Optische Täuschungen (3)

Optische Täuschungen (3)

In unserem wöchentlichen Gespräch mit detektor.fm ging es dieses Mal um Tränen-Fotos der norwegischen Kronprinzessin Mette-Marit:

Sie weint nur noch - Mette-Marit - Schock-Diagnose - Die Prinzessin ist unheilbar krank ...

Das Gespräch könnt Ihr hier nachhören …

detektor.fm: Heute geht’s um die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit. Die ist ja immer wieder ein Thema von Klatschzeitungen. Jetzt macht das Blättchen “Freizeit Express” mit der Prinzessin auf, natürlich mit einer wahnsinnig schockierenden Meldung: Mette-Marit sei “unheilbar krank”, steht da. Was hat sie denn?

Moritz: Du sagst es schon ganz richtig: Mette-Marit ist bei den Regenbogenheften immer ganz weit oben im Hau-drauf-Kurs, sie kriegt immer gut was auf die Mütze. Dieses Mal: Mette-Marit gilt gemeinhin als etwas trauriger, sie soll ein etwas traurigeres Gemüt haben. Und deswegen behauptet die “Freizeit Express” einfach mal fröhlich, dass sie depressiv ist. Da gibt es jetzt keine öffentliche Stellungnahme des Hofes, die das bestätigt, oder dass ein Arzt seine Schweigepflicht gebrochen und was ausgeplaudert hat — nee, die “Freizeit Express” stellt eine Ferndiagnose an und sagt: Mette-Marit, unheilbar krank, Depression, überhaupt nicht gut.

Wobei man als erstes ja schon sagen könnte: Eine Depression ist nicht zwangsläufig unheilbar.

Moritz: Ja, das stimmt, das kommt noch dazu. Die Schreiber der Geschichte sagen am Ende des Textes auch noch kurz, dass eine längerfristige Therapie helfen könnte — inhaltlich widerspricht sich das also auch schon mal alles. Aber “unheilbar krank”, auch noch in roter Schrift auf der Titelseite, verkauft sich natürlich noch etwas besser.

Das ist also das eine Problem, aber wie zieht die “Freizeit Express” die Sache jetzt auf?

Mats: Neben dieser Ferndiagnose gibt es dann noch eine ganz akkurate Auflistung, wann es Mette-Marit in den letzten Jahren mal schlechter ging, wann sie gestürzt ist, wann sie Panik-Attacken hatte. Da gibt es also eine ganz detaillierte Auflistung ihrer Krankheitsgeschichte. Das sind teilweise erstmal Sepkulationen, würden wir sagen, da ist nicht viel dran. Aber selbst wenn es stimmen würde, wäre es unseres Erachtens trotzdem ein Verstoß gegen die journalistischen Regeln. Über Erkrankungen, ob nun körperlicher oder psychischer Natur, soll in der Regel nicht berichtet werden. Dafür gibt es auch extra eine Richtlinie im Pressekodex: Dort steht, dass über solche Erkrankungen nicht ohne die Zustimmung der Betroffenen geschrieben werden darf. Da finden wir: Selbst wenn das alles stimmen würde, was die “Freizeit Express” so schreibt, geht es trotzdem nicht, dass man das alles so detailliert auflistet.

Gibt es von dieser Regelung des Presserats irgendwelche Ausnahmen? Könnte man also vielleicht mit viel gutem Willen sagen: Ja, das ist eine Person des öffentlichen Lebens, deswegen gibt’s ein öffentliches Interesse an der Krankheit, wenn’s denn überhaupt eine Krankheit gibt?

Moritz: Mal ein theoretischer Fall: Sagen wir, die Bundeskanzlerin hat eine Herzschwäche und jettet jetzt aber von der Griechenland-Krise zur Ukraine-Krise, versucht dann noch, das Ebola-Problem zu lösen und irgendwie den sogenannten Islamischen Staat zu bekämpfen. Dann könnte eine Zeitung ernsthaft fragen: Ist sie dazu körperlich überhaupt in der Lage? Dann wäre es schon berechtigt, über diese Erkrankung nachzudenken. Da müsste es aber erstens schon mal Anzeichen für die Krankheit geben und außerdem müsste ein so großes öffentliches Interesse bestehen, dass ein Eingriff ins Persönlichkeitsrecht dieser Person dann auch gerechtfertigt ist — das muss ja immer gegeneinander abgewägt werden. Und das ist in dem Fall mit Mette-Marit einfach nicht gegeben. Es mag sein, dass Mette-Marit manchmal nicht so gut drauf ist. Aber unserer Meinung nach ist es ganz klar so, dass es ihre Sache ist, sollte sie depressiv sein. Und da muss keine “Freizeit Express” kommen und in einer wirklich reißerischen Aufmachung darüber berichten.

Jetzt stört Ihr Euch ja aber nicht nur an dem Bericht an sich, sondern auch noch an dem Titelbild dazu. Dort ist nämlich eine weinende norwegische Prinzessin zu sehen. Würde ja eigentlich zum Thema passen, oder?

Mats: Ja, genau, das machen diese Hefte öfter: Jedes Mal, wenn es um Mette-Marit geht und irgendeine schlimmere Geschichte ansteht — Psycho-Terror und Schock-Diagnose und Psycho-Drama und so weiter –, dann bebildern die Redaktionen ihre Text immer ganz gerne mit recht ähnlichen Fotos von Mette-Marit, auf denen sie weint. Da haben wir uns vor einer Weile mal näher angeschaut, woher diese Fotos eigentlich stammen. Sie sind nämlich während einer Trauerfeier für die Opfer von Utøya entstanden. Da hat es im Juli 2011 ja einen Anschlag gegeben, bei dem vor allem Kinder und Jugendliche getötet wurden. Später gab’s dann eine Trauerfeier, bei der auch Mette-Marit war. Bei den Anschlägen ist ein Familienangehöriger von ihr umgekommen. Und deswegen hat sie auf dieser Trauerfeier verständlicherweise geweint. Dabei ist sie von Paparazzi abgeschossen worden, und diese Fotos tauchen jetzt immer wieder auf. Die werden von den Heften immer wieder aus dem Kontext gerissen und benutzt, um solche Schock-Diagnose-Psycho-Kollaps-Geschichten zu bebildern.

Moritz: Und auch das ist dann wieder ganz klar ein Verstoß gegen den Pressekodex des Deutschen Presserats. Der sagt in Richtlinie 2.2, betreffend Symbolfotos: “Kann eine Illustration, insbesondere eine Fotografie, beim flüchtigen Lesen als dokumentarische Abbildung aufgefasst werden, obwohl es sich um ein Symbolfoto handelt, so ist eine entsprechende Klarstellung geboten.” Die “Freizeit Express” müsste also eigentlich “Symbolfoto” dazuschreiben. Tut sie natürlich nicht. Stattdessen schreibt sie als Dachzeile über die Überschrift noch: “Sie weint nur noch”. Das passt also perfekt zusammen: eine weinende Mette-Marit im Bild und diese Dachzeile. Und das ist natürlich genau das Gegenteil von dem, was der Presserat fordert.

Muss sich die Prinzessin jetzt eigentlich damit abfinden? Oder glaubt Ihr, sie könnte dagegen auch vorgenen?

Mats: Schwierig. Also ich glaube schon, dass sie Chancen hätte, wenn sie dagegen voginge. Aber gerade bei Adeligen aus dem Ausland, oder generell bei Prominenten aus dem Ausland, ist es doch eher unwahrscheinlich unserer Erfahrung nach, dass sie dagegen vorgehen. Die müssen erstmal davon mitbekommen, was hier so über sie geschrieben wird. Dann müssen sie einen Anwalt in Deutschland haben, der das für sie in die Hand nimmt. Das ist also schon mit sehr viel Aufwand verbunden. Daher gehen die Königsfamilien diesen Schritt doch eher selten. Aber wenn sie es täten, hätten sie ganz gute Chancen, denke ich.


Jeden Freitag unterhalten wir uns mit dem Internetradiosender detektor.fm über die Dämlichkeiten der deutschen Regenbogenpresse. Diese Gespräche gibt’s in der Woche drauf immer hier bei uns im Blog zum Nachhören und -lesen.

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