Post an den Presserat (4)
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Post an den Presserat (4)

Der Presserat hat heute sieben Rügen, 17 Missbilligungen und 42 Hinweise verteilt (Pressemitteilung vom 13. März 2015).

Unsere Beschwerden dürften erst bei der nächsten Sitzung bearbeitet werden. Und damit da genug zusammenkommen, haben wir heute wieder drei neue rüber geschickt …


Tragischer Selbstmord - Mick Jagger (70) - Warum konnte er seine Freundin nicht retten?

1)

“Das neue Blatt” schreibt in seinem Artikel über die vermeintlichen Hintergründe des Selbsmordes der Mode-Designerin L’Wren Scott, die mit Musiker Mick Jagger liiert war. Dabei rekonstruiert die Autorin den Suizid Scotts: Sie “erhängte sich mit einem Schal an einem Türknauf in ihrer Wohnung in New York”; und wirft mit Andeutungen zu möglichen Gründen um sich:

Zuletzt hatte sich die erfolgreiche Mode-Designerin immer mehr zurückgezogen, wurde wegen Depressionen und Selbstverletzung behandelt. Ihr Kinderwunsch blieb unerfüllt, ihre verschuldete Firma soll vor dem Aus gestanden haben.

Zudem stellt “Das neue Blatt” die Vermutung in den Raum, Mick Jagger könnte durch zu seltenen Kontakt eine Teilschuld am Selbstmord seiner Freundin haben.

2)

Mit der Veröffentlichung nutzt “Das neue Blatt” L’Wren Scotts Selbstmord für einen Sensationsartikel. Das Vorgehen der Redaktion ist alles andere als rücksichtsvoll, versucht sie doch, Mick Jagger mitverantwortlich für den Tod seiner Lebensgefährtin zu machen:

Und sie fühlte sich sicher auch vernachlässigt, da der Frauenheld [Jagger] sie wochenlang allein ließ

Die rhetorische Frage in der Überschrift (“Warum konnte er seine Freundin nicht retten?”) sowie das Artikelende (“Vielleicht auch von Jagger, der nun mit Schuldgefühlen leben muss.”) verstärken die Schuldzuweisung.

Zudem könnte die detaillierte Beschreibung des Selbstmordes Menschen, die überlegen, sich das Leben zu nehmen, als Anleitung dienen. Hier handelt “Das neue Blatt” verantwortungslos, nur um dem Artikel eine sensationelle Aufmachung verleihen zu können. Höhere Verkaufszahlen sind dem Blatt offenbar wichtiger als ein rücksichtsvoller und bewusster Umgang mit dem heiklen Thema.

3)

Unseres Erachtens verstößt der Artikel gegen Ziffer 8 des Pressekodex.

In Richtlinie 8.7 fordert der Presserat einen zurückhaltenden Umgang bei Veröffentlichungen zum Thema “Selbstmord”:

Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen, die Veröffentlichung von Fotos und die Schilderung näherer Begleitumstände.

Die gebotene Zurückhaltung fehlt in dem Artikel völlig. Im Gegenteil: “Das neue Blatt” geht ausgesprochen rücksichtslos vor, die “Schilderung näherer Begleitumstände” nimmt einen wichtigen Teil des Artikels ein. Damit versößt “Das neue Blatt” gegen den Pressekodex.

Richtlinie 8.6 gibt vor, wie über Erkrankungen berichtet werden soll — und wie nicht:

Körperliche und psychische Erkrankungen oder Schäden gehören zur Privatsphäre. In der Regel soll über sie nicht ohne Zustimmung des Betroffenen berichtet werden.

Auch diese Vorgabe missachtet “Das neue Blatt” durch die Thematisierung von L’Wren Scotts Depression und ihrer Selbstverletzung.


William und Kate - Leichtfertig setzen sie ihr Leben aufs Spiel!

1)

Kate und William haben für den 7. April 2014 einen Besuch in der neuseeländischen Hauptstadt Wellington geplant. Ihr Sohn George soll auch dabei sein. Um am schnellsten von Großbritannien nach Neuseeland zu kommen, muss die Familie den Flieger nehmen. Für die “Heim und Welt” Grund zur Sorge:

Nicht auszudenken, welche katastrophalen Folgen ein Absturz hätte! [...] Wie schnell es geschehen kann, dass ein Flugzeug sein Ziel nicht erreicht, kann sie [die Queen] täglich im Fernsehen und in der Zeitung verfolgen.

Die “Heim und Welt” spielt dabei auf den Flug MH370 an, also jenes Flugzeug, das vergangenes Jahr mit Passagieren und Besatzung spurlos verschwunden ist. Das Blatt befürchtet, dass Kate, William und George bei einem ähnlichen Flugzeugunglück ums Leben kommen könnten:

Leichtfertig setzen William und Kate ihr Leben wie auch das ihres Sohnes aufs Spiel. Vor allem gefährden sie mit ihrem Verhalten die Zukunft der Monarchie!

Ernstzunehmende Hinweise, dass die drei wirklich in Lebensgefahr schweben, nennt das Blatt allerdings nicht.

2)

Die “Heim und Welt” erfindet eine Sensationsschlagzeile, um der potentiellen Leserschaft eine vermeintlich aufregende Geschichte verkaufen zu können. Für die angebliche Bedrohung des Prinzenpaares samt Sohn nennt die Redaktion allerdings keinerlei konkreten Hinweis oder Beleg.

Das Heft schließt einzig aus den Umständen, dass der Flug MH370 womöglich verunglückt ist, und dass William, Kate und George mit einem Flugzeug reisen, auf eine besonders hohe Gefahr für die drei, bei einem Flugzeugunglück umzukommen. Weshalb die drei jedoch einer größeren Gefahr ausgesetzt sein sollen als alle anderen Flugzeugpassagiere, wird nicht erläutert.

3)

Unseres Erachtens verstößt die Veröffentlichung gegen die Ziffern 1 und 2 des Pressekodex.

Ziffer 1 verlangt eine “wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit”. Davon kann in diesem Fall nicht die Rede sein: Die “Heim und Welt” suggeriert eine Bedrohungslage für Kate, William, George und die britische Krone. Dafür liefert das Heft allerdings keinen Beweis. De facto besteht keine erhöhte Gefahr für die Familie des britischen Thronfolgers.

“Leichtfertig setzen sie ihr Leben aufs Spiel”, lautet die Überschrift des “Heim und Welt”-Artikels. Das klingt so, als würden Kate und William durch irgendein verantwortungloses und gefährdendes Verhalten ihr eigenes Leben und das ihres Sohnes riskieren. Beim Lesen des Artikels zeigt sich aber, dass diese aufsehenerregende Schlagzeile nichts weiter ist als heiße Luft. Die Überschrift entstellt somit den Sinn des Artikels, vermutlich aus Verkaufsgründen. Daher verstößt diese Veröffentlichung gegen Ziffer 2 des Pressekodex.


Helene Fischer - Lebens-Gefahr

1)

Über Helene Fischers Einsatz während ihrer Shows schreibt “Das neue Blatt”:

Sie will überraschen, das Publikum begeistern. Für ihre Fans gibt Helene Fischer alles! Dabei ist die Gefahr, sich zu verletzen oder dass Schlimmeres passiert, groß, wie ein schwerer Unfall zeigt.

Als Beispiel dafür, wie schnell ein Unglück geschehen kann, erzählt “Das neue Blatt” die Geschichte einer Artistin nach, die sich bei einer Showeinlage das Handgelenk angebrochen und Prellungen am Rücken zugezogen hat. Dabei turnte sie — genauso wie Helene Fischer bei ihren Bühnenauftritten — in einer Plexiglaskugel. Am Ende des Artikels fragt “Das neue Blatt”, ob Fischer nach diesem Vorfall “vernünftig wird”.

Auf dem Titel kündigt die Redaktion diese Geschichte plakativ mit “Helene Fischer — Lebens-Gefahr” an.

2)

“Das neue Blatt” verbindet einen Unfall einer Artistin mit den — bislang stets unfallfreien — Bühneneinlagen, die Helene Fischer auf ihrer Tournee zeigt, und bastelt daraus eine aufsehenerregende Schlagzeile. Die Redaktion erweckt den Anschein, dass Fischer in Lebensgefahr schwebe. Wirkliche Anhaltspunkte dafür nennt sie allerdings nicht.

Helene Fischer ist offenbar keiner tatsächlichen Gefahr ausgesetzt. Nur weil eine Artistin bei einem Auftritt einen Unfall hatte, heißt das nicht automatisch, dass alle, die einen Stunt auf einer Bühne hinlegen, kurz vor einem lebensgefährlichen Unfall stehen. “Das neue Blatt” wählt dennoch diese Überschrift, vermutlich, um mehr Käuferinnen und Käufer an den Kioskregalen zum Zugreifen zu bewegen.

3)

Unseres Erachtens verstößt die Veröffentlichung gegen die Ziffern 1 und 2 des Pressekodex.

Der Artikel arbeitet mit Schlussfolgerungen, die nicht nachvollziehbar sind. Außerdem fehlen Belege in dem Text, die bestätigen, dass Helene Fischer tatsächlich während ihrer Auftritte unter akuter Lebensgefahr rumturnt. “Das neue Blatt” täuscht seine Leserschaft mit einer sensationellen Geschichte, die gar keine ist — eine wahrhaftige Unterrichtung der Öffentluchkeit findet nicht statt. Deshalb verstößt dieser Artikel gegen Ziffer 1 des Pressekodex.

Die Überschriften im Heftinnern (“Helene Fischer (29) — Schwerer Unfall — wird sie jetzt vernünftig?”) und auf der Titelseite (“Helene Fischer — Lebens-Gefahr”) erwecken den Eindruck, dass die Musikerin in großer Gefahr schwebt. Der Text wird dieser Ankündigung allerdings nicht gerecht. Die Überschriften entstellen den Sinn des Artikels. Daher verstößt diese Veröffentlichung auch gegen Ziffer 2 des Pressekodex.


Wir wollen uns wieder häufiger über die Regenbogenpresse beschweren — nicht nur hier im topfvollgold, sondern so richtig offiziell.

In Deutschland ist dafür der Presserat die oberste Anlaufstelle. Deswegen schicken wir wieder regelmäßig Beschwerden über einzelne Regenbogenartikel dorthin.


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Kommentare:

  1. Immer druff auf diese grimm’schen Nachkommen. Aber ich muss diese Frage jetzt stellen, weil so als Unwissender hoffe ich auf Erleuchtung : Die Märchenonkel und -tanten schreiben eine Geschichte, die von den o.g. Gebrüdern sein könnte *buuuuuuuh* … TvG meckert beim Presserat *yehaa* … Presserat hebt den Zeigefinger und sagt “Du Du!” *geilomat* … und in der nächsten Ausgabe kommt Baron Münchhausen mit der nächsten abenteuerlichen Geschichte… haben solche Beschwerden zukünftig einen “Erfolg” oder sind diese Beschwerden unterm Strich nur ein temporärer Erfolg? Weil allem Anschein nach interessiert es die Verlage eher einen feuchten Furz, wenn der Presserat den Finger hebt…

  2. @Asmo – Eher ein temporärer Erfolg. Du hast nämlich völlig Recht: Letztlich scheint die Verlage nicht zu interessieren, was der Presserat da entscheidet. Die lassen sich ja nicht das gute Geschäft kaputt machen.

    Aus zwei Gründen (die mir jetzt gerade spontan einfallen) machen die Beschwerden für uns aber dennoch Sinn. Erstens glauben wir, dass die Beschwerden die Redaktionen und Verlage schon nerven. So verstehen wir jedenfalls die Reaktionen von dort. Diese kleinen Sticheleien wollen wir nicht aufgeben. Und zweitens sind die Entscheidungen des Presserats für uns immer mal wieder ein guter Test, ob wir mit unserer Sicht auf dem richtigen Weg sind – oder inzwischen betriebsblind.

  3. Owehe, ihr gebt diese Sticheleien auf :) aber, bei mir folgt meistens ein aber, lese ich die Stellungnahme durch (Murks erklärt durch noch mehr Murks), dann hat der Presserat in meiner Wertevorstellung immer weniger Existenzberechtigung.

    Z. B. die Geschichte mit Frau Graf… der Verlag äußert sich dazu : [...] Der Geschäftsführer des DELTApark Verlages teilt mit, dass die Veröffentlichung von der Presse- und Meinungsäußerungsfreiheit gedeckt sei. [... ] darauf folgt dann noch Schmuh, Apfelkuchen und Babybrei, und die Sache scheint gegessen.

    Der Geschäftsführer teilt mit [...] blablabla gedeckt sei. Wieso teilt es der Geschäftsführer mit? Sollte der Presserat nicht das Gremium sein, das hier an der Stelle sagt: Du böse, ich König, knie nieder… nein, wenn man das so liest, kriecht der Presserat im Staub und hebt, wenn überhaupt, ein wenig den Finger.

    Wenn der Presserat also keine Verfügungsgewalt hat und sich allenfalls räuspern darf, dann ist er für mich subjektiv betrachtet nur eine Instanz, die unnötige Arbeitsplätze künstlich am Leben erhält… aber was weiss ich schon ;)

  4. @Asmo: Ein weiterer Grund, warum die Beschwerden an den Presserat sinnvoll sein könnten: Andere – seriösere – Medien drucken ab und zu, meist aber mindestens 1x jährlich eine Auflistung der am meisten gerügten Medien ab. Je öfter dort die Regenbogenpresse namentlich auftaucht, desto geringer wird hoffentlich langfristig ihre Glaubwürdigkeit.

  5. Genau sowas wollte ich lesen :) ich hatte nur befürchtet, das diese Beschwerden wie ein Pups im Wind sind. Wenn es weitere Konsequenzen hat, die die Regenbogenpresse zu befürchten hat, dann ist meine schwarze Seele befriedigt :)

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