In den Händen eines Schriebtäters
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In den Händen eines Schriebtäters

In unserem wöchentlichen Gespräch mit detektor.fm ging es dieses Mal um den Versuch der “Freizeit eins”, die Kinder des niederländischen Königspaares in Gefahr zu schreiben:

Máxima - Sex-Skandal - Ihre Töchter waren in den Händen eines Triebtäters

Das Gespräch könnt Ihr hier nachhören …

detektor.fm: “Sex-Skandal” in den Niederlanden. Moritz, was ist denn da los?

Moritz: Die “Freizeit eins” hat eine große Titelschlagzeile gedruckt, in der es um einen großen Skandal geht, um einen “Sex-Skandal”. Das ist für die Regenbogenpresse schon mal sehr ungewöhnlich: Das Thema “Sex” wortwörtlich auf der Titelseite anzukündigen. Dazu gibt’s ein Foto von Máxima, der Königin der Niederlande. Und es wird gesagt, dass es um ihre Töchter geht. Die sollen sich nämlich “in den Fängen eines Triebtäters” befunden haben. Was dahinter steckt: Die drei niedlichen Töchter von Máxima und Willem-Alexander spielen Hockey in einem Verein in den Niederlanden. Und in diesem Verein ist wohl — das scheint soweit zu stimmen — einer der Trainer festgenommen worden, “ein vorbestrafter Exhibitionist”. Der soll eine Kamera in einer Umkleidekabine des Vereins installiert haben, es wurden auch DVDs mit den Aufnahmen bei ihm zu Hause gefunden. Einen gewissen “Sex-Skandal” gibt es also tatsächlich. Wichtig ist aber ein kurzer Satz, den die “Freizeit eins” im Artikel bringt, nämlich dass die Staatsanwaltschaft bereits gesagt hat: “‘Die drei Kinder des Königspaares sind nicht dabei.’” Das erwähnen die Mitarbeiter der “Freizeit eins” zwar klein im Text, aber sie lassen es sich natürlich nicht nehmen, groß auf dem Titel zu werben: “Sex-Skandal”, Leute — kauft das Heft, hier ist was passiert in den Niederlanden. Und das stimmt eben überhaupt nicht.

Hier wird auch nahegelegt, dass die Töchter Schaden genommen haben.

Auch das ist nach aktuellem Stand wohl nicht der Fall. Ich hab’ mal ein bisschen im Internet geguckt: Die “Bunte” hat zum Beispiel auch über den Vorfall mit dem Hockeytrainer Luigi C. berichtet. Nun ist die “Bunte” nicht gerade dafür bekannt, den allerseriösesten Journalismus zu betreiben. Aber selbst die Mitarbeiter dort berichten relativ verhalten. Sie sagen: Da gab es einen Schock im Königshaus, aber keine Sorge, es ist nichts passiert und bei den Kindern ist alles in Ordnung. Da liegt dann der große Unterschied zur “Freizeit eins” und zur Regenbogenpresse allgemein: Die bauschen das Ganze viel stärker auf und setzen eine knalligere Schlagzeile drüber, um den Verkauf ein bisschen anzukurbeln.

Du hast gesagt: “Sex-Skandal”, das ist relativ ungewöhnlich für die Regenbogenpresse. Ich würde eigentlich denken, dass jeder Sex-Skandal eine große Freude für die Klatschpresse ist.

Durchaus. Es wird zum Beispiel sehr gern darüber berichtet, wenn mal wieder Gerüchte aufkommen, dass Juan Carlos, der ehemalige König von Spanien, eine Geliebte haben soll. Aber diese offensive Werbung für einen Artikel mit dem Wort “Sex” ist doch ungewöhnlich für die Regenbogenpresse.

Ist das zu viel für die Leserschaft?

Ja, genau. Es wird dann lieber von einer “Geliebten” gesprochen, von einer “Affäre”, von einer “Liebelei” und so weiter. Aber “Sex” verkauft sich auf den Titelseiten der Regenbogenhefte meiner Meinung nach gar nicht so gut. Und deswegen ist es uns diese Woche auch aufgefallen.

Und Missbrauchsthemen grundsätzlich, vor allem bei Kindern — greifen die das gerne auf oder wird das auch eher gemieden?

Auch da wird nicht so oft drüber geschrieben. In der Regenbogenpresse ist eine Geschichte immer erst dann eine Geschichte und erst dann wert, gedruckt zu werden, wenn irgendjemand Prominentes oder Adeliges darin vorkommt. Ein Beispiel: Der vermutliche Abschuss der MH17 über der Ukraine, ein großes Politikum und überall in den Medien zu finden, taucht erst dann in der Regenbogenpresse auf, wenn bekannt wird, dass irgendein ganz ferner Freund von Königin Máxima in dem Flugzeug saß. Erst dann ergibt sich eine Geschichte für diese Hefte.

Klar, Prominenz müsste verwickelt sein in diesen Missbrauchsskandal. Aber wird dann auch darüber berichtet oder ist das ein Thema, das sie aussparen?

Wenn die Redaktionen irgendwie eine passende Ecke finden, mit der auch jemand aus dem Königshaus oder jemand Prominentes zu tun haben könnte, dann wird bestimmt berichtet. Auch in diesem Artikel der “Freizeit eins” ist es so, dass ein Skandal um die drei Kinder des Königspaares aufgebauscht wird, den es eigentlich gar nicht gibt. Die anderen Kinder aus dem Hockeyverein, die definitiv von den heimlichen Aufnahmen in der Umkleidekabine betroffen sind, werden in dem Artikel nicht weiter thematisiert. Das heißt: Solang man nicht prominent oder adelig ist, ist man es in der Regenbogenwelt auch nicht wert, erwähnt zu werden.

Wie geht’s denn jetzt weiter in dieser Geschichte? Sucht die Regenbogenpresse jetzt nach den Nacktbildern und -videos? Kannst Du Dir das vorstellen?

Nein, das werden sie nicht machen. Da kennen die Redaktionen auch eine Grenze. Und die Staatsanwaltschaft sagt ja wirklich sehr deutlich, dass die drei Kinder von Máxima und Willem-Alexander nichts mit den Aufnahmen zu tun haben. Das scheint also ausgeschlossen zu sein. Wenn es dennoch so sein sollte, dass sie auf diesen Videoaufnahmen auftauchen, dann wäre es für die Hefte vielleicht noch einmal ein Thema, sollte es zum Prozess kommen. Aber die Redaktionen werden sicher die Finger von den Aufnahmen an sich lassen. Etwas anderes traue ich nicht mal denen zu.


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Das Geschäft mit der Freizeit (4)
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Das Geschäft mit der Freizeit (4)

Wer wann welche neuen Hefte auf den Markt geschmissen hat, haben wir hier mehrfach dokumentiert. Und so, nun ja, innovativ sehen die allerneuesten “Freizeit”-Kreationen des SCG Verlags aus:

Cover von "Freizeit Heimat", "Freizeit Blatt", "Freizeit eins" und "Freizeit Punkt"


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