Die Geissens, die ich rief (2)
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Die Geissens, die ich rief (2)

Wer sich am Montagabend beim Fernsehen zu RTL2 verirrt, trifft auf eine Familie, die in Saus und Braus in Monaco lebt, die Eltern stets schlecht gekleidet, die zwei Töchter häufig im Bikini am Pool. Das ist die Familie Geiss, besser bekannt als “Die Geissens — eine schrecklich glamouröse Familie”. Die besonders schrecklich glamourösen Carmen und Robert Geiss sollen laut “Freizeit Spaß” nun auf einmal “Angst um ihre geliebten Töchter” haben:

Unbekannte haben unter den Namen der Promi-Sprösslinge Profile auf Instagram und Facebook eröffnet. Die Fotos wurden anscheinend geklaut

… schreibt das Regenbogenblatt und johlt auf seiner Titelseite:

Carmen & Robert Geiss - Familien-Tragödie - Ihre Töchter im Visier von Kriminellen

Die Fotos der zwölfjährigen Davina und der elfjährigen Shania, die Kriminelle irgendwo im Netz veröffentlicht haben sollen, veröffentlicht die “Freizeit Spaß” auch noch einmal:

Im Bikini am Pool oder mit Hotpants in der Hängematte — die zwei Mädchen posieren freizügig vor der Kamera.

Nun sind Foto- und Identitätsdiebstahl bereits ärgerlich genug. Doch da sei im Fall der Geiss-Kinder noch ein ganz anderes Problem: die Kommentare unter den Bildern. Da stehe zum Beispiel:

Fallst du ein freund hast kann der glück haben dich zu haben

Oder:

Wenn du whats app hast schreib mir wenn deine eltern dir das erlauben!!!

Orthografisch schon bedenklich, aber:

Vor allem ältere Männer schreiben Kommentare unter die Fotos, wollen Davina und Shania kennenlernen. Etwa Kriminelle, gar Pädophile?

Auf der Suche nach einer Antwort haben wir uns das ganze Wochenende durch reichlich Davina-und-Shania-Fakeprofile geklickt. Das Ergebnis: Ja, dort gibt es Bikinifotos, die irgendwo zusammengeklaubt wurden. Und ja, es gibt Leute, die nach den Handynummern der beiden fragen und sie auch gern mal treffen würden. Das sind entweder elfjährige Mädchen oder 14-jährige Jungs. Und vor denen — so unsere Einschätzung — muss man nicht unbedingt Angst haben.


Dieser Text ist am Montag bereits im “Tagesspiegel” erschienen. Alle zwei Wochen schreiben wir dort eine Kolumne über die Regenbogenpresse.


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“Frau mit Herz” erfindet die App für Attentäter
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“Frau mit Herz” erfindet die App für Attentäter

Prinz William fliegt wieder. Nach der Geburt seiner Tochter Charlotte hatte sich der britische Thronfolger ein paar Monate Pause gegönnt, nun ist er zurück hinterm Steuerknüppel seines Rettungshubschraubers. Als Pilot der “East Anglian Air Ambulance” bringt William Sanitäter und Ärzte zu Unfallorten und Notfalleinsätzen.

Das ist toller Stoff für Regenbogenredakteure. Aus Williams Job können sie wahlweise ein Psychodrama (schlimmer Unfall, schreckliche Szenerie), ein Liebesdrama (hübsche Kollegin, Konkurrenz für Ehefrau Kate) oder ein Todesdrama (mögliche Turbulenzen in der Luft, der Prinz potenziell immer in Gefahr) stricken.

Auf einen Dreh musste aber erst das britische Paparazziblatt “Mail on Sunday” kommen, den die “Frau mit Herz” dankend aufgenommen und weitergesponnen hat:

Prinz William - Schock - Plötzlich ist er eine Zielscheibe für Attentäter

Hinter dem Terrordrama steckt eine Smartphone-App, die sich jeder für 3,99 Euro runterladen kann, auch Kriminelle:

Mithilfe eines speziellen Handy-Programms lässt sich die Flugroute des Prinzen-Hubschraubers präzise verfolgen. Kriminelle könnten das ausnutzen

Tatsächlich konnten Mitarbeiter der “Mail on Sunday” mit der App “Flightradar24″ und dem sogenannten Luftfahrzeugkennzeichen Williams Helikopter während eines Fluges orten und “auf der Stelle präzise Informationen über die Flugroute, Start- und Landekoordinaten” sammeln.

Die “Frau mit Herz” denkt etwas weiter und schlägt Alarm: Das “neue Programm” erlaube Attentätern, “den Prinzen zu bedrohen und sogar abzuschießen!” William solle jetzt nicht nur an “seinen Traumberuf”, sondern “auch an seine kleine Familie denken.” Den “schmerzvollen Verlust ihres geliebten Mannes und Vaters würden Prinzessin Kate (33) und die Kinder nie verkraften”.

Das wäre dann in der Tat das Nonplusultra im Regenbogenkosmos: die Zusammenführung von Terror-, Todes-, Liebes- und Psychodrama.


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Klickfang auf Papier
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Klickfang auf Papier

Als Fernsehzeitschrift ist es schon ein besonderes Kunststück, ins Visier von Medienkritikern zu geraten und sich die Empörung der Masse einzufangen. Der “TV Movie” jedoch ist das vergangene Woche mit Bravour gelungen. Bei Facebook hatte sie einen Artikel beworben mit den Worten:

Gerade vermeldet ++ Einer dieser TV-Moderatoren muss sich wegen Krebserkrankung zurückziehen

Dazu Fotos von vier Moderatoren. Erst nach dem Klick erfuhr man, wer von ihnen die Diagnose erhalten hatte. Clickbaiting nennt sich dieses Prinzip, mit dem einige Redaktionen seit einer Weile ihre potenziellen Leser trickreich in die Irre führen, um sich deren Klicks zu ergaunern.

Auch die “Prima Woche” versucht auf ihrem aktuellen Cover die mögliche Kundschaft mit einer großen “Schock-Nachricht” zum Kauf zu bewegen. Es geht um Regenbogenqueen Helene Fischer, die ihrem Freund Florian Silbereisen auf dem beigestellten Foto einen enttäuschten Blick zuwirft. “Warum musste es so enden?”, fragt das Blatt und verspricht “Alles über die traurigen Hintergründe!”

Schock-Nachricht - Helene Fischer - Warum musste es so enden? Alles über die traurigen Hintergründe!

Nun könnte man meinen — so ja auch das Kalkül der Redaktion –, dass es um die Beziehung des Schlagerpärchens geht. Doch wer die “Prima Woche” kauft, erfährt: Vorbei ist nicht etwa die Beziehung von Helene Fischer und Florian Silbereisen, sondern das Leben einer 44-jährigen Frau. Sie starb bei einem Autounfall auf einer Landstraße in der Nähe von Rostock. Angeblich war sie von der Autobahn abgefahren, weil dort zu viel Verkehr war — unter anderem deshalb, weil in der Nähe ein Konzert von Helene Fischer stattfand.

Das unsägliche Prinzip des Clickbaitings ist keine Erfindung des Internets. Es ist das digitalisierte Grundprinzip der Regenbogenpresse: Der Betrug am Leser, um Geld zu verdienen; das gierige, perfide Spiel mit der Angst und dem Leid anderer Menschen — unter dem Deckmantel des Journalismus.


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Die biblischen Früchtchen der “Freizeit Revue”
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Die biblischen Früchtchen der “Freizeit Revue”

In der Märchenwelt der Regenbogenpresse geht es in zehn von zehn Fällen um Banalitäten. Die “Freizeit Revue” hat nun allerdings eine Geschichte von biblischem Ausmaß ausgegraben. Brudermord im Schlagermilieu? Die jesushafte Wunderheilung einer Societydame? Nein, das Heft mit der Millionenauflage berichtete vergangene Woche von verbotenen Früchten im “Kinderparadies” Anmer Hall.

Auf dem Landsitz der britischen Königsfamilie, “gleich hinterm Tennisplatz”, steht nämlich ein “hochgiftiger Goldregen-Baum”. Und so konnte die “Freizeit Revue” gar nicht anders, als zu titeln:

Herzogin Kate - Dramatische Vergiftung! Große Sorgen um das Leben ihres kleinen George

Die Entdeckerlust des “Schnuckel-Rackers” und die Samen des Goldregen hätten den Thronfolger in Lebensgefahr gebracht, behauptet das Blatt. Gut möglich, dass der Zweijährige “die runden Kügelchen im Ernte-Eifer für Garten-Früchte gehalten” habe:

Jedenfalls waren fix die Patschehändchen ausgestreckt, die vermeintlich leckere Beute wanderte mit Lichtgeschwindigkeit in den Mund.

Auch die “Daily Mail” berichtete von dem giftigen Baum auf Anmer Hall, genau genommen hat die “Freizeit Revue” den Artikel der britischen Boulevardzeitung einfach übersetzt. Nur die Sache mit dem “Ernte-Eifer”, den “Patschehändchen” und der “Lichtgeschwindigkeit” hat sie dabei exklusiv dazugedichtet.

In dieser Woche macht sich die Redaktion dann schon wieder “große Sorgen”, diesmal um Mutter Kate:

Herzogin Kate - Depressionen! Große Sorgen um die junge Mutter

Der “Babyblues” nach der Geburt von Tochter Charlotte soll zu einer Depression ausgewachsen sein. Und dann sei da noch ihr “überängstliches Verhalten”:

Kate brachte Ehemann William sogar dazu, sich in einem offenen Brief über Fotografen zu beschweren, die angeblich den Kindern des royalen Paares “auflauern”.

Völlig unverständlich für die “Freizeit Revue”: Warum auflauern? Die kleinen Royals kann man doch auch ganz wunderbar vom Schreibtisch aus in Gefahr bringen.


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“Woche heute” lässt LeFloid tief in Merkels Seele blicken
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“Woche heute” lässt LeFloid tief in Merkels Seele blicken

Für sein Interview mit Angela Merkel musste der Youtube-Flummi LeFloid ganz schön einstecken: lasche Fragen, devotes Gehabe, null kritisches Nachbohren, so die Vorwürfe.

Die “Woche heute” titelt gar, es sei ein “erschütterndes Interview” gewesen, was aber nicht am unterwürfigen Internetstar lag, sondern an den scharfen Antworten der Bundeskanzlerin:

Es ist so traurig - Angela Merkel - Erschütterndes Interview - So schlimm steht es wirklich um ihre Ehe

Merkel habe “tief in ihre Seele blicken” lassen. Nanu?! Diese Einsicht dürfte das Regenbogenblatt beim Durchschauen des halbstündigen Videomaterials recht exklusiv gehabt haben. Doch trotz all der Schwammigkeit von Merkels Aussagen bleibt die Redaktion dabei:

In einem Interview mit dem Youtube-Star LeFloid (27) gewährte die Kanzlerin jetzt ungewohnte Einblicke in ihr Leben abseits von Rednerpulten, Kameras und Mikrofonen.

Angela Merkel hatte vor laufender Kamera ins Mikrofon gesagt, dass ein Beruf jeden Menschen verändere: “Wenn Sie den ganzen Tag mit Leuten reden, dann haben Sie abends vielleicht unglaublich Lust, mal eine Stunde zu schweigen.”

Für die “Woche heute” wirft die mögliche Stunde Ruhe im Hause der Kanzlerin und ihrem Mann Joachim Sauer unweigerlich eine Frage auf: “Wie steht es wirklich um ihre Ehe?” Denn “sich anzuschweigen, anstatt miteinander zu reden — das ist Gift für jede Beziehung!

Und dann ist da noch Merkels Mobiltelefon, das die gemeinsame Zeit besonders kostbar mache:

Schließlich kann jeden Moment wieder ihr Handy klingeln, kann die nächste Krise sofortiges Handeln nötig machen!

Richtig problematisch werden diese Krisenanrufe natürlich dann, wenn sie in die Merkel’sche Schweigestunde fallen. Die endgültige Handlungsunfähigkeit der Bundesregierung wäre die Folge. LeFloid hat mit seinem Interview also nicht nur ein Ehe-Drama aufgedeckt, sondern einen handfesten Politskandal. Zumindest nach Logik der Regenbogenpresse.


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Fantasievoller Franzosen-Flirt
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Fantasievoller Franzosen-Flirt

Diese Massenmedien bekommen mal wieder gar nichts mit. Im Herzen Europas spielt sich momentan die größte Liebessensation der vergangenen Jahrzehnte ab, über alle Partei- und Ländergrenzen hinweg, die Vollendung der deutsch-französischen Freundschaft — und nur das Klatschblatt “Das Neue” berichtet.

Während sich die gesamte Journaille auf Griechenland und den Euro stürzt, behält die Regenbogenredaktion das Zwischenmenschliche im Auge und titelt:

Gibt ihr Mann sie frei? Angela Merkel - Pikanter Franzosen-Flirt

Denn das, was Konrad Adenauer und Charles de Gaulle angeschoben haben, und Schmidt/Giscard d‘Estaing, Kohl/Mitterand und Schröder/Chirac vorantrieben, könnten Angela Merkel und François Hollande jetzt krönen:

Sie umarmen sich, schauen sich in die Augen, küssen sich sogar: Kanzlerin Angela Merkel (60) turtelt in aller Öffentlichkeit mit ihrem Pariser Kollegen François Hollande (60).

Merkel hege “ganz offensichtlich” mehr als nur Sympathie für ihren französischen Amtskollegen.

Wenn sie François Hollande begegnet, wirkt sie befreit, fröhlich, fast verliebt — und das trotz der Griechenland-Krise, die alle Kraft von ihr fordert!

Und ihr Ehemann Joachim Sauer?

Seit Monaten sieht der Chemie-Professor, dass seine Frau vor aller Augen fremdflirtet (“das neue” berichtete).

Genau, “‘das neue’ berichtete”. Schon im Mai beobachtete das Heft nämlich, dass “Oh, là, là, Monsieur le Président” beim Berlinbesuch das Herz der Bundeskanzlerin im Sturm erobert habe. Plötzlich lag bei der Klimakonferenz “L’amour’ in der Luft!” Dort habe Merkel für ihre Verhältnisse ganz schön aufgedreht: “ein rotes Sakko — die Farbe der Liebe –, etwas mehr Make-up als sonst, ein fast schon schelmischer Augenaufschlag”.

Das ist eben die ganz große Qualität der Regenbogenpresse: Sie sieht Dinge, die andere noch nie gesehen haben.


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Harrys Geliebte? Erst bezahlen!
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Harrys Geliebte? Erst bezahlen!

Bei der Frage, wie Verlage mit Texten im Internet Geld verdienen können, setzt Bild.de seit einiger Zeit auf ein sogenanntes Freemium-Modell: Vieles gibt’s beim Onlineableger der “Bild”-Zeitung umsonst, die richtig tollen Inhalte aber nur gegen Kohle.

Will man zum Beispiel den Grabstein von Dirk Bach sehen: bezahlen. Oder die neue Freundin von Bastian Schweinsteiger: bezahlen. Und bei Facebook geklaute Opferfotos, die Bild.de auf der Startseite nur verpixelt ankündigt: genau, bezahlen.

Für Printprodukte ist dieses Locken hinter eine Bezahlschranke kaum umsetzbar. Schließlich kann jeder Kioskkunde am Zeitschriftenregal nachschlagen und -lesen. Die Pioniere der “Freizeit Vergnügen” versuchen es trotzdem. Auf dem Cover ihrer aktuellen Ausgabe schreibt die Regenbogenredaktion:

Prinz Harry — Diese Frau kämpft um seine Liebe

Neben “Feuerkopf Harry” steht eine Blondine, deren Gesicht per Photoshop komplett unkenntlich gemacht ist:

Prinz Harry - Diese Frau kämpft um seine Liebe

Investiert die geneigte Leserin nun die 65 Cent für das Blatt, kann sie im Heftinnern Harrys Ex-Freundin Cressida in voller Pracht sehen. Cressida soll “mit den Waffen einer Frau” versuchen, den Prinzen zurückzugewinnen. Könnte klappen, findet die “Freizeit Vergnügen”, denn:

Auch optisch ragt sie aus der Normalität hervor wie ein Weltkonzern unter Tante-Emma-Läden

Die royale Rückholaktion könnte allerdings von einer anderen Verehrerin sabotiert werden, glaubt man der “Freizeit heute”:

Prinz Harry - Todesangst - Eine schöne Frau bedroht sein Leben

Eine australische Studentin soll per Plakat schon mehrfach um Harrys Hand angehalten haben. Vergebens. Und da lauert auch die Gefahr:

Gibt ja nichts Hinterhältigeres als die Rache einer verschmähten Frau.

Doch “Harry ist Soldat — er wird sich hoffentlich zu wehren wissen”. Klingt so, als gilt die “Todesangst” vor allem für die Studentin.


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Die ganze Wahrheit der Kohl-Korrespondentin
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Die ganze Wahrheit der Kohl-Korrespondentin

Immer dann, wenn Helmut Kohl bei einer Gedenkfeier auftaucht, ihm etwas zustößt oder er einfach mal wieder auf der Titelseite erscheinen soll, haut Jacqueline Müller in die Tasten. Sie ist die Kohl-Korrespondentin beim “neuen Blatt”.

Derzeit liegt Kohl in der Heidelberger Uni-Klinik, weil nach einer geplanten Hüftoperation eine ungeplante Darm-OP nötig war. Und so durfte Jacqueline Müller diese Woche mal wieder eine große Titelgeschichte schreiben.

In der Ankündigung auf dem Cover verspricht “Das neue Blatt” die ganz großen Konflikte: ein “Erschütterndes Drama in der Klinik”, den “verzweifelten Kampf der Ärzte”, einen “bitteren Familienkrieg”. Und vor allem: “Nur bei uns die ganze Wahrheit”.

Nur bei uns die ganze Wahrheit - Helmut Kohl - Erschütterndes Drama in der Klinik - Der verzweifelte Kampf der Ärzte - Der bittere Familienkrieg

Die “ganze Wahrheit” beinhaltet allerdings auffällig viele “soll”s: Ein weiterer Eingriff “soll gefolgt sein”, Kohl “soll längere Zeit ohne Bewusstsein gewesen sein”, er “‘soll seit Wochen im Dämmerzustand liegen’”, zitiert Müller einen anonymen Familienvertrauten. Trotz der vielen Unwägbarkeiten kommt die Leiterin des Showressorts zum glasklaren Urteil, dass dies Kohls “trauriges Ende” sei.

Sowieso geht Jacqueline Müller nicht gerade zimperlich mit der Familie Kohl um. Den Kanzler a. D. schrieb sie schon einmal um die Ecke, als sie auf der Titelseite verkündete, er sei “nach Depressionen, Schmerzen und Einsamkeit” nun “Endlich erlöst”.

Und bereits früher schnüffelte sie gemeinsam mit einer Kollegin Kohls Ehefrau hinterher: Die zwei “neue Blatt”-Mitarbeiterinnen fuhren nach Oberheuslingen und quetschten dort einstige Nachbarn, Mitschüler und Haushaltshilfen Maike Kohl-Richters aus. Herausgefunden haben sie damals nichts. Die Überschrift lautete trotzdem:

Exklusiv! Helmut Kohl - Die unheimliche Vergangenheit seiner Frau

So richtig unheimlich ist daran allerdings nur, dass “Das neue Blatt” aus Nichts immer wieder Tote und Intrigen strickt.


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Mit Marshallplan aufs Cover
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Mit Marshallplan aufs Cover

Tony Marshall kann man nun nicht gerade als medialen Dauerbrenner bezeichnen. Während bei Helene Fischer ein Niesen bei einer Konzertprobe reicht und bei Michael Schumacher sogar die Information, dass es gar keine neue Information gibt, muss sich Schlagersänger Marshall schon was einfallen lassen, um aufs Cover irgendeines Knallblatts zu kommen.

Zum Beispiel ein “Schock-Geständnis”, dass er neben seinen drei ehelichen Kindern auch ein uneheliches hat. Oder dass er 13 Jahre lang glaubte, ein uneheliches Kind zu haben, bis sich rausstellte, dass es gar nicht von ihm ist. Oder beides. Und am besten für zwei verschiedene Hefte. Doch der Reihe nach.

Die “Neue Post” titelt in dieser Woche:

Tony Marshall - Er zig eine falsche Tochter groß

Marshall sei “der Stimmungsmacher der Nation”, aber: Es gab “einen Moment, da verging ihm das Lachen gehörig”. Und zwar, als sich seine uneheliche Tochter Isabel mit 13 Jahren verplapperte und dabei offenbarte, dass sie gar nicht Marshalls Kind sei. Einen Vaterschaftstest später stand fest: Eine seiner außerehelichen Affären “hat ihm ein Kind untergejubelt”. Der Kontakt zu Isabel brach ab.

Doch Tony Marshall sorgte dafür, dass sich die Lücke wieder schließt. “Ich habe ein uneheliches Kind”, erzählte er dem „neuen Blatt“ in einem Exklusiv-Interview und grinst fröhlich von der aktuellen Titelseite:

Exklusiv - Tony Marshall - "Ich habe ein uneheliches Kind" - Schock-Geständnis

Dieses Mal heißt es Dominik. Und Marshall verrät alles mögliche über ihn, wie alt er ist, wie groß, was er studiert. Man muss den Redaktionen eben schon was bieten, wenn man mal wieder ins Gespräch kommen will. Dazu gehört auch der Name der Mutter. Die heißt Isabel, genauso wie Marshalls 13-Jahre-lang-und-dann-doch-nicht-mehr-Tochter.

Spätestens wenn die Regenbogenblätter diesen Zufall entdecken, und der nächste große Artikel ansteht, geht der Marshallplan endgültig auf.


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“7 Tage” will, dass eine Neunjährige nicht dick werden will
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“7 Tage” will, dass eine Neunjährige nicht dick werden will

Spaniens Königin Letizia hat keinen leichten Stand. Vor einigen Jahren haben die Regenbogenredaktionen mal entschieden, dass sie eines der großen Feindbilder sein soll, und seitdem dreschen die bunten Blätter auf sie ein.

Alles haben sie der Frau des früheren Prinzen und heutigen Königs Felipe schon zugeschrieben: eine Alkoholsucht (“Wenn keiner guckt, greift sie zur Flasche” — “Freizeit total”), eine Abtreibung (“Letizia hat heimlich abgetrieben!” — “Die neue Frau”), selbst die Schuld am Selbstmord ihrer Schwester soll sie tragen (“Letizia trieb ihre Schwester in den Tod!” — “Echo der Frau”).

Und dann ist da noch die Sache mit ihrer schmalen Figur. Die Adelspostille “7 Tage” schreibt in ihrer aktuellen Ausgabe:

Immer wieder berichten spanische Zeitungen von Letizias Magersucht. Felipes Gemahlin regt sich über diese Schlagzeilen nicht mehr auf

Alles schon geschrieben? Keine Aufreger mehr? Höchste Zeit für die Regenbogenhefte, den Personenkreis zu erweitern, über den sie ihren Müll ausschütten können. Die “7 Tage” hat sich Letizias Tochter Leonor mal etwas genauer angeschaut …

Dünne Ärmchen, dünne Beinchen: Leonor will ihrer Mutter nacheifern.

… über das Essverhalten der Neunjährigen fantasiert …

Seit sie erste repräsentative Pflichten übernehmen muss, nippt die kleine Prinzessin nur noch am Essen.

… und Kronzeugen aus Leonors Klassenzimmer ausgehorcht:

In der Schule soll Prinzessin Leonor bereits auf das übliche zweite Frühstück verzichten: “Ich will nicht dick werden.”

Eine Fotoferndiagnose, Esszimmergerüchte und angebliche Aussagen von Grundschulkindern — schon hat die “7 Tage” eine Titelgeschichte, mit der sie ihrem spanischen Hassobjekt mal wieder richtig schön eins überbraten kann:

Königin Letizia - Magersucht! Leidet auch ihre Tochter Leonor an dieser Krankheit?

(Verpixelung von uns.)


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Ein Zwilling kommt selten allein, manchmal aber schon
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Ein Zwilling kommt selten allein, manchmal aber schon

Die Mitarbeiter der Regenbogenpresse versuchen gern ihr Glück. Besonders bei Schwangerschaften und ihren Endergebnissen raten sie wie im Rausch: Mädchen? Junge? Zwillinge? Jede Woche eine neue Runde Nachwuchs-Roulette auf den Titelseiten.

Die Royal-Baby-Gerüchte aus dem britischen Königshaus ließen die Zocker wieder an die Spieltische treten. Einige Regenbogenhefte setzten korrekterweise auf “eine kleine Diana”, die Herzogin Kate zur Welt bringen wird. Es gab aber auch ein paar Wagemutige, die “Freizeit Spass” zum Beispiel:

Und wenig später schon die schlimmste Nachricht des Jahres:

Damit lagen die Embryoexperten der “Freizeit Spass” genauso daneben wie ihre Kollegen der “Neuen Welt”. Die jubelten nämlich schon früh …

… jubelten noch einmal …

… riefen eine Sensation aus …

… und jubelten dann ein ein drittes Mal:

Mit großem “Hurra” und falschen Prognosen kennen sich die Redakteure der “Neuen Welt” und ihr Chef Kai Winckler übrigens bestens aus. Als die schwedische Prinzessin Victoria 2012 schwanger war, titelte die “Neue Welt”:

Einen Tag nach Veröffentlichung des Heftes brachte Victoria Tochter Estelle zur Welt. Winckler sprach damals von einer “Katastrophe”, das sei ihm so noch nie passiert. Immerhin, dieser Schock blieb ihm beim zweiten Mal nun erspart.


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Tipps von den Trennungsexperten
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Tipps von den Trennungsexperten

Dass sich die Regenbogenpresse gern als Geburtshelfer für noch nicht einmal gezeugte Adelszwillinge in Stellung bringt, wissen wir. Und wir kennen auch die verzweifelten Versuche der Knallblätter, einst gemeinsam glückliche Schlagersternchen mit Hilfe von Fantasieartikeln wieder zu paaren. Die Rolle als Ratgeber für frühere Schwimmweltmeisterinnen, die in angeblichen Lebens- und Liebeskrisen stecken, ist uns hingegen neu.

“Die Aktuelle” gibt sich in dieser Woche alle Mühe, diese Nische zu besetzen. Riesengroß fordert das Revolverblatt auf seiner Titelseite:

Franzi van Almsick - Trenn' dich doch endlich! Diese Gemeinheiten kann man nicht länger mit ansehen - Was ihr "Traummann" ihr antut

Der Mann, von dem sich Franziska van Almsick laut “Aktuelle” besser heute als morgen trennen sollte, ist Unternehmer Jürgen B. Harder. Gegen Harder läuft momentan ein Gerichtsverfahren wegen Bestechung. Dass van Almsick in dieser turbulenten Zeit die zwei gemeinsamen Kinder einpackt und nach Mallorca fliegt, zeigt den Mitarbeitern der “Aktuellen”, dass “Franzi” sie und ihre Beziehungstipps dringender braucht denn je:

Armer Goldfisch! Wie groß müssen ihre Seelen-Nöte sein, dass sie zu Hause alles liegen ließ und Hals über Kopf auf die Balearen-Insel zog?

Mit van Almsicks Entscheidung, nach Mallorca zu fliehen, scheinen die Trennungsexperten jedenfalls schon mal ganz zufrieden zu sein. Es sei schließlich ein Ort, an dem “der Medienrummel weit weg ist.”

Denn:

wie schlimm muss das alles für [ihren Sohn] sein, der ja schon in der Zeitung lesen kann, was da über seinen Papa geschrieben wird!

Oder was “Die Aktuelle” über die Beziehung seiner Eltern denkt. Oder wie seine Mutter im Urlaub von gierigen Paparazzi verfolgt und abgeschossen und dann in deutschen Klatschmagazin großflächig zur Schau gestellt wird.


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Klatsch schlägt Katastrophe
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Klatsch schlägt Katastrophe

Die oberste Regel im fernen Regenbogenuniversum lautet: Ein Ereignis ist erst dann ein Ereignis, wenn sich eine Person aus Politik, Showgeschäft oder einem Königspalast mit ihm verknüpfen lässt. Ansonsten existiert es nicht.

Die Redakteure der “Freizeit für die Frau im Blick der Wochenrevue” juckt der Ukraine-Konflikt beispielsweise nullkommanull, bis sie eine Nebendarstellerin einer ZDF-Vorabendserie auftreiben können, deren Schwippschwager sich bei der Fußballeuropameisterschaft 2012 mal ein Spiel im heute umkämpften Donezk angeschaut hat. Dann kann man drüber schreiben.

Wenn der Boulevardjournalismus also durch Skandale, Emotionen und eine starke Personalisierung gekennzeichnet ist, ist die Regenbogenpresse eine in den Laboratorien der Klatschverlage hochgezüchtete Turbo-Variante davon. Nirgends sonst in der deutschen Presselandschaft ist der Personalisierungsgrad derart hoch. Die Regenbogenberichte zum Germanwings-Flug 4U9525 zeigen das einmal mehr.

Während die meisten deutschen Medien seit zwei Wochen den Geschehnissen in Dauerschleife und per Live-Ticker hinterherhecheln, berichten viele Regenbogenhefte überhaupt nicht über den Absturz.

Und die, die berichten, schreiben nicht etwa über die Suche nach dem Flugschreiber oder die verriegelte Cockpit-Tür, sondern über Angela Merkel …

Der unfassbare Flugzeug-Absturz — Angela Merkel — Die Tragödie bricht ihr das Herz
(“Frau aktuell”)

Angela Merkel — Bittere Tränen!
(“Neue Welt”)

… Spaniens Königin Letizia …

Königin Letizia — Tränen und Trauer um die 150 Opfer der Flugzeugkatastrophe
(“7 Tage”)

… und eine Opernsängerin, die an Bord der Maschine saß:

Trauer um 150 Todesopfer — Absturz-Tragödie — Im Sterben hielt sie ihren Sohn im Arm
(“Freizeit Spaß”)

"Frau aktuell": Der unfassbare Flugzeug-Absturz - Angela Merkel - Die Tragödie bricht ihr das Herz; "Neue Welt": Angela Merkel - Bittere Tränen!; "7 Tage": "Königin Letizia - Tränen und Trauer um die 150 Opfer der Flugzeugkatastrophe; "Freizeit Spaß": "Trauer um 150 Todesopfer - Absturz-Tragödie - Im Sterben hielt sie ihren Sohm im Arm"

(Unkenntlichmachung von uns.)

Für eine große Titelstory hat es übrigens bei keinem der Blätter gereicht. Da war das angebliche “Zwillings-Glück” in den Niederlanden dann doch etwas wichtiger.


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Der Chronist des Schnupfens
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Der Chronist des Schnupfens

Will man der Regenbogenpresse auf Biegen und Brechen etwas Gutes abgewinnen, dann, dass die Redaktionen sehr genau Buch führen. Alles wird fein säuberlich notiert und ausgewertet, jedes Lächeln, jedes Niesen, jeder missgünstige Blick. Ein toller Service: Die Protagonisten aus Hoch- und TV-Adel müssen nie wieder Tagebücher vollschreiben, Memoiren sind nicht nötig. Das übernehmen großzügig die Blätter aus dem Regenbogenuniversum — ob man will oder nicht.

Zum Beispiel die Krankenakte von Oliver Geissen, akkurat geführt von Blättern aus den Verlagen Bauer und Burda. Die Klatsch-Doktoren begleiten den TV-Moderator jetzt schon seit einigen Jahren per Ferndiagnose. Vor 22 Monaten bereits verkündete die “Mehr Spaß” groß auf ihrer Titelseite:

Oliver Geissen & Tina Plate - Psycho-Drama! - Eine unheilbare Krankheit bedroht ihren gemeinsamen Sohn

So dramatisch das klingt, so plump ist die Krankheit, die dahintersteckt: Geissen hat Heuschnupfen. Und die Wie-der-Vater-so-der-Sohn-Logik der “Mehr Spaß” lautet:

Was den Vater krank gemacht hat, bedroht auch den Kleinen …

Die gleiche Redaktion hat im Sommer 2014 der Akte einen weiteren Vermerk hinzugefügt, dieses Mal allerdings nicht der Allergologe, sondern der Kinder-Psychologe:

Oliver Geissen & Christina Plate - Neue Psycho-Tragödie - Der Moderator verliert sein Kind!

Und zwar an die Daddelspiele und die Chat-Programme auf dessen Smartphone.

Der neueste Befund kommt jetzt von der “Freizeit Spaß”, verpackt in der Schlagzeile:

Oliver Geissen - Schock-Diagnose - Wird er je wieder ganz gesund?

Geissens Heuschnupfen hat sich nämlich weiterentwickelt — zum Asthma. Mit weitreichenden Folgen: Die “dramatische Krankheit bedroht seine Ehe”, und dazu “diese Angst. Die Angst zu ersticken.”

Wir sehen schon das nächste Krankenkapitel kommen: Beim Zocken niest Oli Geissens Sohn aufs Smartphone, und bei all dem Schreck bekommt der keine Luft mehr. Auf die Schlagzeile sind wir gespannt.


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Pfeifen aus dem letzten Loch
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Pfeifen aus dem letzten Loch

So langsam wär’s selbst für die Knallpresse mal an der Zeit, Charlène von Monaco in Frieden zu lassen. Erste Kind: check. Zweites Kind: check. Thronfolge sichern: doppelcheck.

Sie hat geliefert, worauf Fürst und Vaterland beharrlich lauerten: einen Thronfolger. Genau genommen sogar zwei

… konstatiert dann auch die “Revue heute” über den monegassischen Nachwuchs-Lieferdienst und seine Zwillinge.

Doch das Blatt hat schon wieder Lunte gerochen. Es herrsche “Aufregung in Monaco”:

Möglicherweise spielt sich hinter den dicken Mauern des Palais Princier ein Drama ab, das um jeden Preis geheim gehalten werden soll.

Ehrensache, dass die Aufklärer der “Revue heute” ihre Schnüffelhundestaffel nach Monaco schicken, ausgerüstet mit Feldstechern, die selbst die kleinsten emotionalen Regungen wahrnehmen:

Fürst Albert (56) lächelt zufrieden bis erhaben. Aber nicht wirklich glücklich. Und die Gesichtszüge Charlènes wirken gewohnheitsmäßig tiefgekühlt.

Warum also die “Trauerbittermienen” trotz Nachwuchsfreuden? “Die wahrschein- lich größte Sorge aller Eltern ist ein Herzfehler ihres Babys.” Und die wahrschein- lich blödste Masche aller Regenbogenreporter ist, aus einer angeblichen Sorge eine handfeste Schlagzeile zu drechseln samt Tatsachenbehauptung, Ausrufezeichen und einem Layout wie die “Bild” auf Speed:

Aufregung in Monaco - Fürstin Charlène - Loch im Herz! Professor über das verheimlichte Drama um ihre Zwillinge

Gemeint sind natürlich nicht das Herz der Fürstin oder das ihres Mannes, sondern die ihrer Zwillinge. Und die “Revue heute” stochert noch konkreter im Nebel: Das “‘Foramen ovale’, ein winziges Loch im Herzen, verschließt sich erst nach der Geburt”. Verzögere sich dieser Prozess, müssten die Eltern noch länger um die Gesundheit ihrer Babys bangen.

Zwei launige Eltern und eine theoretische Möglichkeit — das reicht der “Revue heute”, um auch den Kindern von Hau-drauf-Charlène schon mal eins mitzugeben:

Ein kranker Thronfolger? Das geziemt sich nicht.

Beim Alles Gute Verlag, in dem die “Revue heute” erscheint, fanden sie die Geschichte übrigens derart brillant, dass sie offenbar nicht anders konnten:

Aufregung in Monaco - Fürstin Charlène - Loch im Herz! Professor über das verheimlichte Drama um ihre Zwillinge


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Spinn-Doktoren und Krebserreger
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Spinn-Doktoren und Krebserreger

“Tue Gutes und rede darüber”, raten findige PR-Berater seit Jahren ihren prominenten Klienten, wenn die mal wieder positive Schlagzeilen und ein bisschen Aufmerksamkeit brauchen.

“Tue Gutes und rede darüber und bekomme dann eine Schlagzeile um die Ohren gefeudelt, in der es so scheint, als seist Du an Krebs erkrankt”, hört man aus den PR-Abteilungen hingegen seltener.

Vermutlich rechnen die Image-Profis nicht mit der Ekel-Logik der Spinn-Doktoren im weit entfernten Regenbogen-Universum: Die dortigen Hefte übersetzen karitatives Engagement nämlich gern mal in schockierende Überschriften.

Beispiel eins: Schlagersängerin Andrea Berg. Bei Facebook hat sie ihre Fans dazu aufgerufen, sich bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei typisieren zu lassen. Die Erkrankung eines kleinen Kindes hat sie dazu motiviert.

Das “Echo der Frau” ist voll des Lobes:

Für einen kleinen Jungen namens Felix (7 Monate) nimmt Andrea tapfer den Kampf gegen Krebs auf. Sie hilft, den passenden Spender zu finden.

Berg ist für das Blatt die “Königin der Nächstenliebe” — zumindest im Artikeltext. Auf der Titelseite verkauft sich dieser Kuschelkurs indes nicht besonders, da zieht nur was Negatives. Und so machen die Redaktionsonkologen die “Königin” kurzerhand zum Krankheitsfall:

Andrea Berg - Ihr tapferer Kampf gegen Krebs

Beispiel zwei: Schlagersängerin Linda Hesse. Die “bildhübsche Blondine” (aus dem beschaulichen Bieberbach?) will mit ihrem Song “Mit aller Kraft” krebskranken Menschen neuen Mut geben:

Und sie macht so der Deutschen Krebshilfe ein großes Geschenk: Je 85 Cent pro verkauftem Song-Download spendet die Halberstädterin für den Kampf gegen die heimtückische Krankheit

… schwärmt die “Super TV”, ein Fernseh-Klatsch-Gemisch der Mediengruppe Klambt. Die Expertise der Mitarbeiter liegt gemeinhin im Auflisten des TV-Programms der kommenden Wochen. Und in widerlichen Titelzeilen:

Linda Hesse - Krebs! Wie sie mit der heimtückischen Krankheit umgeht


Dieser Text ist auch im “Tagesspiegel” erschienen. Jeden zweiten Montag schreiben wir dort eine Kolumne über die Regenbogenpresse.

Der Medienjournalist Stefan Niggemeier hat sich in seinem Blog ebenfalls die “Krebs!”-Schlagzeile der “Super TV” vorgenommen.


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Die Würste der neuen Welt
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Die Würste der neuen Welt

Die Wörterbuch-Experten bei Langenscheidt kamen irgendwann mal auf die Idee, dass sie ja auch witzig sein könnten. Nicht immer nur die deutsche Sprache in die italienische übersetzen oder die wichtigsten Businessbegriffe für Spanischsprecher zusammentragen. Wie wär’s mal mit der “schnelle[n] Hilfe für den ratlosen Mann” (“Frau — Deutsch, Deutsch — Frau”) von Mario Barth oder der Gegenrichtung: “Männerverstehen leicht gemacht” mit “Mann — Deutsch, Deutsch — Mann”? Höhö, hihi.

Und so hat Langenscheidt neben den Frauen und den Männern inzwischen schon Hunde, Katzen, Nachbarn, Politiker, Ärzte, Lehrer, Chefs, Banken, Diäten und Sex in Deutsche übersetzt.

Ein “XY — Deutsch, Deutsch — XY” vermissen wir in dieser Reihe allerdings. Drum lautet unser Vorschlag an dieser Stelle: “Regenbogenredakteur — Deutsch, Deutsch — Regenbogenredakteur”, das Wörterbuch für Sprachverdreher.

Denn wenn beispielsweise die “Neue Welt” titelt …

Angela Merkel - Jetzt spricht ihr Ex-Mann

(Unkenntlichmachung von uns.)

… dann meinen ihre Brühwurst-Journalisten tatsächlich: Ulrich Merkel, der frühere Ehemann der Bundeskanzlerin, hat vor zehneinhalb Jahren in einem “Focus”-Interview mal etwas über seine Ex-Frau gesagt, und jetzt haben die Paparazzi der “Neuen Welt” ihn dabei erwischt, wie er in einem Imbiss genüsslich eine Wurst futtert.

Übersetzt in den Regenbogen-Schmonzetten-Stil heißt das:

Kaum zu glauben, doch der Mann, der hier auf die Schnelle eine Bockwurst verdrückt, stand der Kanzlerin einmal ganz nah. Der grauhaarige Unbekannte in der Dresdner Würstchenbude war Angela Merkels (60) erste große Liebe!

“Jetzt” heißt in der Regenbogenwelt also 2004. Aber wie nur kommt die “Neue Welt” darauf, dass Ulrich Merkel “jetzt” “spricht”? Und mit wem? Mit der Wurst?

Vielleicht lag auf dem Stehtisch im Dresdner Imbiss ja auch ein kleines gelbes Büchlein. Titel: “Bockwurst — Deutsch, Deutsch — Bockwurst”.


Dieser Text ist vergangene Woche auch im “Tagesspiegel” erschienen. Jeden zweiten Montag schreiben wir dort eine Kolumne über die Regenbogenpresse.

Und auch Jörg Thomann von der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” hat die Brühwurst-Entdeckung der “Neuen Welt” in seinen “Herzblattgeschichten” kommentiert.


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Dicke Festtagsenten
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Dicke Festtagsenten

Weihnachten wird Grütze. Keine Spur von Besinnlichkeit oder Familienglück, stattdessen “Tränen”, “Krach” und “Ehe-Aus”. Dieses Jahr werde das Fest zur “Tragödie” — prophezeien jedenfalls die Weihnachtswichtel der Regenbogenhefte.

Zum Beispiel die Feiertagsplanungen von Joachim Gauck: Wird der Bundes-präsident mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt feiern? Oder doch mit Ehefrau Hansi Gauck?

Beim Wahrsagerblick in die Schneekugel sieht die “Woche heute”, ein Blatt aus dem Bauer Verlag, jedenfalls eine “Weihnachts-Tragödie” aufs Staatsoberhaupt zukommen und macht sich “schlimme Sorgen um seine arme Ehefrau”:

Joachim Gauck - Weihnachts-Tragödie! Schlmme Sorgen um seine arme Ehefrau

Wie weh tut er Hansi jetzt, indem er sie allein lässt?!

1:0 für Daniela Schadt. Doch die “Neue Post”, ebenfalls aus dem Bauer Verlag, gleicht postwendend wieder aus:

Jetzt muss er klare Verhältnisse schaffen! Joachim Gauck - Zurück zur Ehefrau ... und wie sie Weihnachten feiern

Nämlich mit den vier gemeinsamen Kindern. Und ohne Daniela Schadt.

Bei Moderator Wayne Carpendale und seiner Frau Annemarie feiert laut “Das macht Spaß” hingegen überhaupt niemand. “Krach im Paradies?” — und das “ausgerechnet zum Fest der Liebe”:

Ausgerechnet zum Fest der Liebe! Krach im Paradies?

Wayne sei beruflich schlicht zu erfolgreich, moderiere eine Sendung nach der anderen und habe kaum noch Zeit für Privates. Anscheinend nicht mal für Weihnachten.

Die dickste Festtagsente kommt aber aus dem britischen Königshaus, genauer von Prinz Charles und seiner Camilla:

Charles & Camilla - Ehe-Aus vor Weihnachten!

“Das goldene Blatt” gibt sich siegessicher. Denn schon beim traditionellen Royaltreffen am ersten Weihnachtstag werde Camillas Platz an der großen Festtafel leer bleiben, schreibt die Redaktion. Seit der Hochzeit von Camilla und Charles im April 2005 hat “Das goldene Blatt” die beiden übrigens bereits 19-mal auf seiner Titelseite geschieden. Doch nun soll es wirklich so weit sein:

Ihre Ehe steht endgültig vor dem Aus.

Das Unglück des britischen Thronfolger-Paares steht auf dem Wunschzettel des “goldenen Blatts” sicher ganz oben.


Dieser Text ist gestern auch im “Tagesspiegel” erschienen. Jeden zweiten Montag schreiben wir dort eine Kolumne über die Regenbogenpresse.


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Gehaltvoll wie 99 Luftballons
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Gehaltvoll wie 99 Luftballons

Die mächtigsten Politiker der Welt und ihre Berater lesen seit Kurzem nur noch “Die Aktuelle”. Im Weißen Haus studieren sie penibel Ausgabe 48 des Revolver-blatts, in der Downing Street und im Kreml genauso.

“Die Aktuelle” hat nämlich ein paar Schnappschüsse von Angela Merkels Reise zum G20-Gipfel im australischen Brisbane analysiert. Das Urteil:

Angela Merkel - Pikante Fotos!

Nach den Sitzungen war Merkel noch um die Häuser gezogen, ein bisschen locker durch den Hosenanzug atmen. Sie landete in der “Brewski Bar” gegenüber ihres Hotels.

Und dann war da noch dieser junge, bärtige Nachtschwärmer … Wange an Wange zeigt ein Twitter-Foto unsere Kanzlerin mit dem Australier, der nur für sie den Nena-Hit “99 Luftballons” im “Brewski” spielen ließ! Wie sehr er sie beeindruckt haben muss, zeigt das Foto: Angela Merkel sieht richtiggehend verliebt aus.

Das “Aktuelle”-Rezept, um die “mächtigste Frau der Welt” in ein willenloses Koalabärchen zu verwandeln: CD-Player aufstellen, Nenas “99 Luftballons” einlegen und ordentlich aufdrehen. Schon ist Angela Merkel ein 14-jähriger Teenager mit Frühlingsgefühlen, dem man alles erzählen kann.

Klar, dass Präsidenten und Premierminister weltweit das nutzen: Krim-Annexion? Schwamm drüber! Wladimir Putin fragte nur summend: “Angela, hast Du etwas Zeit für mich? Dann singe ich ein Lied für Dich!” Menschenrechtsverletzungen in China? Keine deutschen Einwände, Xi Jinping regelte das per Ghettoblaster. Und in Berlin will die Opposition prüfen lassen, ob dauerhafte Nena-Beschallung im Bundestag zulässig ist.

Einem allerdings, vermutet “Die Aktuelle”, dürfte ein derart “heißer Flirt” der “braven und verheirateten (!) Kanzlerin” ganz und gar nicht geschmeckt haben: Merkels Mann Joachim Sauer.

Sollten nun Krach und Ärger zu Hause anstehen, und Sie, Herr Sauer, ein Geschenk benötigen — unser Tipp: Nächstes Jahr ist Nena auf Tour.


Dieser Text ist vorgestern auch im “Tagesspiegel” erschienen. Jeden zweiten Montag schreiben wir dort eine Kolumne über die Regenbogenpresse.


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Der stumme Zorn der Micky Mäuse
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Der stumme Zorn der Micky Mäuse

Hefte raus, Kunstklausur. Heute wollen wir die Bilder der Malerin Martina U. deuten:

Ein anderes Werk von Martina zeigt einen Hund und einen Hasen sowie eine kleine Micky Maus, die den beiden den Mittelfinger zeigt. “Verheiratetes Paar” hat Martina ihre Arbeit genannt. Auch da kann man so einiges hinein interpretieren!

Und zwar?

Es sieht ganz danach aus, als seien diese Bilder stummer Ausdruck ihres Zorns über das Verhalten ihres Ex-Mannes.

Nein, das sind nicht die Ergüsse einer elften Klasse der Didi-Hallervorden-Gesamtschule in Oberursel. Diese Zeilen stammen aus der Regenbogenpresse: “Die neue Frau” hat sich aufgemacht zu einem kleinen Ausflug in die Kulturszene. Es geht um Volksmusikerin Stefanie Hertel, ihren Gatten und Gitarristen Lanny sowie um dessen frühere Ehefrau, die Künstlerin Martina U.

Die stellt nämlich regelmäßig ihre Werke auf Facebook zur Schau. Und da haben sich die Kunstliebhaber der “neuen Frau” mal durchgeklickt:

So findet sich auf ihrer Facebook-Seite eine Zeichnung, die einen langhaarigen Mann mit Gitarre darstellt. Der Titel: “A clever move” (dt.: “Ein schlauer Schachzug”). Eine Anspielung darauf, dass Lanny nach ihr Stefanie heiratete, die ihm in der Musikwelt so manches Türchen öffnen kann?

Die These der “neuen Frau”: Lanny, die alte Nulpe, nutze schamlos Stefanies Ruhm aus. In jeder Zeile bemüht sich das Blatt zu erwähnen, dass er “künstlerisch eher kleine Brötchen” backe, “die Karriere des Kärntners eher holprig” verlaufe. “Und auch die Fan-Artikel in seinem Internet-Shop wurden schon reduziert”. Ihr Hau-Drauf-Motto haben die Redakteure auch in die Überschrift gepackt:

Stefanie Hertel & ihr Lanny - Ihr ihr Mann nur ein Blender? Es ist so verletzend, was seine Ex-Frau enthüllt

(Unkenntlichmachung von uns.)

Lediglich die Beweise dafür fehlen. Und so sind sich die Bilder-Deuter der “neuen Frau” nicht zu blöd, im Internet Kunstwerke zusammenzukramen und diese gymnasiastenhaft zu deuten. Wir wollen gnädig sein: Fünf minus.


Dieser Text ist gestern auch im “Tagesspiegel” erschienen. Jeden zweiten Montag schreiben wir dort eine Kolumne über die Regenbogenpresse.


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Mit Kümmel im Catsuit
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Mit Kümmel im Catsuit

Die größten Verräter der Medienbranche sitzen in den Regenbogenredaktionen. Sie plaudern einfach alles aus, kein Geheimnis ist vor ihnen sicher.

Zum Beispiel verriet die “Freizeit direkt” mal die drei “privaten Geheimnisse” der Kanzlerin. Erstens: In ihrem Ferienhaus in der Uckermark hat Angela Merkel eigenhändig Blumen, Erdbeeren und Kartoffeln gepflanzt. Zweitens: Wenn Merkel grillt, dann Forelle und Steak. Und drittens: Bratwurst mag sie auch.

Bei Schauspielerin Saskia Vester ist das “Echo der Frau” sogar auf “fünf große Geheimnisse” gekommen: Vester hat beispielsweise keine Angst vor dem Zahnarzt, ihr Mann wäre ein Delfin, wenn sie ihn mit einem Tier vergleichen müsste, und ihre Katze Lui benimmt sich manchmal wie ein Hund.

Und jetzt holt die 89-Cent-Postille “Freizeit Stars” zum ganz großen Schlag aus! Zu Regenbogen-Liebling Helene Fischer hat das Blatt nämlich “sensationelle Geheimnisse” ausgegraben. Und zwar nicht zehn, nicht 20 – nein! “30 Gründe, warum die Sängerin so erfolgreich ist!”

Da wäre unter anderem “ihre große Vielseitigkeit”:

Sie trägt alles — vom Abendkleid bis zum Catsuit. Und Helene kann es auch tragen!

Oder dass Fischer dunkle Schokolade und Studentenfutter liebt. Und was mag sie nicht so gern?

“Der Geschmack von Koriander und Kümmel, daran gewöhne ich mich erst jetzt langsam”, verrät Helene.

Kein Wunder, dass die Schlagerprinzessin einen Chart-Hit nach dem anderen landet, bei diesem “Rezept für ihren Aufstieg”.

Der wichtigste der 30 Punkte ist für die “Freizeit Stars” aber anscheinend Geheimnis Nummer drei:

Manager Uwe Kanthak und ihre Texterin Kristina Bach sind der Motor hinter Helenes Karriere.

Denn daraus bastelt die Redaktion mit reichlich Chuzpe die Schlagzeile auf ihrem Cover:

Sollte es niemand wissen? Helene Fischer - Heimliche Familie ... und weitere sensationelle Geheimnisse der Sängerin

Das, liebe “Freizeit Stars”, ist dann ausnahmsweise mal kein Geheimnisverrat, sondern schlichtweg gelogen.


Dieser Text ist gestern auch im “Tagesspiegel” erschienen. Jeden zweiten Montag schreiben wir dort eine Kolumne über die Regenbogenpresse.


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“Schlimmer Verdacht”
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“Schlimmer Verdacht”

Oft wird behauptet, die Geschichten der Regenbogenpresse seien im Grunde nichts anderes als ein Gespräch beim Bäcker. Klatsch, Gerüchte, seichte Unterhaltung, wenn auch nicht immer tausendprozentig wahr. Aber im Großen und Ganzen eigentlich ganz harmlos.

Meist sind es die Mitarbeiter der Regenbogenpresse selbst, die das behaupten, und es ist zu befürchten, dass sie es auch so meinen.

Also gut, dann vergleichen wir mal. Ein solches Gespräch beim Bäcker läuft in etwa so:

“Erika! Haste schon gehört? Hardy Krüger junior und seine Frau sind seit einem Jahr nicht mehr öffentlich zusammen aufgetreten.”

“Nee, echt?”

“Ja. Bei denen soll’s sowieso schon länger kriseln. Hat die Inge gesagt, die kennt nämlich einen, der mal bei denen das Dach repariert hat.”

In der Regenbogenpresse läuft es in der Tat zunächst ganz ähnlich: Die “Schöne Woche” stellt fest, dass es ein Jahr her sei, dass sich das Paar öffentlich gezeigt habe und dass es bei den beiden sowieso kriseln soll (hat ein “Bekannter” gesagt).

Selbst Krügers Aussage “Wir leben nicht getrennt” bringt das Blatt nicht vom Kurs ab: Viele Paare blieben “nach einem Beziehungs-Aus noch zusammen unter einem Dach – der Kinder wegen.”

Auf die Gerüchte folgt dann aber das, was die Regenbogenpresse so besonders macht: die Spekulation. Die “Schöne Woche” hat sich daran erinnert, dass vor drei Jahren das Kind der beiden gestorben ist – und setzt nun einen “schlimmen Verdacht” in die Welt:Dunkle Wolken - Hardy Krüger Jr. & Katrin - Starb mit ihrem Söhnchen auch ihre Liebe?

Wann haben Sie so etwas das letzte Mal beim Bäcker gehört?

Und selbst wenn: Das Gequassel beim Brötchenkauf kriegen höchstens die Leute in der Schlange mit. Der Rotz der Regenbogenpresse wird dagegen millionenfach unters Volk gebracht – und liefert für viele Bäckerei-Gespräche überhaupt erst den nötigen Stoff.


Dieser Text ist gestern auch im “Tagesspiegel” erschienen. Jeden zweiten Montag schreiben wir dort eine Kolumne über die Regenbogenpresse.


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Prinz Charles und die tote Frau

Prinz Charles und die tote Frau

Wenn man lange genug sucht, findet man in jedem Keller eine Leiche. Zur Not muss man “Leiche” nur etwas großzügiger definieren. Oder “Keller”. Oder beides.

Die Leute von der Regenbogenpresse sind verdammt gut darin, Leichen, die keine sind, in Kellern zu finden, die ebenfalls keine sind. Die “Freizeitwoche” schreibt in ihrer aktuellen Ausgabe aber tatsächlich mal über eine echte Tote. Gefunden wurde die junge Frau in England. Und sie ist der “Freizeitwoche” deshalb eine große Geschichte wert, weil sie nicht irgendwo gefunden wurde, sondern auf dem Grundstück von — aufgepasst! — Prinz Charles.

“Mysteriös: Auf dem Grundstück von Prinz Charles (65) wurde ein verbrannter Leichnam entdeckt”, verkündet das Blatt und rätselt: “Wer ist die mysteriöse Tote auf seinem Anwesen?”

Nun muss man wissen, dass das “Grundstück” von Prinz Charles etwas größer ist als das eines durchschnittlich adeligen Briten. Als Sohn der Chefin kommt da gut was zusammen. Und so wurde die Tote auch nicht zwischen Charles’ Rasensprengern hinterm Buckingham Palace gefunden, sondern in einer Hügellandschaft in der englischen Grafschaft Devon.

Aber immerhin: Die Leiche ist echt. Jemand hatte die verbrannten Knochen der Frau zusammen mit Schmuck in ein Fell eingewickelt, war auf einen der höchsten Hügel gestiegen und hatte dort alles in einer kleinen Steinkiste vergraben. Das muss jetzt so ungefähr 4000 Jahre her sein. Wir befinden uns in der frühen Bronzezeit.

Eine recht betagte Tote also. Exhumiert wurden ihre Überreste erst vor ein paar Jahren von Archäologen. Das verrät die “Freizeitwoche” auch alles im Text. Auf dem Cover hat sich die Redaktion aber für eine Kurzversion ohne den ganzen Klimbim entschieden:

Prinz Charles - Schock-Fund - Mysteriöse Tote auf seinem Anwesen

Verkauft sich sicher auch besser als ein Museumsstück.


Dieser Text ist gestern auch im “Tagesspiegel” erschienen. Jeden zweiten Montag schreiben wir dort eine Kolumne über die Regenbogenpresse.


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