Eine unfassbare Theorie

Eine unfassbare Theorie

Wenn ein prominenter Mensch (oder der Freund/Bekannte/Verwandte/Hund eines prominenten Menschen) stirbt, spult die Regenbogenpresse ein festes Programm ab. Sterbe-Drama, Trauer-Drama, die Angehörigen nur noch Schatten ihrer selbst.

Außerdem gerne genommen: Schlagzeilen, die suggerieren, irgendwer hätte den Tod verhindern können.

Die “Woche der Frau” etwa titelte im vergangenen Jahr:

Günther Jauch – Sterbedrama um seinen besten Freund – Hätte er ihn retten können?

Zur Info: Der Freund ist an einer Krankheit gestorben, auf die Jauch – wie die Redaktion später zugeben musste – natürlich keinerlei Einfluss hatte. Das gleiche Blatt schrieb vor ein paar Wochen:

Pierce Brosnan – Hätte er Charlotte retten können?

Zur Info: Charlotte, Brosnans Tochter, ist an Krebs gestorben.

Und die im selben Verlag erscheinende “Neue Frau” schrieb neulich:Mabel geht es immer schlechter - Hätte sie den Tod ihres geliebten Friso verhindern können?

Zur Info: Prinz Friso ist an den Folgen eines Lawinenunglücks gestorben.

Wie um alles in der Welt kommt die “Neue Frau” also jetzt auf die Idee, Prinzessin Mabel hätte dagegen auch nur ansatzweise etwas tun können?

Nun, die Argumentation geht so:

In Holland “wird gemunkelt, dass Prinz Friso zu Lebzeiten an Depressionen gelitten haben soll – und Mabel wohl davon gewusst hat.”

Und Friso soll, so wie sein Vater, “nachdenklich und schwermütig gewesen sein”.

Daraus ergibt sich für viele Holländer eine unfassbare Theorie: Wollte Friso nicht mehr leben und löste absichtlich die tödliche Schnee-Lawine aus? Vielleicht bereitet genau das Mabel nun den Kummer, der sie an den Rand der Verzweiflung bringt! Bittere Vorwürfe haben schon den stärksten Mensch in die Knie gezwungen – so auch Mabel? Gut möglich, dass sie sich nämlich nun fragt, ob sie nicht intensiver auf ihren Mann eingehen und ihm hätte helfen sollen, als er noch am Leben war!

Gut möglich, “Neue Frau”, dass Du einfach nicht mehr ganz dicht bist.


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Der Tod in der Dauerschleife

Der Tod in der Dauerschleife

Achtung, aufgepasst! MärchenGeschichtsstunde mit der “Neue Post”:

Manche kennen ihn noch, den uralten Brauch der Frauen der holländischen Fischer. Wenn der Mann auf See verschollen war, nähte sich die Ehefrau unter Tränen aus einem seiner Hemden eine große Schleife an den Ärmel. Diese Schleife trug sie bei bedeutenden Anlässen, um zu zeigen, dass ihr Liebster immer in ihrem Herzen ist. Auch wenn er nie zu ihr zurückkehren würde…

Anlass für den Vortrag über niederländische Traditionen ist dieses Foto:

Mabel mit Kleid und Schleife

Mein Liebster ist in meinem Herzen, er ist immer bei mir, bedeutet Mabels große Schleife am Ärmel. Einst zierte sie Mabels Hochzeitskleid

Zwar hat Mabel ihren Liebsten nicht auf See verloren, doch auch sie ahnt, dass er niemals zu ihr zurückkehrt, nie wieder mit seinen Töchtern Luana (8) und Zaria (7) spielen wird.

Die “Neue Post” kann einfach nicht widerstehen. Mabel trägt an ihrem Kleid irgendeine Schleife und zack schreibt das Blatt das Ende ihres Mannes Prinz Friso herbei, der seit einem Ski-Unfall im Wachkoma liegt.

Wen juckt es da schon, dass die Schleife aus dem Stoff ihres Hochzeitskleides und nicht aus dem Stoff seines Hemdes hergestellt wurde — und somit gar nicht zur Tradition der Fischer-Frauen passt?

Wen juckt es, dass Mabel andauernd Schleifen an ihren Kleidern trägt? Selbst das Kleid, das sie bei der Hochzeit mit Friso trug, war voll mit Schleifen.

Und wen juckt es, dass es den Rat der Ärzte, von dem die “Neue Post” schreibt und “der den beiden [Mabel und Frisos Mutter Beatrix] das Herz bricht”, gar nicht gibt?

Die “Neue Post” juckt das alles jedenfalls nicht:

Beatrix & Mabel - Ihr bewegender Abschied von Friso

Wieder einmal schreckt eines dieser Schundblätter nicht davor zurück, für etwas Auflage den Tod eines Menschen zu suggerieren.

Die “Neue Post” macht das auf eine besonders eklige und hinterrückse Weise. Weil sie Mitgefühl heuchelt. Und weil sie diesen letzten Satz hier schreibt:

Schleifen der Liebe in einem Meer aus Tränen.

Wir sind kotzen.


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