In den Palästen der Welt daheim

In den Palästen der Welt daheim

Wenn die Regenbogenredaktionen mit ihrer Arbeit einer Frage ganz sicher nicht auf den Grund gehen wollen, dann dieser hier: Was ist wirklich passiert?

Die Maxime lautet eher: Was könnte möglicherweise vielleicht unter Umständen passiert sein, das sich besonders gut verkaufen lässt?

Und so hält diese Covergeschichte der “Heim und Welt” auch mitnichten das, was ihre aufklärerische Titelzeile den Lesern verspricht:Neue Schock-Gerüchte um Diana erschüttern William - "Mutter, was ist wirklich passiert?"Nein, es geht den Mitarbeitern der “Heim und Welt” bei diesem Artikel ganz und gar nicht darum herauszufinden, wie es nun tatsächlich zum tödlichen Unfall Dianas kam. Und das Zitat, das sie Prinz William zuschreiben, haben sie sich auch nur selbst ausgedacht. In Wirklichkeit toben sich in ihrem Artikel die Liebe-Leser-wir-waren-tatsächlich-dabei-zwinker-zwinker-Journalisten auf zwei Seiten so richtig aus.

Und das liest sich so:Schweißgebadet schreckt er hoch. Der Puls rast, panisch schnappt William (31) nach Luft. Doch diesmal ist es nicht sein unruhig schlummerndes Baby George, das dem Prinzen den Schlaf raubt. Ihr quälen furchtbare Albträume! Gerade schien William erfolgreich in seinen neuen Lebensabschnitt hineinzuwachsen. In die Rolle des Familienvaters, in die verantwortungsvolle Aufgabe, einen kleinen Erdenbürger großzuziehen. Nun aber holt ihn plötzlich unerbittlich die eigene Vergangenheit ein!Die Fantasten der “Heim und Welt” sitzen also an Williams Bettkante, wenn der Prinz nachts an die Filmplakate denken muss, “auf denen Schauspielerin Naomi Watts (44) seiner Mutter erschreckend ähnlich sieht”.

Es ist eine ganz eigene Art der, nun ja, Berichterstattung, auf die sich der Klambt-Verlag mit seinen Schein-Reportagen spezialisiert hat. Eigentlich beansprucht im Verlagshaus in Baden-Baden die “Frau mit Herz” die Führungsrolle unter den Märchenerzählern. Doch in diesen Tagen scheint das Schwesterblatt “Heim und Welt” ihr diese Position ernsthaft streitig machen zu wollen.

Denn nur eine Woche später hat ein Teil der Redaktion seine Wahrsagerzelte in Großbritannien anscheinend abgebrochen, sich auf den Weg nach Spanien gemacht und dort im Palast von König Juan Carlos eingenistet.

Herausgekommen ist diese Geschichte:König Juan Carlos von Spanien - Nimmt er Letizia nun Klein-Leonor für immer weg?

Erschrocken zucken die Angestellten des Marivent-Palastes zusammen. Die Stimme des spanischen Königs fährt allen durch Mark und Bein. Selbst die massive Holztür des Arbeitszimmers kann seinen wütenden Worten kaum etwas von ihrer Wucht nehmen. Seine Stimme wird immer noch lauter und überschlägt sich. Dann schmettert Juan Carlos den Telefonhörer in die Gabel und eine unheimliche Stille kehrt ein. Wer hat den 75-Jährigen, der eigentlich ein paar entspannte Tage im Sommersitz der Familie auf Mallorca genießen wollte, so zur Weißglut getrieben? Seine Schwiegertochter Letizia (40)!Jene Redaktionsmitarbeiter, die in Großbritannien geblieben sind, haben ebenfalls eine Story ausgegraben zusammengedichtet — die “Zweite Chance für die Liebe” von Prinz Andrew und seiner Fergie:Das Paar hat es sich abseits der Festgesellschaft im kuscheligen Kaminzimmer gemütlich gemacht. Sie lauschen den knisternden Holzscheiten, schwelgen in schönen Erinnerungen, halten einander fest im Arm. Es ist wie in alten Tagen, als hätte jemand heimlich an der Uhr gedreht. Auf Schloss Balmoral in Schottland feiern Sarah „Fergie“ Ferguson (53) und Andrew (53) 17 Jahre nach der Scheidung ein romantisches Liebes-Comeback.Und für die Ausgabe der “Heim und Welt”, die am vergangenen Montag erschienen ist, haben sie noch eine Geschichte von Schloss Balmoral mitgebracht:König Elizabeth - Todes-Angst um ihre Familie - Wie viel Leid kann sie noch ertragen?

Schlagartig verfinstert sich ihre Miene, für einen Augenblick drohen ihr die Gesichtszüge zu entgleiten. Die sonst so kontrollierte Königin ist kaum wiederzuerkennen! Sekundenlang verharrt Elizabeths Blick auf der Angestellten, die die furchtbare Hiobsbotschaft überbracht hat. Unerträgliche Stille macht sich breit, eine düstere Mischung aus traumatischen Erinnerungen und unheilvollen Visionen schießt der Queen durch den Kopf. Plötzlich wird der 87-Jährigen schummrig vor Augen. Im letzten Moment bekommt sie eine Sessel zu fassen, um sich daran abzustützen. Was hat die Monarchin in ihrem Urlaub auf Schloss Balmoral nur so aus der Fassung gebracht?Nun hat sich die “Heim und Welt” in den vergangenen Wochen also in britische und spanische Paläste eingeschlichen und die gespitzten Ohren an die schweren Holztüren gelegt. Die meisten Mittendrin-Artikel aber liefert ihr Spürhund in den Niederlanden.

Zum Beispiel diesen hier von der Beerdigung Prinz Frisos:Frisos Töchter Luana und Zaria - "Unser Papa ist jetzt im Himmel!"

Zwischen den dunkel gekleideten Erwachsenen gehen kleine Gestalten in blütenweißen Kleidern. Frisos Töchter Luana (8) und Zaria (7) blinzeln ungläubig aus traurigen kleinen Augen. Ihr geliebter Papa ist fort. „Er ist jetzt im Himmel!“, flüstert Luana den Cousinen hinter ihr zu -- und blickt wehmütig nach oben, als könnte sie Friso dort sehen. Ihre kleine Schwester Zaria schluchzt. Und drückt die Hand ihrer Oma Beatrix noch ein wenig fester ...Über den Tod und die Beerdigung Frisos ist inzwischen alles erzählt worden — alles, was tatsächlich passiert ist. All das zu erzählen, was nicht passiert ist, das hat sich jetzt offenbar die “Heim und Welt” zur Aufgabe gemacht.

Beispielsweise mit diesem Blick in Beatrix’ Inneres:Prinzessin Beatrix - "Mein Sohn, bitte steh mir bei!"

Die Augen hat sie fast wie zum Schutz stark geschminkt. Ihr Körper wirkt kraftlos. Immer wieder starrt sie ins Leere. Oder sie schaut ihren Sohn hilfesuchend an. Prinz Constantijn (43) weiß genau, wie es in seiner Mutter aussieht. Denn auch wenn sie sich nach außen noch so stark und tapfer gibt, Prinzessin Beatrix ist völlig verzwifelt. Nach dem Tod ihres Sohnes Friso scheint alle Lebenslust wie weggeflogen. Umso wichtiger, dass Constantijn seiner Mutter kaum aus den Augen lässt. Zusammen mit seiner Frau Laurentien (47) kümmert er sich fast Tag und Nacht um sie.All diese Beispiel sind irre und verlogen und haben mit Journalismus so viel zu tun wie “Der Landser” oder “Perry Rhodan”. Es ist zusammengesponnener Mist, der Nähe und Authentizität vorgaukeln soll und im Grund nichts weiter ist als Schund, der an Redaktionsschreibtischen in Baden-Baden auf Papier gerotzt wurde.

Ein ganz besonderes Exemplar ist dabei mit dieser Titelgeschichte herausgekommen:Krebs-Schick in der Familie - Enkelchen Amalia sorgt sich um Prinzessin Beatrix - "Oma, bitte hör doch auf zu weinen!"Denn die Szene, die in diesem Artikel geschildert wird, ist von vorne bis hinten — Zeile für Zeile — komplett ausgedacht. Hier die schönsten Auszüge:

Versonnen schweift ihr Blick hinaus auf den maerischen Garten des Drakensteyn-Schlosses. Die gleißende Morgensonne taucht den ganzen Raum in ein goldenes Licht. Bald werden alle hier sein. Willem-Alexander (46), Maxima (41), Constantijn (43) mit Laurentin (47), Mabel (45) und natürlich die Kinder. Gemeinsam wird die Familie an diesem Tag Frisos (✝44) Grab in Lage Vuursche besuchen.

Ach, könnte die Zeit doch zurückgedreht werden! Die schmerzvollen Erinnerungen zerreißen ihr Mutterherz. Gedankenverloren stiert Beatrix in die Ferne, eine Träne kullert ihre Wange hinab …

“Oma, bitte hör doch auf zu weinen!” Die flehenden Worte ihrer Enkeltochter reißen Beatrix abrupt aus ihren Gedanken. Sie hat gar nicht bemerkt, wie sich Amalia (9) und ihre Cousinen, Frisos Töchter Luana (8) und Zaria (7) klammheimlich herangeschlichen haben. Beim Anblick der Mädchen legt sich ein warmes Lächeln auf Beatrix’ Gesicht. In den Stunden tiefster Trauer und Verzweiflung spenden die süßen Enkelchen ihr so viel Trost.

Zaria hüpft auf den Schoß ihrer Oma, drückt fest ihre Hand: “Du brauchst nicht traurig sein! Papa ist doch jetzt bei den Engeln!” Selig blickt Beatrix in die kleinen Augen ihrer Enkelin. Sie streichelt ihr zärtlich über die Wange, spricht leise. “Ich bin froh, dass ich euch habe!” Ihre Lieblinge schmiegen sich ganz fest an sie. Für einen Moment schließt Beatrix die Augen. Sie flüstert: “Lieber Gott, ich danke dir …!”

Herrjemine.

Diese sieben Beispiele von Schein-Reportagen stammen aus vier Wochen “Heim und Welt”. Was sagte der Klambt-Verlagsleiter Herbert Martin vor wenigen Tagen gleich noch in einem Beitrag des NDR-Medienmagazins ZAPP?

Es ist nicht so, dass Journalisten, die für Yellow Press-Produkte arbeiten, schlechter arbeiten, sie arbeiten nur anders.


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