Steife These
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Steife These

In unserem wöchentlichen Gespräch mit detektor.fm ging es dieses Mal um folgendes Titelthema:

Unmoralisches Angebot - Günther Jauch - Der Viagra-Skandal

Das Gespräch könnt Ihr hier nachhören …

detektor.fm: Es gibt wieder einen Riesenskandal — und das über den Saubermann Günther Jauch. Wie konnte das denn passieren?

Moritz: “Das Neue” hat diesen “Skandal” ausgegraben. Und den dann auch nicht gerade dezent auf der Titelseite präsentiert, also wirklich über die gesamte Breite und fast die gesamte Höhe des Covers. Dazu hat die Redaktion noch das Skandal-Wort “Viagra” gedruckt, es geht also um den großen “Viagra-Skandal”, ein “unmoralisches Angebot” soll auch noch eine Rolle spielen. Hintergrund der Geschichte: Günther Jauch hatte seinen Auftritt in der RTL-Sendung “Die 2 — Gottschlak und Jauch gegen alle”. Barbara Schöneberger moderiert das Ganze. Und die hat die beiden, also Jauch und Gottschalk, gefragt, ob sie denn schon einmal irgendwie mit Viagra zu tun gehabt hätten, also im Sinne von Recherche, höhö. Günther Jauch antwortete, dass man ja im Grunde dreimal täglich dieses Zeug in Spam-Mails angeboten bekommt. Da kippt “Das Neue” natürlich aus den Latschen: “Jeden Tag dreimal so eine zwielichtige Offerte? Wie kann es zu so einem Skandal kommen?” Die können also gar nicht glauben, dass Günther Jauch, wie jeder andere Mensch in Deutschland und auf der Welt, Spam bekommt. Die Redaktion erklärt dann noch kurz: “‘Viagra’ ist ein Potenzmittel, und um solche E-Mails zu erhalten, muss sich der Computer-Nutzer doch auf einschlägigen Seiten herumtreiben?” Die Mitarbeiter stellen also selbst diese alles entscheidende Frage und lassen sie von anonymen “Computer-Experten” direkt im Anschluss verneinen. Die sagen nämlich: Nee, muss man gar nicht, die Spam-Versender kommen auch anders an E-Mail-Adressen. Günther Jauch muss nicht unbedingt auf Porno-Seiten unterwegs gewesen sein.

Aber, ich fand, das war schonmal eine große investigative Rechercheleistung: Sie haben einen “Computer-Experten” befragt. Oder war das doch nur der Praktikant?

So etwas in der Art vermute ich auch. Denn ein Name wird nicht genannt, obwohl die Regenbogenhefte das normalerweise sehr gerne tun. Wenn sie zum Beispiel wirklich mal bei einem Chirurgen anrufen, weil der die Augenfältchen von Charlène von Monaco beurteilen soll, oder bei einem Rechtsexperten, wenn es um die Scheidung zwischen Christine Neubauer und ihrem Ex-Mann geht, werden ständig die Namen genannt und gerne auch noch Fotos dazu abgedruckt. Dieser “Computer-Experte” wird namentlich hingegen nicht genannt, es gibt auch kein Foto von ihm. Und was vor allem auffällig ist: Von dem “unmoralischen Angebot” spricht einzig dieser Computer-Experte. Das klingt also sehr danach, dass “Das Neue” sich einen Experten samt Zitat zusammenstrickt hat, um überhaupt die große Schlagzeile mit dem “unmoralischen Angebot” hinzubekommen, die sicher Neugier beim Leser wecken soll.

Zurück zu Günther Jauch: Der ist nämlich nicht aus dem Schneider. Wir haben zwar nachgewiesen, dass er sich gar nicht auf einschlägigen Seiten rumtreiben muss, aber die Follow-up-Frage lautet: Schützt er also sein E-Mail-Account nicht? Ist ja noch viel schlimmer …

Genau, einen Freispruch gibt es für den “Saubermann” Jauch nicht. Denn “Das Neue” findet: Wer viel Spam bekommt, der geht zu unvorsichtig mit seiner E-Mail-Adresse und seinen Daten um. Da braten sie Günther Jauch auch noch eins über: Das Heft rekapituliert noch einmal, was er so alles an privaten Daten über sich in der Sendung preisgegeben hat, in der es auch um die Viagra-Geschichte ging. Da hat er zum Beispiel gesagt, dass er nicht stricken kann, bastlerisch überhaupt nicht begabt ist und mal vor einem Münchner Café mit einer 750er Honda umgekippt ist, was wahnsinnig peinlich war. Das hat alles natürlich null mit dem “Viagra-Skandal” zu tun, aber die Mitarbeiter von “Das Neue” nutzen Günther Jauchs Aussagen ganz gerne, um ihm noch einmal zu zeigen: Mensch, Jauch, pass mal auf, was Du alles über Dich preisgibst, sonst kommt ganz schnell die nächste Spam-Mail.

Also eine Riesen-Geschichte, die sie da ausgegraben haben. Jetzt weiß man aber, dass Günther Jauch prinzipiell niemand ist, mit dem man sich unbedingt anlegen sollte. Meinst Du, die kriegen da jetzt noch Probleme mit ihm?

Richtig, Günther Jauch ist einer, der stark gegen Regenbogenartikel über sich vorgeht. Von ihm finden wir oft Gegendarstellungen. Deswegen sind die Artikel über ihn dann oft auch ziemlich glattgebügelt. Man merkt, dass da die juristischen Abteilungen drübergegangen sind. Nun ist es so, dass wir immer mal wieder eine Gegendarstellung von ihm finden, auch auf den Titelseiten, bei denen wir als Rechtslaien sagen: Ach, da kann man auch gegen vorgehen? Das hätten wir gar nicht gedacht. Und eine Gegendarstellung im Sinne von: “Hierzu stelle ich fest: Es gab keinen ‘Viagra-Skandal’” kann ich mir schon ganz gut vorstellen. Interessant würde es dann beim Abdruck einer möglichen Gegendarstellung. Diesen “Viagra-Skandal” kündigt “Das Neue” dick und fett auf der Titelseite an. Dadurch könnte es dazu kommen, dass auch die Gegendarstellung auf der Titelseite und in einer ähnlichen Größe abgedruckt werden muss. Und das ist dann doch immer ziemlich schmerzhaft für die Hefte.

Und wenn ich das richtig sehe, dann können sie allein schon deshalb Probleme kriegen, weil sie die Fotos ohne Credits verwendet haben.

In dem Punkt ist die Redaktion dann doch auf der sicheren Seite. Da arbeiten die Hefte ziemlich tricky. Die drucken die Fotocredits nämlich immer gesammelt pro Doppelseite. Ganz links am Rand, neben einer Geschichte über Helmut Kohl und seine Frau, findet man dann auch die Credits für den Jauch-Artikel. Das bedeutet für unsere Arbeit immer, wenn wir bei Fotos mal überprüfen wollen, ob sie zum Beispiel bearbeitet sind oder nicht, dass wir uns durch reichlich Bilder suchen müssen, weil wir nicht wissen, welches Foto zu welchem Credit gehört.


Jeden Freitag unterhalten wir uns mit dem Internetradiosender detektor.fm über die Dämlichkeiten der deutschen Regenbogenpresse. Diese Gespräche gibt’s in der Woche drauf immer hier bei uns im Blog zum Nachhören und -lesen.

Und unter diesem RSS-Link gibt’s das Ganze als Podcast.


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Kommentare:

  1. Tolle Titelseite. Ich würde an Euerer Stelle bei der Redaktion oder dem Verlag einmal nachfragen, was denn so “skandalös” an diesem Geschichtchen ist, selbst wenn alles stimmen würde.

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