Plötzliche theoretische Möglichkeit
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Plötzliche theoretische Möglichkeit

In unserem wöchentlichen Gespräch mit detektor.fm ging es dieses Mal um diese, ähm, taktvolle Schlagzeile der “Freizeitwoche”:

Stefanie Stappenbeck - Plötzlicher Kindstod - Der Albtraum jeder Mutter

Das Gespräch könnt Ihr hier nachhören …

detektor.fm: Heute geht es um die Schauspielerin Stefanie Stappenbeck. Die 40-Jährige hat eine einjährige Tochter. Und die Zeitschrift “Freizeitwoche” hatte wohl mal wieder Themenmangel: Sie schockte die Leserschaft auf der Titelseite mit “Stefanie Stappenbeck — Plötzlicher Kindstod”. Sagt mal, Jungs, wenn man diese Meldung liest, geht man eigentlich davon aus, dass die einjährige Tochter von Frau Stappenbeck am plötzlichen Kindstod gestorben ist, oder?

Mats: Genau. Am Anfang der Geschichte wird beschrieben, wie Stefanie Stappenbeck sich mit ihrem Mann zusammen rührend um ihr Kind kümmert, da wird szenisch beschrieben, wie die beiden im Interview sitzen und sich mit dem Kind beschäftigen. Für mich klang das alles so, als sei das der emotionale Einstieg und dass irgendwann der Knall kommt: Jetzt ist es aber nicht mehr so, jetzt können sie sich nicht mehr um ihr Kind kümmern, denn es ist gestorben am plötzlichen Kindstod. Bis zu dieser Stelle: “Das Mädchen schläft sogar mit im Bett seiner Eltern und wird keine Minute aus den Augen gelassen. Fürchtet die Berlinerin nicht den plötzlichen Kindstod? ‘Nein’, weist Stefanie Stappenbeck diese Befürchtung entschieden zurück.” Da kommt dann tatsächlich auf einmal der große Knall, aber es ist nicht das, was ich vermutet hatte beim Lesen, sondern dass das Kind noch lebt und es einfach nur die theoretische Möglichkeit des plötzlichen Kindstods gibt. Das benutzt die “Freizeitwoche” dann, um diese Schlagzeile zu generieren.

Es ist ja irgendwie eine komplette Irreführung, wenn man so will. Wie sieht es mit so einer Meldung denn rechtlich aus? Man erkennt ja erst im Artikel, dass hier nur eine eventuelle Gefahr umschrieben wird.

Moritz: Ja, eine völlige Katastrophe, diese Überschrift. Aber natürlich sehr bewusst gewählt von der “Freizeitwoche”. Das ist erstmal ein Knalleffekt auf der Titelseite: “Plötzlicher Kindstod”. Nun kennt nicht jeder Stefanie Stappenbeck …

Ich kannte sie, ehrlich gesagt, auch nicht.

Moritz: Die spielt immer mal wieder im Tatort mit, hat auch mal einen Deutschen Fernsehpreis gewonnen. Sie ist jetzt nicht die allererste Garde, aber darum geht’s der Redaktion der “Freizeitwoche” wahrscheinlich auch gar nicht. Die haben einfach die Chance gewittert: Ah, hier, die Stappenbeck hat sich zum Thema Kindstod geäußert. Zwar in einer negativen Art und Weise, sie sieht also keine Gefahr, aber dennoch hat sie sich dazu geäußert, also können wir es dick und fett auf die Titelseite packen, und das wird die Leserinnen und Leser und potentiellen Käufer sicherlich ansprechen, die werden zugreifen. Da wittern die Verlage ja auch immer die Chance einer höheren Auflage und eines höheren Verkaufserlöses. Aber aus rechtlicher Sicht — also ethisch müssen wir nicht drüber sprechen: Die Titelzeile ist relativ verwerflich, und es ist unserer Meinung nach nicht mit journalistischen Grundsätzen zu vereinbaren, so zu tun, als wäre ein Kind gestorben, und am Ende: Ätsch, doch nicht, der Tochter geht’s ganz prächtig und sie wird super umsorgt von ihren Eltern. Tja, und presserechtlich gesehen: Durch die Aussagen von Stefanie Stappenbeck geht es grundsätzlich natürlich schon um das Thema “plötzlicher Kindstod”. Ich bin aber trotzdem der Meinung, dass die Art und Weise, wir der Artikel auf dem Cover angekündigt wird, auch rechtlich angreifbar sein könnte.

Das macht die Regenbogenpresse ja gerne mal: Eine Schlagzeile der “Freizeit im Blick” aus dem letzten Jahr lautete ähnlich. Auch hier wurde mit dem plötzlichen Kindstod in der Überschrift hantiert, damals mit Stefan Mross, obwohl dies ja keineswegs so war.

Mats: Genau. Diese Methode funktioniert natürlich auch bei positiven Schlagzeilen. Zum Beispiel: “Helene Fischer — Babyglück”, obwohl sie gar kein Kind bekommen hat. Aber da ist es dann eben nur die theoretische Möglichkeit, dass sie demnächst mal ein Kind kriegen könnte. Aus solchen Konstrukten basteln sich die Regenbogenhefte ihre Schlagzeilen ganz gerne zusammen. Am liebsten nutzen sie die Methode aber, wenn es um etwas Schlimmes geht: plötzlicher Kindstod oder Krankheiten oder Skandale, irgendwelche Dramen. Die müssen gar nicht in Wahrheit passiert sein, da reicht schon die Möglichkeit, dass etwas passieren könnte, um da eine Schlagzeile draus zu basteln.

Moritz: Das ist natürlich ganz schön problematisch, wie die “Freizeitwoche” hier vorgeht: Wie sollen sich dann überhaupt noch Prominente äußern? Wobei es noch nicht mal Prominente sein müssen. Das gilt auch für Leute aus dem ganz normalen Leben. Ein theoretischer Fall: Ich gehe hier in Berlin über die Straße, da kommt irgendein blöder Reporter von der “Freizeitwoche” an und fragt, was ich gerade mache. Meine Antwort: Ich gehe zum Arzt, Prostatakrebs-Vorsorge. Und in der nächsten Woche titelt das Blatt groß: “Moritz Tschermak — Prostatakrebs”. Das ist natürlich alles andere als lustig und schränkt einen dann auch ziemlich in den Sachen ein, die man sagen kann, ohne dass sie einem im Mund umgedreht werden.

Krankheiten und Tod sind ja erstmal etwas sehr Unschönes. Und das dann so in einer Schlagzeile festzuhalten, ist auch sicher ein Problem. Was blüht der Zeitschrift denn im schlimmsten Fall, falls Stefanie Stappenbeck das nicht gefällt, was da steht?

Mats: Generell gibt es die Möglichkeit, sich beim Presserat zu beschweren. Da droht dann im schlimmsten Fall eine öffentliche Rüge, die das Heft eigentlich abdrucken müsste. Aber wenn der Verlag das nicht tut, hat es auch keine Konsequenzen. Und dann könnte Stefanie Stappenbeck auch juristisch dagegen vorgehen. Da würde im schlimmsten Fall eine Gegendarstellung oder eine Richtigstellung der Redaktion drohen. Und vielleicht sogar Schmerzensgeld. Aber das halten wir für recht unwahrscheinlich, denn es ist ja recht clever gemacht von der “Freizeitwoche”. Die würden sich da vermutlich noch irgendwie rausschlingern, wenn es zu einem Prozess kommen würde. Das wiederum würde sowieso auch erstmal voraussetzen, dass Frau Stappenbeck von dem Artikel mitbekommt und dass sie dagegen vorgeht. Da sind wird uns allerdings nicht sicher, ob das passieren wird.

Passiert das denn überhaupt höufiger mal, dass die Prominenten sagen: Das lasse ich mir nicht gefallen, hier will ich eine Gegendarstellung?

Moritz: Gerade aktuell muss die “Viel Spaß” eine dicke, fette Richtigstellung zu Günther Jauch abdrucken. Da geht’s um einen Artikel von 2011, das schien also auch ein relativ langer Prozess gewesen zu sein, bis da mal ein endgültiges Urteil gefällt wurde. Die Richtigstellung prangt über die gesamte Breite und gut ein Drittel der Höhe der Titelseite — nicht besonders schön für den Verlag. Und das kann dann vielleicht auch mal den Verkauf ganz gut beeinträchtigen. Durch die Richtigstellung fällt ja Platz weg für Themen, die man auf der Titelseite beispielsweise mit der schönen Schlagzeile “Plötzlicher Kindstod” anteasern könnte. Solche Richtig- oder Gegendarstellungen sind dann auch das, was die Redaktionen und Verlage am meisten stören dürfte. Selbst wenn die in den seltensten Fällen mal Schmerzensgelder zahlen müssen plus Prozesskosten, kratzt die das nicht wahnsinnig. Das wird von denen auch oft einkalkuliert. Die wissen schon sehr genau, bei welchen Geschichten es vielleicht eine Klage geben könnte. Und da rechnen sie dann gegen: So und so viel Tausend Euro Kosten, die sie durch einen Prozess hätten, aber die Auflage wird durch die knallige Überschrift doch noch einmal etwas höher sein. Das ist dann eine recht perfide Kalkulation.


Jeden Freitag unterhalten wir uns mit dem Internetradiosender detektor.fm über die Dämlichkeiten der deutschen Regenbogenpresse. Diese Gespräche gibt’s in der Woche drauf immer hier bei uns im Blog zum Nachhören und -lesen.

Und unter diesem RSS-Link gibt’s das Ganze als Podcast.


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