "Neue Welt": Angela Merkel - Bittere Tränen!; "7 Tage": "Königin Letizia - Tränen und Trauer um die 150 Opfer der Flugzeugkatastrophe; "Freizeit Spaß": "Trauer um 150 Todesopfer - Absturz-Tragödie - Im Sterben hielt sie ihren Sohm im Arm"

(Unkenntlichmachung von uns.)

Für eine große Titelstory hat es übrigens bei keinem der Blätter gereicht. Da war das angebliche “Zwillings-Glück” in den Niederlanden dann doch etwas wichtiger.


Dieser Text ist gestern auch im “Tagesspiegel” erschienen. Jeden zweiten Montag schreiben wir dort eine Kolumne über die Regenbogenpresse.


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Kommentare:

  1. Klar schlägt Klatsch in der Klatschpresse einen Flugzeugabschuss. Da könntet ihr euch auch gleich echauffieren, dass die Zeitschrift “Wild & Hund” nicht über das Ereignis berichtet hat. Oder dass die “Praline” dazu keine Sonderausgabe herausbringt. Es gibt genug, worüber man sich in Bezug auf die Yellow Press lustig machen kann, aber das schießt gekonnt am Ziel vorbei.

  2. “Im Sterben hielt sie ihren Sohn im Arm” – Also bei so einer Schlagzeile geht mir echt das Messer in der Tasche auf!

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