Ruhe im Regenbogen:
Ein bescheidener Vorschlag

Ruhe im Regenbogen:
Ein bescheidener Vorschlag

Von Torsten Dewi

Der Konflikt zwischen der Regenbogenpresse und den Medien, die kritisch über sie berichten, ist meist ein Konflikt der Wahrnehmung.

Brot und Butter der Klatschblätter ist die Unterstellung, die Irreführung. Die Chefredakteure, so sie sich denn äußern, widersprechen dem nicht einmal, sie verwenden nur andere Begriffe: Andeutung, Ausschmückung. Der Leser wird mit dem Versprechen auf die spektakuläre Geschichte A ins Heft gelockt, wo ihn dann die banale Geschichte B erwartet — der Irrtum ist gewollt und die Enttäuschung eingepreist.

Ein beliebtes Argument im Stil von “Das machen Blätter wie die BILD doch auch nicht anders!” verkennt die Mechanismen der Klatschpresse. Die BILD käme mitnichten damit durch, auf Seite 1 zu titeln “Bohlen schmeißt bei Supertalent hin!”, nur um dann auf Seite 3 zu enthüllen: “In der Generalprobe zur neuen Sendung wurde der Juror so wütend, dass er sogar seine Wasserflasche zu Boden warf”. Diese Form der hysterischen Dramatisierung ist die Domäne der Regenbogenpresse, die bevorzugt Begriffe wie “Frau”, “Gold”, “Freizeit” und “Aktuell” im Titel trägt.

Die Tatsache, dass sich die Leser auch nach 50 Jahren immer wieder davon locken lassen, zeigt laut Kritikern die Unbelehrbarkeit der Zielgruppe. Die Verteidiger der Yellowpress sehen darin lieber einen Beweis für das ungeschriebene Einverständnis von Produzent und Konsument: Wir liefern dir die Aufreger, solange du nicht zu genau hinschaust, ob sie wahr sind.

Damit lässt sich der Großteil der Klatschgeschichten als fragwürdig und oft albern abhaken. Wer’s nicht lesen will, muss es nicht kaufen. Wer’s lesen will, muss sich seine Lektüre nicht madig machen lassen.

Aber es ist unbestreitbar und auf dieser Webseite beeindruckend dokumentiert, dass die Regenbogenpresse regelmäßig die Grenze von der Irreführung zur glatten Lüge überschreitet, dass sie Persönlichkeitsrechte missachtet, Menschen verleumdet und öffentliche Pranger baut. Sie kam damit lange Zeit durch, weil sich die Macher und die Wächter in ihrer Einschätzung zu lange einig waren: Journalismus ist das nicht. Den Klatschgeschichten wurde die Wertigkeit und damit die Verantwortlichkeit von Kindergartenanekdoten überreizter Vierjähriger zugesprochen.

Das Caroline-Urteil war 1995 ein erster Schuss vor den Bug einer Branche, die bis dahin so ziemlich alles zusammen fabulieren durfte, was ihr gerade so einfiel. Immer mehr Stars verweigern sich mittlerweile der willkürlichen Märchenstunde in den bunten Blättern — Stefan Raab, Günther Jauch, Harald Schmidt, immer wieder auch Helene Fischer und Florian Silbereisen. Prominent sein bedeutet eben nicht ausgeliefert sein.

Die Regenbogenblätter wehren sich, so gut es geht — mit immer neuen Varianten von “der soll sich mal nicht so haben” und “unsere Leser wollen halt an seinem/ihrem Leben teilhaben, das ist doch nur menschlich”. Sie verteidigen, was nicht zu verteidigen ist, bis ihnen am Ende nur die Rechtfertigung bleibt “immerhin haben wir nicht gelogen — also nicht wirklich”.

Es ist dieses “immerhin haben wir nicht gelogen”, das in der Welt der Klatschpresse anscheinend jede Geschmacklosigkeit und Gehässigkeit neutralisiert. Und die Fälle, in denen die Lüge offensichtlich ist, in der Gerichte Strafen verhängen und fette Gegendarstellungen die Titelseiten verschandeln? Die werden von den Klatschblättern selber gerne als unglückliche Einzelfälle und journalistische Fehlschüsse in den Bereich der Kollateralschäden geschoben.

Ausnahmen, keine Methode.
Ausnahmen, keine Methode?

Dann sollte es auch kein Problem sein, diese bedauerlichen Ausnahmen einzudämmen, wenn nicht gar abzuschaffen.

Ich fordere einen verpflichtenden Kodex für die Klatschpresse. Einen, der die Privatsphäre Prominenter schützt, verbindliche Regeln setzt und trotzdem genug Freiraum lässt für den saftigen Tratsch, der die willigen Leser zieht. Denn eins ist klar: Ein Kodex kann nur funktionieren, wenn er so gestaltet ist, dass beide Seiten mit ihm leben können. Einem Medium, das seine Existenz der manchmal geradezu parodistisch überzogenen Übertreibungen verdankt, kann man schlecht die überzogenen Übertreibungen verbieten. Zumal, auch wenn das nicht gerne offen ausgesprochen wird, das Gros der Stars und Sternchen die Berichterstattung in der Klatschpresse immer noch mit der Einstellung “only no news is bad news” willig füttert.

Diese Eckpunkte halte ich dabei für ziemlich offensichtlich.

1) Keine primären, sekundären oder tertiären Geschlechtsmerkmale mehr. Der Leser hat kein Anrecht auf Busenblitzer und “vergessene” Schlüpfer, ihr Informationswert ist null. Sie sind kein Grund, die Kamera zu zücken — sie sind ein Grund, die Kamera abzuschalten. Intimbereich und Busen sind automatisch Privatsphäre. Ausnahme: Nacktfotos, die Stars aus Gründen der Selbstvermarktung haben anfertigen lassen (Playboy, Werbung, etc.).

2) Keine Übernahmen von “Skandalfotos” als Ausriss. Es ist eine beliebte Methode, nackte oder schockierende Tatsachen abzubilden, indem man einfach die Titelseite der Konkurrenz abbildet und sich angesichts dieser “Enthüllung” empört zeigt. Künftig darf über solche Fotos nur noch in Textform berichtet werden.

3) Die Kinder Prominenter sind tabu. Bis 14 absolut, von 14 bis 18 darf nur im nicht privaten Kontext der Eltern (Roter Teppich, Dreharbeiten, Preisverleihungen) berichtet werden. Ausnahme: ausdrücklich von den Eltern gewollte Präsentation der Kinder (Homestory, Werbung, Schauspielerei).

4) Erweiterung des Begriffes “Privatsphäre”. Prominente sind weder bei Besuchen auf Privatgrundstücken zu fotografieren, auch nicht von der Straße aus, noch in Gebäuden hinter Glas (im Fitnessstudio, Restaurant, Gefängnis). Der Begriff Privatgrundstück umfasst dabei auch private Strände, Boote, etc.

5) Besonderer Schutz im Krankheits- und Todesfall. Spekulationen über verletzte, sieche oder greise Prominente sind zu unterlassen, den Bitten der Familien nach Privatsphäre ist Folge zu leisten. Insbesondere sind Begriffe wie “Wunder” und “Das Ende” zu vermeiden, die unabsehbare Auswirkungen auf Familie und Freunde haben können.

6) Fotomontagen auf dem Cover sind deutlich zu kennzeichnen. Nicht winzig am Heftrand, sondern durch klar lesbare Beschriftung. Während es in Ordnung ist, zwei Personen durch gekennzeichnete Fotomontage in einen durch den Artikel gedeckten Kontext zu setzen (“Drehen Helene Fischer und Otto Waalkes bald zusammen einen Film?”), ist die visuelle Behauptung zum Beispiel einer Geburt (Baby im Arm) unzulässig.

6.1.) Bilder müssen kontextualisiert werden. Wenn zum Beispiel eine Prominente weinend gezeigt wird und der Text einen Zusammenhang mit einer Familientragödie herstellt, dann muss die Bildunterschrift klar kennzeichnen, von wann und aus welchem Umfeld das Bild stammt. Dadurch wird verhindert, dass alte Bilder zur Authentifizierung eines aktuellen Dramas missbraucht werden.

7) Fremdproduzierte Texte müssen klar gekennzeichnet werden. Von Werbepartnern erstellte oder mit deren Hilfe verfasste “redaktionelle” Texte/Advertorials müssen in der Einleitung bereits als solche erkennbar sein. Ein winziger “Anzeige”-Stempel oder eine Zeile am Bildrand reichen nicht aus.

8) Einführung einer Korrekturspalte. Illustrierte verpflichten sich, eine auffällig platzierte Korrekturspalte abzudrucken, die von Prominenten ohne die Hürden der Gegendarstellung in Anspruch genommen werden kann. Maßstab ist ein einfaches Votum der Schiedsstelle – siehe unten.

Zur Wahrung des journalistischen Anspruchs schlage ich außerdem die Bildung einer unabhängigen Schiedsstelle für das deutsche Pressewesen vor. Diese hat primär drei Aufgaben:

1) Die Schiedsstelle entscheidet mit einfacher Mehrheit, ob eine Klatschzeitschrift dem Ersuchen eines Prominenten nach Richtigstellung in der Korrekturspalte nachkommen muss. Ziel ist dabei weniger die Bloßstellung des Mediums als die Erziehung zur korrekten Berichterstattung. Die Menge der veröffentlichten Korrekturen wird dabei ein einfacher Maßstab für den kritischen Leser.

2) Die Schiedsstelle kuratiert eine Blacklist, in der sich Prominente eintragen lassen können, die gar keine persönliche Foto-Berichterstattung über ihre berufliche Präsenz hinaus wünschen. Die Presse hat sich der Blacklist zu beugen, ist aber berechtigt, diese anzufechten, wenn ein Prominenter sie selbst durch selektive Privatpräsenz in der Presse unterläuft.

2.1.) No Cover-Klausel. Prominente haben das Recht, unabhängig von der Blacklist die Verwendung ihrer Fotos auf den Titelseiten der Illustrierten zum Zwecke der Leserköderung abzulehnen.

3) Quelleneinsicht. Die Schiedsstelle erkennt den Quellenschutz als notwendige Grundlage journalistischer Arbeit an. Da sich Klatschzeitschriften allerdings notorisch auf offensichtlich erfundene “Freunde” und “Kenner” berufen, werden sie verpflichtet, im Konfliktfall ihre Quellen auf Nachfrage der Schiedsstelle zu melden, die dann entscheidet, ob eine Verletzung der Sorgfaltspflicht vorliegt. Sollte das der Fall sein, kommt es zu einem personenunabhängigen Vermerk in der Korrekturspalte des entsprechenden Blattes. Die Schiedsstelle ist weder verpflichtet noch berechtigt, etwaige Quellen nach außen zu geben.

Noch mal: Alle diese Vorschläge beschneiden nicht das, was die Regenbogenpresse als ihr “Fleisch” betrachtet. Sie darf weiter tratschen, insinuieren, andeuten, unterstellen, fabulieren. Sie darf nur nicht mehr tun, was sie nach eigener Aussage sowieso nicht absichtlich tut: Lügen erfinden, Menschen in ihrer Privatsphäre belästigen, Leser hinters Licht führen.

Trotzdem ahne ich, dass kaum ein Chefredakteur diesen Kodex als Selbstverpflichtung unterschreiben oder gar umsetzen wird. Weil die Wahrheit und der Respekt bei diesen Blättern nicht nur hinderlich sind, sondern dem Geschäftsmodell zuwider laufen.


Torsten Dewi ist Drehbuchautor, Schriftsteller, Journalist und Blogger aus Leidenschaft. Er hat für Hyperland geschrieben und SPIEGEL online, für DWDL und den “Elektrischen Reporter”. Besondere Aufmerksamkeit erregte vor einigen Jahren sein Text zur Yellowpress “Klatsch me if you can”. Die Zeitschriftenbranche kennt er auf breiter Front von innen: Er hat jahrelang für den GONG-Verlag gearbeitet und steht derzeit in Speyer bei Klambt unter Vertrag.


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Als die Regenbogenwelt
noch in Ordnung war

Als die Regenbogenwelt
noch in Ordnung war

Ein nicht ganz erst gemeinter Nachruf von Karla Kolumna*, einer erfolgreichen Regenbogenautorin

Es gab einmal eine Zeit. Eine Zeit, die hartgesottene Yellow-Journalisten noch heute wehmütig als die “goldene Zeit” bezeichnen. Eine Zeit, die noch gar nicht so lange her ist, gefühlt aber Lichtjahre zurückliegt. Eine Zeit, die Promis und Königs noch heute mit Schaudern erinnern und die dem einen oder anderen auch jetzt noch, Jahre später, das Blut in den Adern schockgefrieren lässt.

Es war die Zeit VOR Caroline. Ja, die Caroline. Die Prinzessin aus Monaco. Die, über die die Yellows damals so gerne berichteten und es bis heute eigentlich liebend gerne tun. Die monegassische Adelsprinzessin mit dem SEHR speziellen Männergeschmack. Besagte Caroline hatte irgendwann keine Lust mehr, ausgedachte Geschichten über sich zu lesen (und dieses Ungemach soll sich bei der Dame unerklärlicherweise schon Ende der Neunziger eingestellt haben …) und begann, mit einem Anwalt gegen diese Unwahrheiten gerichtlich vorzugehen. Diese Prozesse erstreckten sich über viele Monate, ach was: Jahre, und irgendwann gab es Urteile, die der “bösen” Yellow-Press ordentlich auf die Finger hauten. Sie verboten den “Kreativen Schreibern” das wahllose Ausdenken von Geschichten. 1995 fiel das erste entscheidende Urteil. Und dazu wollen wir kurz Wikipedia bemühen (Ja, sorry! WAS denn? Der moderne Journalist hat heute keine Zeit mehr für richtige Recherche. Da muss Wiki schon reichen …):

1. Das Recht auf Achtung der Privatsphäre zu dem auch das Recht, für sich allein zu sein, gehört, kann auch eine Person der Zeitgeschichte für sich in Anspruch nehmen.

2. Der Schutz der Privatsphäre, der sich auch auf die Veröffentlichung von Bildaufnahmen erstreckt, ist nicht auf den eigenen häuslichen Bereich beschränkt.

3. Außerhalb des eigenen Hauses kann eine schützenswerte Privatsphäre gegeben sein, wenn sich jemand in eine örtliche Abgeschiedenheit zurückgezogen hat, in der er objektiv erkennbar für sich allein sein will und in der er sich in der konkreten Situation im Vertrauen auf die Abgeschiedenheit so verhält, wie er es in der breiten Öffentlichkeit nicht tun würde.

In diesen Schutzbereich greift in unzulässiger Weise ein, wer Bilder veröffentlicht, die von dem Betroffenen in dieser Situation heimlich oder unter Ausnutzung einer Überrumpelung aufgenommen worden sind.

4. Im übrigen müssen absolute Personen der Zeitgeschichte die Veröffentlichung von Bildaufnahmen von sich hinnehmen, auch wenn diese sie nicht bei der Wahrnehmung einer öffentlichen Funktion zeigen, sondern ihr Privatleben im weiteren Sinne betreffen.

Die Yellow-Press ging natürlich dagegen vor, es wurde wieder geklagt, in Berufung gegangen, wieder in Berufung gegangen — egal. Das wirklich Entscheidende: Caroline hat die Yellow-Landschaft dann doch nachhaltig verändert.

Und obwohl es gar nicht das eine Caroline-Urteil gab und gibt, sondern einige mit diversen Spezifikationen, so spricht doch jeder der Beteiligten von “DEM” Urteil, nach “DEM” alles anders war.

Einfach heruntergebrochen hieß das: Promis mussten keine Angst mehr vor Abschüssen auf privatem Gelände haben (also Paparazzi durch die Hecke in den Privatgarten knipsen lassen, war nicht mehr …), Adlige und Königs mussten sich nicht mehr willkürlich Schwangerschaften und Trennungen andichten lassen und die Verlage — ja, die mussten schwer umdenken.

Das Urteil zieht übrigens bis heute seine Fäden. Nicht ohne Grund streiten Yellows und auch “seriösere” People-Magazine wie “Bunte” bis heute erbittert vor Gericht, OB denn dieser Strand nun “privat” oder “öffentlich” war, oder ob der Promi seine neue Liebe wirklich “auf offener Straße” präsentiert hat, oder ob die Turteltäubchen doch heimlich mit der langen Linse im Hinterhof abgeschossen wurden. Achten Sie mal darauf: Zur rechtlichen Absicherung schreiben die Magazine dann schon gleich bei Veröffentlichung “Der Fotograf erwischte sie in der belebten Berliner Innenstadt” oder “am vollen Strand von Ibiza”. Stets folgend nur dem einen Ziel: IMMER schön den Eindruck erwecken, ALLES sei GANZ legal. ;-)

Und die Yellows? Die tun sich seitdem sehr schwer, wöchentlich ihre Seiten zu füllen. Weil: SO VIEL Neues gibt es über Royals & Co. ja nicht wirklich zu berichten. Und so kommt es immer wieder zu den herrlichen “Text-Wirklichkeits-Blüten”, die uns topfvollgold jede Woche so süffisant präsentiert.

Als die netten Jungs von topfvollgold mich, eine betagte Dame des Yellow-Journalismus, einmal am Telefon fragten, wie das denn früher so war mit den Yellows, begann ich zu erzählen. Ja, ich schwärmte förmlich von den “alten Zeiten”. Und erzählte ihnen eine lustige Geschichte, die irgendwie maßgeblich für diese Zeit war, und die man sich bis heute noch gerne in unseren Kreisen erzählt:

Ich arbeitete damals bei einem Verlag, der bis heute sehr stark in Yellows macht und schon damals ein ganz großer “Player” in dem Sektor war, wie man heute wohl sagen würde.

Auch Anne (Name geändert), die Tochter eines hohen Verlagsmitarbeiters, machte ihre Ausbildung damals bei uns im Hause. Heute arbeitet sie in einer Führungsposition in den Medien – damals war sie noch “kleine” Volontärin. Ja. Bei uns im Schmuddel. Und hatte, genau wie wir, irre viel Spaß am Erfinden von Geschichten. (Ja, Sie merken es, das war die Zeit VOR Caroline.)

Wir arbeiteten damals an einer Zeitschrift namens XYZ. Gibt es die eigentlich noch? Ich muss gleich mal googeln. Egal. Damals saßen wir also wieder in irgendeiner Konferenz zusammen und versuchten, das royale Sommerloch irgendwie zu überstehen. Die Deadline nahte, nein, sie stand eigentlich am gleichen Tag bevor, und wir hatten wieder einmal absolut keine zündende Idee für eine verkaufsträchtige Titelgeschichte.

“Irgendwas mit dem schwedischen König wäre toll”, meinte eine Kollegin. “Ja, der olle Schwerenöter v… bestimmt schon wieder fremd”, ergänzte eine andere. Sie merken: Die außerehelichen Eskapaden des Schwedenkönigs waren für uns schon damals ein SEHR beliebtes Thema. Doch das Durchschauen der aktuellen Abschüsse (König mit Familie im Südschweden-Urlaub — gähn!) brachte keine neue Erkenntnis.

Und dann, ja DANN hatte ein Kollege (oder war es unser damaliger Chefredakteur? Mir ist so …) die zündende Idee: “Schwedenkönig mit heimlicher Geliebter im Wald von Småland entdeckt!” – so oder so ähnlich sollte die Geschichte heißen. Und die Bilder dazu? Wurden einfach von uns selbst produziert. Hä? Ja!

Aus einem idyllischen deutschen Wald wurde kurzerhand der Schweden-Wald, aus einem Grafiker mit dunklem Haar König Carl Gustaf, ja, und Sie erraten es wahrscheinlich: aus unserer blonden Anne die heimliche Geliebte. Sie zögerte damals noch ein wenig vor Skrupel, aber die aufmunternden Worte unseres Chefredakteurs (“Anne! Jetzt hab’ dich nicht so! Das wird den Papa freuen, wenn er dich so sieht!”) taten das Nötige, und keine 15 Minuten später war das Team nebst Fotograf im Wald unterwegs. Anne und der Grafiker hielten Händchen, shakerten und simulierten Kuss und Umarmung, der Fotograf hielt mit unscharfer Blende und verschmierter Linse (sollte ja ein Abschuss sein!) von hinten drauf.

Die Story erschien — und war eine der bestverkauften Ausgaben ever. Ever, ever, würde die Sonja aus dem “RTL-Dschungel” wohl heute sagen. Ja, die Zeiten haben sich geändert. Gott sei Dank. Oder leider? Manchmal kann ich es gar nicht so genau sagen. Nur eines ist sicher: DAMALS war es insgesamt und irgendwie lustiger …


*Karla Kolumna (Name geändert) arbeitet seit vielen Jahren im Yellowbereich und ist heute Chefredakteurin eines erfolgreichen Titels in diesem Segment. Sie können sich also denken, dass wir ihre Ansichten nicht unbedingt teilen. Frau Kolumna bittet außerdem um den Hinweis, dass es sein kann, dass diese Geschichte (“die ja schon ein paar Jährchen her ist”) vielleicht doch in Nuancen anders war und das ein oder andere Detail nicht so ganz stimmt. Aber sie besteht darauf, dass sie sich so oder so ähnlich zugetragen hat, und wenn etwas nicht stimmt – “ja dann ist das eben so”. Das würde die Yellows ja sonst auch nicht stören.


PS: Da wir hier ja nicht mit Regenbogen-Methoden arbeiten wollen, haben wir den betreffenden Verlag gebeten, uns seine Version der Geschichte zu schildern. Und die geht so: Ein solches Foto sei “nicht existent”, außerdem habe die Tochter des Verlagsmitarbeiters “an keinerlei Fotoaufnahmen dieser oder ähnlicher Art jemals teilgenommen”.


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Einmal den vollen Regenbogen. Aber bitte mit Sahne.

Einmal den vollen Regenbogen. Aber bitte mit Sahne.

Von Peter Breuer

In der Regenbogenecke des Zeitschriftenregals ist die Zeit stehengeblieben. Trends zu zurückgenommener Farbigkeit, stringente Gestaltung, moderne Layoutprogramme — komplette Fehlanzeige. Hier wird gestaltet, wie der BILD-Kolumnist Franz Josef Wagner sonst nur schreibt: Berauscht, verwirrt und mit der großen Axt. Abgekoppelt von der grauen Realität der anderen Titel explodiert hier das volle CMYK-Spektrum und eine zwischen diese Hefte gefallene FAZ sieht aus wie eine Todesanzeige auf dem Kindergeburtstagstisch.

Das Titelkonzept der Hefte ist so verwechselbar wie die Namen dieser “Spiegelnden Wochenrevue für die neue Frau mit Herz aus Gold von Welt”: Links oben das Logo, halb verdeckt von einem Paar, das — obwohl es gerade durch eine harte Krise geht — strahlend lächelt. Der jeweils Prominentere der beiden muss dabei vorne stehen, auch wenn darunter Perspektive und Proportionen leiden. Hat einer der beiden keine zum Freistellen geeignete Glatthaarfrisur, wird mit der Nagelschere ein lustiges Zickzackmuster aus dem Schopf gesäbelt.

In der Heftmitte muss das Gesicht einer sehr blonden Frau mindestens 20 Prozent der 660 Quadratzentimeter bedecken. Das ist § 1 des Yellow Press-Grundgesetzes, dessen einzige Ausnahme § 1 Abs. 2 regelt: “In den seltenen Fällen, in denen § 1 nicht anwendbar ist — etwa, weil Sylvie Meis acht Mal in Folge auf dem Titel war — muss zwingend Florian Silbereisen gedruckt werden.” Absatz 3 des Paragraphen regelt schließlich, dass ein ausreichend breiter Deckweißbalken zwischen seinen Lippen sein künstliches Lächeln verstärkt.

Das untere Drittel des Formats ist groß genug für eine bunte Pinnwand kleinerer Fotografien: Prominente, die aus todesähnlichen Zuständen wieder erwachen, von denen nicht einmal engste Verwandte wussten, unpeinliche Beichten peinlicher Menschen und verrückte Lebensmittel-Trends aus den 50er Jahren. “Das Comeback des Frankfurter Kranzes. Buttercreme mal leicht und locker.”

Der Hochadel ist dank Pippas weltlichem Po und Kate Middletons preiswerten Fummeln inzwischen so bürgerlich, dass Carmen Geiss kaum weniger hermacht, doch ansonsten ist das inhaltliche Programm mit beiden Beinen in einer unwirklichen Märchenwelt stehen geblieben. Der Vorwand der Geschichten sind stets die beiden Dinge, die die Leserin nicht hat, nämlich Ruhm und Kohle, aber die Themen sind die der stinknormalen griechischen Tragödie in der eigenen Etagenwohnung, aufgehübscht mit dem jeweils unmittelbar erwarteten Adjektiv. Da ist die nagende Eifersucht, die bedingungslose Treue in schweren Zeiten, die makellose Schönheit, dunkle Geheimnisse, furchtbare Krisen und tiefe Liebe. Also ziemlich nah dran am persönlichen Drama auf der Hochlehnercouch.

Müßig zu erwähnen, dass das meiste ausgedacht ist und die extremen Gefühlszustände der handelnden Personen bereits auf der Titelseite der Nachbarzeitschrift diametral andere Ursachen haben. Es ist kaum möglich, dass so viele Journalisten rein zufällig unter Alexithymie leiden, der fehlenden Deutungskraft für Gesichtsausdrücke. Eher scheint es ein sportlicher Ehrgeiz zu sein, alles, was kein Turniertänzer-Lächeln ist, mit jeder beliebigen Nuance aus der menschlichen Gefühlsskala zu belegen. Eine völlig normale Alltagsmiene mit geschlossenen Lippen kann schließlich sowohl das Zerbrechen an horrenden Schulden als auch die neuerwachte, ernste Hingabe an die Kunst der Holzschnitzerei bedeuten. Man weiß es nicht.

Zwischendurch immer wieder Versatzstücke aus urbanen Mythen. Die Frau, die ein Baby austrug und den Grund für ihr Bäuchlein erst bemerkte, als eine Kinderstimme unter ihrem Rock “Kuckuck” sagte. Ja, das ist tatsächlich passiert. Nicht wirklich hier, nicht wirklich jetzt, das Foto hat vermutlich auch nicht ohne Grund keine Bildquelle und im Zweifelsfalle war es sowieso immer im wunderlichen England. Oder dort, wo Wissenschaftler schon so einiges herausfanden, im weiten Amerika nämlich, wo auch ganz normale Leute mit Grizzlybären zusammenleben, aber erstens komme ich ins Faseln und zweitens passierten beide Sachen auf nur einer einzigen Doppelseite und das Heft kostet nur 90 Cent. Das nenne ich Preis-Leistungs-Verhältnis.

Wer plant, in dieses sehr lukrative Pressesegment einzusteigen — die Blätter mit dem Fantasiejournalismus, der immer haarscharf am Rand des presserechtlich Möglichen segelt, machen immerhin über 40 Prozent der Frauenzeitschriften aus –, braucht neben den Promifotos und Sudokus im Prinzip nur noch ein altes Kochbuch und ein populärwissenschaftliches Gesundheitslexikon.

Das Kochbuch — gerne aus der Zeit von Clemens Wilmenrod, dem Spitzenkoch, der die gefüllte Erdbeere erfand — ist die Basis für wöchentliche Schnitzelvariationen mit Sahne, Hähnchenvariationen mit Sahne und prächtige Torten. (Sahne nicht vergessen!) Mit dem Gesundheitslexikon bastelt man medizinische Fachartikel, mit der die Mediaabteilung die Industriekunden umgarnen kann: Das klappt überraschend gut, denn glaubt man der Zahl der Anzeigen, leiden die Leserinnen der Regenbogenpresse häufig unter Nagelpilz, haben einen Reizdarm oder Übergewicht. Das kommt natürlich von der vielen Sahne.


Peter Breuer lebt in Hamburg und arbeitet als Werbetexter für Dauerkatheter, Rotweine, Autos und Fleischsalate. Wenn Twitter für einen Menschen erfunden wurde, dann für ihn. In unserer “Folge ich”-Liste ist er mit Abstand der Lustigste. Pardon an alle anderen.


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Zwei Tage unterm Regenbogen

Zwei Tage unterm Regenbogen

Fabian B. (Name geändert) hat nach dem Studium zwei Tage bei einem Verlag der Regenbogenpresse gearbeitet. In einem Gastbeitrag schildert er seine Motivation und gibt einen kleinen Einblick in den Redaktionsalltag.

Wer kennt sie nicht? Die berühmt-berüchtigte Frage, die sich so ziemlich jeder unweigerlich stellen muss, wenn er ins Berufsleben eintreten will. Auch ich kam nicht drum herum, als ich Ende 2011 mein Studium (Hauptfach: Allgemeine Sprachwissenschaften) abschloss und mein erstes richtiges Geld verdienen wollte: Und jetzt?

Die Richtung war klar: Ich wollte unbedingt in einer Redaktion arbeiten. Nach ein paar optimistischen, um nicht zu sagen: blauäugigen, Initiativbewerbungen an diverse Lokalzeitungen für eine Stelle als richtiger Redakteur mit den zu erwartenden Resultaten in Form von Absagen wurde mir allmählich klar, dass das so keinen Sinn macht. Schließlich ist man nicht gleich automatisch Redakteur, nur weil man Uni-Absolvent ist. Also galt meine volle Konzentration sehr bald den (nicht sehr zahlreich) ausgeschriebenen Redaktionsvolontariaten, am liebsten noch direkt in der Nähe meines Wohnortes. Da stieß ich auf das Gesuch eines Verlages, in dessen vorgegebenes Profil ich tatsächlich hereinpasste: Voraussetzung war der Abschluss eines Studiums im geisteswissenschaftlichen Bereich.

Es dauerte nicht lange, da meldete sich eine junge Dame telefonisch bei mir und lud mich zu einem Vorstellungsgespräch ein. Zwar hatte ich mittlerweile herausgefunden, welche Art von Zeitschriften der Verlag herausbrachte: Die von mir wenig geliebten Klatschblätter mit spektakulären Promi-Enthüllungen auf dem bunten Titelblatt, die ich stets als peinlich, da dreist unwahr, belächelt hatte und die doch eigentlich eh keiner glaubte. Oder doch? Trotz großer Zweifel wollte ich mir das aber alles einfach einmal ansehen.

Beim Vorstellungsgespräch saß ich schließlich besagter junger Dame und dem eigentlichen Chefredakteur gegenüber, der bereits in den ersten Sätzen bemerkte, dass ich mir im Klaren darüber sein solle, in diesem Verlag nur mit Frauen zu tun zu haben — ein Aspekt, der mich nicht sonderlich störte. Als Argument, warum ich mich für die Stelle beworben hätte, führte ich mein Interesse an VIP-Geschichten an, was nur die halbe Wahrheit war, damit aber immer noch 50 Prozent mehr als der Wahrheitsgehalt eines Klatschblattes. Regelrecht erleichtert nahm ich die Antwort des Chefredakteurs zur Kenntnis: Um die Promis würde ich mich nicht kümmern müssen, das wäre sein Ressort. Ich hingegen wäre für die anderen Themen der Hefte wie etwa Gesundheit zuständig. Das war eine Rubrik, für die zu schreiben ich bereit war — wahrlich nicht mein Fachgebiet, mir aber tausendmal lieber, als mir turmhohe Lügengebilde um Promis aus den Fingern saugen zu müssen. Nachdem ich auch noch in einem Einzelgespräch Bekanntschaft mit dem Geschäftsführer gemacht hatte, der mir die finanziellen Gesichtspunkte näherbrachte, ein in meinen Augen relativ normales Volontariatsgehalt, machte ich einen Termin für zwei Probetage im Verlag aus.

Die beiden Probetage ermöglichten es mir immerhin, erste Einblicke in das Leben einer Zeitschriftenredaktion zu ergattern. Ich arbeitete mit vier jungen Redakteurinnen und einer Volontärin in einem Raum. Diese waren für mehrere Zeitschriften gleichzeitig zuständig. Das Klima untereinander war weder besonders gut noch besonders schlecht. Ich wurde auch explizit gefragt, ob ich zur gemeinsamen Raucherpause mitkommen wolle. Etwas ungewohnt war es schon als Hahn im Korb, aber es war okay. Innerhalb von wenigen Stunden kann man schließlich keine Freundschaften schließen.

An beiden Morgen fand eine Redaktionssitzung von vielleicht zehn Minuten Länge statt, in denen der Chefredakteur darüber informiert wurde, wie weit die einzelnen Artikel für die Zeitschriften vorangeschritten waren. Den Verlauf markierte er in einer Liste und setzte fleißig Deadlines, wann was fertig zu sein hatte. Meine Aufgabe lief unter der Überschrift „Stevia – Das neue Zucker“. Hierfür recherchierte ich im Internet alle wesentlichen Fakten zu dem Süßstoff und sollte sie am Ende des Tages dem Chef präsentieren. Der war zwar insgesamt zufrieden, aber mit dem eher ausschweifenden Aufbau meines Artikels nicht einverstanden, so dass mir bei der Gelegenheit von ihm in Form eines Crashkurses einiges über den Schreibstil in der Regenbogenpresse vermittelt wurde: Es sei wichtig, sich an der Schreibe der BILD-Zeitung zu orientieren. Man könne von der halten, was man wolle, aber die Redakteure dort würden einen einfachen, leicht verständlichen Ausdruck pflegen, den auch die Oma verstehen würde, die ja nun einmal die Zielgruppe dieser Zeitschriften wäre. Nicht umsonst würden BILD-Redakteure mit Kusshänden bei anderen großen Zeitungen empfangen werden, weil sie die Fähigkeit besitzen, Geschichten kurz und knackig mit wenigen Worten auf den Punkt zu bringen. Am zweiten Tag schrieb ich meinen Artikel um (diesmal stichwortartig als „Die fünf wichtigsten Fakten über Stevia“ und damit wesentlich übersichtlicher), der nun als wesentlich besser vom Chef abgesegnet wurde.

In der kommenden Woche wartete ich vergeblich auf den versprochenen Anruf des Verlages. Ich war aufgrund der vielversprechenden Äußerungen des Chefredakteurs sehr sicher, die Zusage für die Stelle zu erhalten. In der Zeit haderte ich ständig mit mir, ob ich dort wirklich mein Glück versuchen will, beruhigte mein durchaus vorhandenes schlechtes Gewissen aber damit, nur für die Gesundheitsecke und nicht für den ekelhaften Schmierenjournalismus drum herum verantwortlich zu sein — und was hinzukam: Es war nun mal die Aussicht auf mein erstes eigenes Geld da. Am Donnerstag, neun Tage nach meinem letzten Probetag, rief ich selbst im Verlag an, um mich nach der Entscheidung zu erkundigen. Ich wurde auf den Folgetag vertröstet. Am Freitag meldete ich mich am späten Nachmittag erneut. Diesmal war der Chef außer Haus. Er wäre nächste Woche wieder da. Das Ende vom Lied: Am Montag darauf flatterte meine zurückgesendete Bewerbungsmappe ins Haus — man habe sich für einen erfahreneren Bewerber entschieden und wünsche mir für die Zukunft alles Gute.

Nach der Enttäuschung über den schlechten Stil dieser Absage durchforstete ich in den nächsten Tagen intensiver als zuvor den Stellenmarkt. Nach zwei Wochen Suche stach mir dabei ein altbekanntes Gesuch ins Auge: Verlag XY sucht Redaktionsvolontär mit geisteswissenschaftlichem Studienabschluss. Richtig, es war der Verlag, von dem ich gerade erst die Unterlagen wiederbekommen hatte. Ob mein siegreicher Konkurrent gleich wieder abgesprungen ist oder es möglicherweise gar keinen passenden Konkurrenten gegeben hat, kann man nur spekulieren. Ich jedenfalls war rückblickend froh, in meinem Lebenslauf nicht ein Volontariat in diesem Verlag stehen zu haben.


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