Rügenregen unterm Regenbogen

Rügenregen unterm Regenbogen

Im Mai haben wir 21 Beschwerden an den Deutschen Presserat geschickt. Sie betrafen allesamt die Regenbogenpresse.

Der Beschwerdeausschuss, der viermal im Jahr tagt, hat sich am 10. September mit unseren Beschwerden befasst. Das Ergebnis: Fünf Regenbogen-Artikel wurden öffentlich gerügt, fünf weitere missbilligt, fünf bekamen einen Hinweis.

Eine Rüge ist das stärkste “Sanktionsmittel” des Presserats. Sie muss vom betroffenen Medium veröffentlicht werden — eigentlich. Tut es dies nicht, hat das aber keine Folgen für die Redaktion oder den Verlag.

Dennoch ist diese Entscheidung des Presserats ein wichtiges Signal. In den vergangenen 27 Jahren (so weit reicht das Rügen-Onlinearchiv des Deutschen Presserats zurück) gab es gerade einmal 21 Rügen für die Regenbogenpresse — wobei allein sieben davon aus dem Jahr 2010 stammen, als eine ganze Reihe Regenbogenhefte wegen mangelnder Trennung von redaktionellem Teil und Werbung Rügen kassierte.

Rügen_1986-2013

Nun sind also fünf neue Rügen dazugekommen. Und für die mussten wir die Regenbogenpresse gerade einmal einen Monat nach Verstößen durchsuchen: Am 11. April dieses Jahres ging der topfvollgold online, am 10. Mai haben wir die Beschwerden an den Deutschen Presserat geschickt.

Das heißt im Umkehrschluss: Wenn man sich mit diesen Heften mal für eine Weile systematisch auseinandersetzt, findet man unweigerlich eine Fülle von Artikeln, die mit dem Pressekodex nicht vereinbar sind. Wir sind uns recht sicher, dass deutlich mehr als fünf Rügen herauskommen werden, wenn wir den nächsten Schwung Beschwerden an den Presserat schicken — dieses Mal für einen deutlich längeren Zeitraum als einen Monat.

Wir verstehen die aktuelle Entscheidung des Presserats also auch als eine offizielle Bestätigung dessen, was wir mit diesem Blog seit April zu zeigen versuchen: Dass die Regenbogenredaktionen Woche für Woche die Kioske des Landes mit Schund fluten, der nichts mit Journalismus zu tun hat.

Im Folgenden fassen wir die gerügten Artikel kurz zusammen. Mit einem Klick auf die dazugehörigen Ausrisse gelangen Sie zu den ausführlichen Blogeinträgen.

Eine Rüge ging an die “Frau aktuell”. Das Blatt hatte auf der Titelseite angekündigt:

Stefan Mross - Pikante Enthüllung! Wehe, wenn er zur Flasche greift

Innen lautete die Überschrift: “Alkohol-Schock! Stefan Mross — Wer kann ihm jetzt noch helfen?” Im Text ging es dann aber lediglich um Folgendes: Wenn man bei Google “Stefan Mross” eingibt, erscheint als Suchvorschlag manchmal “Stefan Mross Alkohol”. Das war alles. Der Presserat erkannte daher eine Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht (Ziffer 2) und des Persönlichkeitsschutzes (Ziffer 8).

Ebenfalls gegen die Sorgfaltspflicht verstieß nach Ansicht des Presserats die “Freizeit Express”, weil sie getitelt hatte:

Kate & William - Sensationelle Baby-Fotos! Es nuckelt schon am Daumen...

In Wirklichkeit handelte es sich dabei jedoch um Symbolfotos. Als solche hätten sie nach Ansicht des Presserats auch gekennzeichnet werden müssen.

Unter der Überschrift “Angela Merkel — Verheimlichte Scheidungstragödie” versprach die “Meine Freizeit” auf der Titelseite “Alles über die unbekannte Vergangenheit der Kanzlerin”:

Angela Merkel - Verheimlichte Scheidungs-Tragödie - Alles über die unbekannte Vergangenheit der Kanzlerin

Im Innenteil wurden dann aber lediglich ein paar banale und seit Jahren bekannte Fakten aus dem Leben Angela Merkels mitgeteilt. Die Schlagzeilen beurteilte der Presserat daher als grobe Irreführung der Leser.

Um eine andere angebliche Scheidungstragödie ging es in der Zeitschrift “Das neue Blatt”. Auf dem Cover hieß es über das “Bauer sucht Frau”-Pärchen Josef und Narumol:

Dabei war es doch die ganz große Liebe - Josef & Narumol - Scheidungs-Schock!

Erst im Artikel wurde klar, dass sich nicht Bauer Josef, sondern ein anderer Bauer aus der RTL-Sendung hatte scheiden lassen. Auch hier stellte der Presserat Verstöße gegen die Ziffern 1 und 2 des Pressekodex fest. Die Schlagzeilen seien grob irreführend.

Die “Promi Welt”, die neuerdings (warum auch immer) “Woche exklusiv” heißt, kassierte schließlich eine Rüge für einen Artikel über Steffi Graf. Die hatte zum Jahrenbeginn die Leser ihres Blogs um Rat gefragt, wie man “das Leben allgemein einen Gang herunterschalten könnte”. Die “Promi Welt” sprach daraufhin gleich von einem “verzweifelten Hilferuf” und bescheinigte Steffi Graf einen “Absturz in die Lebenskrise”:

Steffi Graf - Ihr Absturz in dei Lebenskrise

Das Blatt nahm den Blogeintrag sogar zum Anlass, über eine mögliche Krebserkrankung von Steffi Grafs Mutter zu spekulieren. Der Presserat bewertete den Artikel als “eine unwahrhaftige Berichterstattung, bei der jegliche Sorgfaltspflichtaspekte außer Acht gelassen wurden.”

Dass die Regenbogenredaktionen nun endlich eine Quittung für diesen Mist bekommen, finden wir gut. Ein wenig überrascht haben uns die einzelnen Entscheidungen aber doch. Denn einige der Artikel, die wir besonders verwerflich fanden, hat der Presserat seltsamerweise nicht mit Rügen bedacht. Unserer Meinung nach wäre zum Beispiel die — nachweislich falsche — Behauptung, Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit hätte in Indien zwei Kinder entführt, viel eher ein Rügen-Kandidat gewesen als etwa die suggerierte Scheidung von Josef und Narumol.

Insgesamt behandelte der Presserat 125 Beschwerden. Zehn Veröffentlichungen wurden gerügt.


Nachtrag, 16. September, 15:12 Uhr:

Infos zu den fünf weiteren Rügen gibt’s beim BILDblog.


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