Zusammenbruch der Realität
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Zusammenbruch der Realität

Für die große Politik und ihre Protagonisten interessiert sich die Regenbogenpresse gemeinhin nicht die Bohne. Aber wenn eine Redaktion mal eine Geschichte aufgreift, dann langt sie voll zu.

Beispiel: Joachim Gauck. Aus den “Freiheit”-Reden des Bundespräsidenten lassen sich nur schwer Skandale auf Regenbogenniveau stricken. Aus nervlichen Krisen hingegen umso besser — dachte sich auch “Das Neue”:

Joachim Gauck - Zusammenbruch! Wird ihm alles zu viel?

Hoppla — ein zusammengeklappter Bundespräsident? Schock in der Nation, Staatskrise, und nur die Hauptstadtkorrespondenten von “Das Neue” wissen davon:

Während einer Gedenkveranstaltung in der ukrainischen Hauptstadt verließen den 75-Jährigen die Kräfte. Von Präsidenten-Kollege Petro Poroschenko (49) und einem Ehrengast musste Joachim Gauck regelrecht aufgefangen werden. Nicht nur für die anwesenden Gäste ein Schock!

Das Blatt hat sogar ein Beweisfoto für den Zusammenbruch des deutschen Staatsoberhauptes. Und auf dem ist ganz eindeutig zu sehen, dass Joachim Gauck noch nicht einmal mehr alleine gehen konnte:

Joachim Gauck musste vom ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko und einem Gast gehalten werden.

Also, liebe Mitarbeiter von “Das Neue”, noch einmal ganz langsam und extra für Euch: Das Einhaken von Politikern gehört heutzutage zu Gedenkmärschen wie idiotische Schlagzeilen zu Eurem Käseblatt. Und damit Euch die nicht ausgehen, haben wir hier noch eine Reihe anderer Politiker, über deren Abstürze Ihr Euch in den kommenden Wochen schöne Märchengeschichten ausdenken könnt. Nichts zu danken!


Mit detektor.fm haben wir auch über den angeblichen Gauck-Zusammenbruch gesprochen.


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Dicke Festtagsenten
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Dicke Festtagsenten

Weihnachten wird Grütze. Keine Spur von Besinnlichkeit oder Familienglück, stattdessen “Tränen”, “Krach” und “Ehe-Aus”. Dieses Jahr werde das Fest zur “Tragödie” — prophezeien jedenfalls die Weihnachtswichtel der Regenbogenhefte.

Zum Beispiel die Feiertagsplanungen von Joachim Gauck: Wird der Bundes-präsident mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt feiern? Oder doch mit Ehefrau Hansi Gauck?

Beim Wahrsagerblick in die Schneekugel sieht die “Woche heute”, ein Blatt aus dem Bauer Verlag, jedenfalls eine “Weihnachts-Tragödie” aufs Staatsoberhaupt zukommen und macht sich “schlimme Sorgen um seine arme Ehefrau”:

Joachim Gauck - Weihnachts-Tragödie! Schlmme Sorgen um seine arme Ehefrau

Wie weh tut er Hansi jetzt, indem er sie allein lässt?!

1:0 für Daniela Schadt. Doch die “Neue Post”, ebenfalls aus dem Bauer Verlag, gleicht postwendend wieder aus:

Jetzt muss er klare Verhältnisse schaffen! Joachim Gauck - Zurück zur Ehefrau ... und wie sie Weihnachten feiern

Nämlich mit den vier gemeinsamen Kindern. Und ohne Daniela Schadt.

Bei Moderator Wayne Carpendale und seiner Frau Annemarie feiert laut “Das macht Spaß” hingegen überhaupt niemand. “Krach im Paradies?” — und das “ausgerechnet zum Fest der Liebe”:

Ausgerechnet zum Fest der Liebe! Krach im Paradies?

Wayne sei beruflich schlicht zu erfolgreich, moderiere eine Sendung nach der anderen und habe kaum noch Zeit für Privates. Anscheinend nicht mal für Weihnachten.

Die dickste Festtagsente kommt aber aus dem britischen Königshaus, genauer von Prinz Charles und seiner Camilla:

Charles & Camilla - Ehe-Aus vor Weihnachten!

“Das goldene Blatt” gibt sich siegessicher. Denn schon beim traditionellen Royaltreffen am ersten Weihnachtstag werde Camillas Platz an der großen Festtafel leer bleiben, schreibt die Redaktion. Seit der Hochzeit von Camilla und Charles im April 2005 hat “Das goldene Blatt” die beiden übrigens bereits 19-mal auf seiner Titelseite geschieden. Doch nun soll es wirklich so weit sein:

Ihre Ehe steht endgültig vor dem Aus.

Das Unglück des britischen Thronfolger-Paares steht auf dem Wunschzettel des “goldenen Blatts” sicher ganz oben.


Dieser Text ist gestern auch im “Tagesspiegel” erschienen. Jeden zweiten Montag schreiben wir dort eine Kolumne über die Regenbogenpresse.


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Kleingedrucktes macht auch Mist
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Kleingedrucktes macht auch Mist

In unserem wöchentlichen Gespräch mit detektor.fm ging es dieses Mal um einen kleinen, aber ganz entscheidenden Zusatz in der Titelgeschichte von “Das Neue”:

Joachim Gauck und seine Daniela - Alle wünschen es sich so! Jetzt wird geheiratet!

Das Gespräch könnt Ihr hier nachhören …

detektor.fm: Heute wird’s romantisch …

Moritz: Nicht nur romantisch, sondern richtig romantisch! Es wird nämlich geheiratet. Das verspricht das Blatt “Das Neue” zumindest sehr groß auf der Titelseite — wirklich nicht zu übersehen. Wenn man dann aber mal genauer hinguckt und den Text liest, merkt man doch: Naja, so ganz stimmt das alles nicht.

Es wird ja öfter mal geheiratet in der Boulevardpresse. Wer soll denn diese Woche heiraten?

Mats: Dieses Mal geht’s um keinen Geringeren als den Bundespräsidenten höchstpersönlich, “Joachim Gauck und seine Daniela”, wie es heißt. Um die beiden geht’s, und da ist die große Titelschlagzeile “Jetzt wird geheiratet!” Grundlage für die Geschichte ist, dass man die beiden eine Zeit lang nicht zusammen gesehen hat — also Herr Gauck war dann auf den Terminen oft alleine unterwegs –, aber in letzter Zeit kommt Daniela Schadt, seine Lebensgefährtin, öfter mal wieder mit. Und das ist auch schon die Grundlage für die Schlagzeile.

Moritz: Jedem, der sich ein bisschen mit dem Bundespräsidenten und vor allem mit der Klatschpresse auskennt, müsste es jetzt eigentlich in den Ohren schrillen. Denn es ist doch bekannt: Joachim Gauck ist aktuell noch verheiratet, es gibt eine Frau Gauck. Die leben zwar nicht mehr zusammen, aber geschieden sind sie auch nicht. Und deswegen ist es in der Regenbogenpresse auch so eine große Überraschung, dass jetzt geheiratet wird.

Also wurde da wieder sehr intensiv recherchiert offenbar.

Moritz: Nee, das ist nämlich genau der Haken: recherchiert wurde gar nicht. Es gibt wirklich kein Anzeichen dafür und es ist auch nicht realistisch, dass jetzt geheiratet wird, denn erstmal muss ja eine Scheidung stattfinden…

Mats: Bis auf ein Anzeichen: Es gibt nämlich ein Foto, auf dem Joachim Gauck und Daniela Schadt Hand in Hand eine Treppe runter gehen. Das ist der größte Beweis für die Theorie, dass jetzt geheiratet wird.

Klar, natürlich.

Moritz: Ein ganz entscheidenden Zusatz haben wir übrigens noch gar nicht erwähnt und den hat “Das Neue” auch sehr bewusst gesetzt. Es prangt auf der Titelseite auch ein kleiner Satz, der sagt: “Alle wünschen es sich so!” Das erklärt dann auch, warum das Blatt so forsch behaupten kann, dass jetzt geheiratet wird. Egal, dass es gar keine Anzeichen gibt, sie sprechen ja nur von einem großen Wunsch, dass Daniela Schadt und Joachim Gauck jetzt endlich mal heiraten sollten. Das ist natürlich ein Freifahrtsschein für jegliche Spekulation und jegliches Gerücht, zu behaupten, dass sich jeder das so wünscht, und über diesen Wunsch dann zu berichten.

Die Regenbogenpresse ist sich also offenbar sicher, dass ganz Deutschland darauf wartet. Da stellt sich die Frage: Auf wie viele Hochzeiten warten die Deutschen gerade eigentlich so?

Moritz: Auf eine ganze Menge. Auf eine Menge Hochzeiten und auf eine Menge Babys. Diese Maßnahme der Regenbogenpresse, dieser kleine Trick, zu sagen: “Die Fans wünschen es sich so!”, “Ganz Monaco redet schon drüber!”, “Wann kann sie endlich diese Nachricht verkünden?” — das begegnet uns immer wieder bei der Arbeit mit den Heften und ist wirklich ein ganz, ganz billiger Trick, irgendeine wilde Schlagzeile zu legitimieren. Dementsprechend könnte jeder heiraten und jeder könnte sich scheiden lassen und jeder könnte ein Baby erwarten.

Mats: Und nicht nur heiraten oder Kinder bekommen. Das kann man ja mit allem machen. Das ist so, als würde die “Bild” groß auf die Titelseite schreiben: “In Berlin ist eine Atombombe explodiert” und dann einen kleinen Zusatz: “Aber es war nur im Film”. So macht es sich die Regenbogenpresse richtig einfach, indem sie eine ganz kleine Schlagzeile bringt, die die große Schlagzeile relativiert.

Da können einem die Kollegen ja fast leid tun. Gibt’s denn nicht genügend prominente Paare, die tatsächlich heiraten?

Moritz: Vielleicht gibt es nicht genügend prominente Paare, bei denen es so spannend wäre. Denn was auffällt bei Joachim Gauck: In den Leserbrief-Spalten dieser Hefte — also zum Beispiel “Die Aktuelle” druckt sehr gerne Leserbriefe — geht’s oft um Joachim Gauck und Daniela Schadt. Da echauffieren sich die Leute immer stark, dass sie überhaupt nicht seine Frau ist und eigentlich auch gar nicht seine Lebensgefährtin, sondern allerhöchstens eine Mätresse. Die sind überhaupt nicht einverstanden mit Gaucks Lebensgebilde, dass er irgendwo noch eine Frau hat und jetzt aber den Staat repräsentieren soll. Dementsprechend wäre diese Nachricht, dass tatsächlich geheiratetwird, wäre die große Erlösung für all diese Leserbriefschreiber. “Das Neue” dürfte sich also sehr bewusst Joachim Gauck für diese Schlagzeile ausgesucht.


Jeden Freitag unterhalten wir uns mit dem Internetradiosender detektor.fm über die Dämlichkeiten der deutschen Regenbogenpresse. Diese Gespräche gibt’s am Montag immer hier bei uns im Blog zum Nachhören und -lesen.

Und unter diesem RSS-Link gibt’s das Ganze als Podcast.


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