No-go-Area am Genfersee

No-go-Area am Genfersee

In unserem wöchentlichen Gespräch mit detektor.fm ging es dieses Mal um große Gefahren in einem Schweizer Städtchen:

Der Polizei-Bericht erschüttert! Ist Schumi zu Hause nicht mehr sicher?

Das Gespräch könnt Ihr hier nachhören …

detektor.fm: “Ist Schumi zu Hause nicht mehr sicher?”, fragt die “Woche der Frau”. Wie kommen die Autoren denn dazu?

Moritz: Genau, die Überschrift auf der Titelseite ist die Frage, die Du gerade erwähnt hast. Ein wichtiger Zusatz ist dabei noch: “Der Polizei-Bericht erschüttert!” Und das ist dann auch die Quelle für die Frage, ob unser Formel-1-Weltmeister-Held nun in Gefahr schwebt. Der “Polizei-Bericht” ist eher eine Pressemitteilung der Polizei und auch schon einige Monate alt. Der erschien im Juli dieses Jahres und nimmt Bezug auf Delikte, die noch weiter zurückliegen, nämlich Ende 2013 und Anfang 2014. Da gab’s in Schumachers Heimatort Gland — das ist ein Städtchen in der Schweiz mit rund 12.000 Einwohnern, also nicht gerade eine Metropole — ein paar Beschwerden über Sachschäden, leichte Körperverletzungen, auch Raub, ein paar Drogendelikte, Betäubungsmittelgesetz und so weiter. Dann hat die Polizei ermittelt und auch 48 Personen festgenommen. Da sind allerdings — und das verschweigt die “Woche der Frau” natürlich sehr gern — 23 Kinder dabei. Sowieso sind von diesen 48 Leuten 46 Jugendliche und Kinder zwischen 17 und 24 Jahren. Zwei Erwachsene gibt’s dann noch, die festgenommen beziehungsweise verhört wurden, weil sie Schnaps an Minderjährige verkauft haben. All das erwähnt die “Woche der Frau” überhaupt nicht. Das Blatt versucht lieber, ein bisschen Angst zu schüren und dadurch eine knackige Schumacher-Geschichte zu bekommen.

In der Psychologie gibt es das Phänomen der selbsterfüllenden Prophezeiung: Wenn ich erwarte, dass sich jemand auf bestimmte Weise verhält, und ich selbst dann dieses Verhalten zeige, dann spricht man davon. Ist der Artikel der “Woche der Frau” auch so eine selbsterfüllende Prophezeiung?

Der Artikel ist nun nicht direkt eine Anleitung dazu, wie man Michael Schumacher in Schwierigkeiten bringen könnte, aber es gibt ein paar ganz interessante Hinweise in dem Text. Die “Woche der Frau” schreibt zum Beispiel, dass das Anwesen der Schumachers ja durch den angrenzenden Genfersee und ein Waldstück genau geeignet sei für Verbrecher und Kidnapper, um dort aufs Gelände zu gelangen oder Leute zu entführen. Es wird auch erwähnt, dass Kameras und Sicherheitsmaßnahmen vorhanden seien. Es werden also ein paar ganz interessante Informationen gegeben. Und wenn man die beispielsweise noch mit einer kurzen Google-Bildersuche kombiniert — Fotos von dem Anwesen gibt es nämlich im Internet –, dann kann man sich da schon einige Infos als Krimineller besorgen.

Michael Schumacher war nach seinem Unfall monatelang im Koma und jetzt erholt er sich langsam davon, das dauert natürlich. Die Familie hat ausdrücklich um Zurückhaltung gebeten. Die “Woche der Frau” hat aber, wie auch andere Klatschblätter es tun, wieder darüber berichtet. Ihr beschäftigt Euch jetzt schon seit einer geraumen Zeit mit den Klatschblättern der Republik. Kennt die Regenbogenpresse eigentlich überhaupt irgendwo eine Grenze?

Also gerade der Fall Schumacher ist sehr bezeichnend für die Regenbogenpresse. Die wissenschaftliche Literatur zur Regenbogenpresse sagt immer, diese Hefte seien wie Fortsetzungsromane: Die Lebensgeschichten von Helene Fischer, von Michael Schumacher werden Woche für Woche weitererzählt. Und da gibt es wirklich kein Ende. Während man in den einigermaßen seriösen Medien sehen kann, dass das Thema Schumacher so langsam zu Ende ist und die Familie in Ruhe gelassen wird und erst wieder berichtet wird, wenn sich Michael Schumacher selbst oder jemand aus seiner Familie oder seine Managerin zu Wort meldet, interessiert so eine Bitte die Regenbogenpresse überhaupt nicht. Das zeigt schon ein kurzer Blick auf die aktuelle Woche: Die “Woche der Frau” haben wir mit der Gefahrenlage in Gland ja schon erwähnt. Dann gibt es noch “Das neue Blatt”, das einen Arzt aufgetan hat, der behauptet, dass Schumacher vielleicht “nur noch wenige Monate” bleiben — ohne dass er ihn behandelt. “Die neue Frau” fragt: “Bleibt sein letzter Wunsch unerfüllt?”, weil er einst das Fallschirmspringen und Kunstfliegen für sich entdeckt hat. Da vermutet die Redaktion also, dass er das alles nie mehr machen kann. Und so berichten diese Blätter jede Woche fröhlich weiter, denken sich irgendeinen Quatsch aus, und es ist kein Ende abzusehen.


Jeden Freitag unterhalten wir uns mit dem Internetradiosender detektor.fm über die Dämlichkeiten der deutschen Regenbogenpresse. Diese Gespräche gibt’s in der Woche drauf immer hier bei uns im Blog zum Nachhören und -lesen.

Und unter diesem RSS-Link gibt’s das Ganze als Podcast.


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