“Manchmal ist es derart abgedreht, dass es mich fast schon beeindruckt”

“Manchmal ist es derart abgedreht, dass es mich fast schon beeindruckt”

Jörg Thomann ist einer der wenigen Journalisten, die sich regelmäßig mit der deutschen Regenbogenpresse beschäftigen. In der wunderbaren Kolumne “Herzblatt-Geschichten” beleuchtet er jede Woche in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die Welt des Boulevards und fasst das “Witzigste, Wichtigste und Heftigste aus den deutschen Klatschblättern” zusammen.

Im Interview erklärt er, wie er dabei vorgeht und welches Blatt ihn auch nach Jahren immer noch überraschen kann.Herzblatt-Geschichten - Die mopsfidele Familie - Von Jörg ThomannHerr Thomann, es gibt nur sehr wenige Medienjournalisten, die sich mit der Klatschpresse auseinandersetzen. Wie erklären Sie sich das?

Das lässt sich nicht so leicht beantworten. Vermutlich liegt es zum einen daran, dass es unglaublich viele solcher Zeitschriften gibt. Dieses Feld ist also nur schwer zu überschauen. Und zum anderen ist die Welt der Herzblätter eine Art Paralleluniversum; sie taucht nicht im Gesichtsfeld eines normalen Journalisten auf, wenn er nicht gerade beim Arzt oder beim Friseur sitzt. Auch die „Herzblatt-Geschichten“ sind übrigens nicht in erster Linie als medienkritische Kolumne gedacht, sondern sollen zuallererst unterhalten.

Es wird also so wenig über die Regenbogenpresse berichtet, weil Journalisten ihr im Alltag einfach nicht begegnen.

Journalisten gehören ja nicht unbedingt zur Zielgruppe dieser Blätter. Ab und zu nimmt man zwar besonders irre Schlagzeilen am Kiosk wahr, nimmt sie dann aber nicht so ernst, um sich damit näher zu beschäftigen. Und man sollte sie auch nicht immer allzu ernst nehmen. Der typische Fall: Irgendeinem Königshaus wird ein neues Baby angedichtet, beruhend auf irgendwelchen fadenscheinigen Argumenten, die meistens komplett erfunden sind. Solche Geschichten tun in der Regel niemandem weh. Doch es gibt eine bestimmte Grenze, die manchmal überschritten wird. Wenn sich die Blätter zum Beispiel auf einen deutschen Prominenten stürzen, der sich noch dazu gerade in einer Notsituation befindet, wenn Leute über ethische und manchmal auch rechtliche Grenzen hinaus bedrängt werden – dann wird es ernst.

Wieso geht dann kaum ein Promi gegen solche Berichte vor?

Darüber kann ich nur spekulieren. Vielleicht wollen sie diese Blätter nicht auch noch mit einer Klage aufwerten. Oder sie haben sich einfach an solche Artikel gewöhnt und nehmen sie hin als Berufsrisiko.

Es ist ja eher Schmuddelkram, mit dem Sie sich da beschäftigen. Gibt es in Ihrer Redaktion Widerstände gegen solche Themenvorschläge?

Nein. Ich weiß von Kollegen, die die Kolumne regelmäßig lesen und schätzen; wenn ich über solche Themen schreibe, ist das in der Redaktion also keineswegs verpönt. Und nochmal zu der Frage, warum sich nur wenige Journalisten damit beschäftigen: Es ist wahrscheinlich auch eine Platzfrage. Auf den Medienseiten muss man ohnehin schon streng haushalten – und wägt dann natürlich ab, ob man zum fünften oder sechsten Mal etwas über “die aktuelle” machen soll.

Bei Ihnen ist das anders: Sie haben seit Jahren einen festen Platz für Ihre Herzblatt-Geschichten.

Ja, im “Leben”-Ressort der FAS. 150 Zeilen, jede Woche. Ins Leben gerufen wurde die Kolumne schon 1993 vom Kollegen Peter Lückemeier. Dahinter steckte nicht unbedingt ein medienkritischer Ansatz; er wollte vielmehr die Themen und Protagonisten des Boulevards aufspießen, auf eine etwas andere, eine ironische und unterhaltende Art. Bis es ihm dann irgendwann gereicht hat – was ich heute durchaus  nachvollziehen kann. Vor dreieinhalb Jahren habe ich die Kolumne übernommen und seither ein bisschen medienkritischer gemacht. Mein Spott trifft also nicht nur die Promis, sondern gerne auch die Zeitschriften und Verlage.

Wie gehen Sie da vor? Bekommen Sie Hinweise von Lesern?

Nein, dafür überschneiden sich die Leserschaften dieser Hefte und meiner Kolumne wohl zu wenig. Ich habe aber einen Stamm aus acht, neun Heften, die ich abonniert habe und intensiv lese, und meistens ergibt sich dann schon ausreichend Stoff.

Lassen sich bestimmte Muster erkennen?

Das Prinzip vieler Geschichten ist sehr schnell durchschaut. Und es wiederholt sich immer wieder. Es kann sein, dass ein und derselbe Artikel ein Vierteljahr später praktisch noch mal abgedruckt wird, in leicht variierter Form, mit anderen Protagonisten. Solche Geschichten kann ich nicht jedes Mal wieder in der Kolumne aufgreifen. Die Empörungsbereitschaft nimmt also ab. Ob das gut oder schlecht ist, weiß ich allerdings nicht.

Sie kann also gar nichts mehr umhauen?

Doch: Eine Ausnahme ist “die aktuelle”. Dieses Blatt überrascht einen immer wieder. Wie die Autoren dort auf ihre Schlagzeilen kommen, das ist manchmal derart abgedreht, dass es mich fast schon beeindruckt. Vielleicht gibt es in der Branche auch noch schlimmere Hefte, aber die habe ich nicht abonniert und nehme sie folglich weniger wahr.

Bekommen Sie Rückmeldungen aus den Redaktionen?

Ich weiß, dass man meine Kolumne dort durchaus liest, aber von Reaktionen erfahre ich nur selten. Ich finde übrigens, dass die Kollegen dort nicht gerade zu beneiden sind. Die sitzen da am Konferenztisch, haben oft nichts anderes vorzuliegen als irgendwelche Agenturfotos und müssen dazu dann was erdichten.

Interessant, dass Sie von “Kollegen” sprechen. Sie würden diese Hefte also schon im Journalismus verorten?

Im Prinzip schon. Zumal der Begriff “Journalist” rechtlich nicht geschützt ist. Die Herzblätter machen Unterhaltung. So wie ich in meiner Kolumne. Wobei ich doch hoffe, dass es eine etwas andere Art von Unterhaltung ist.

Sehen Sie einen Unterschied zwischen Blättern wie der “Freizeit Momente” und der “Bunten”?

Ja, auf jeden Fall. Die “Bunte” ist ein gut gemachtes Produkt für ihre Zielgruppe, dort arbeiten Leute, die ihren Job verstehen und recherchieren können und die sich nicht vom Schreibtisch aus etwas ausdenken müssen. Außerdem hat die “Bunte” Korrespondenten und einen viel größeren Etat als kleinere Zeitschriften. Nichtsdestotrotz gibt es auch in der “Bunten” mitunter sehr fragwürdige Geschichten, die aus meiner Sicht in Bereiche vordringen, die besser privat bleiben sollten.

Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie mühsam es sein kann, sich durch die Regenbogenpresse zu kämpfen. Sie scheinen aber immer noch Spaß daran zu haben.

Die Kolumne zu schreiben, macht wirklich großen Spaß, doch es kostet viel Lebenszeit und Energie, sich das alles durchzulesen. Man sollte besser nicht darüber nachdenken, was man in dieser Zeit an Sinnvollerem hätte tun können.


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