Du Liebesbisschen in der Boxengasse
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Du Liebesbisschen in der Boxengasse

In unserem wöchentlichen Gespräch mit detektor.fm ging es dieses Mal um die nächste Quatschgeschichte zum Sohn von Michael Schumacher:

Mick Schumacher - Liebesglück in der Boxengasse? - Schon sein Vater fand hier die Frau fürs Leben

(“Die neue Frau”; Verpixelung von uns.)

Das Gespräch könnt Ihr hier nachhören …

detektor.fm: Ich freue mich ja sehr, dass ich heute wieder dank Euch oder genauer: dank der Zeitschrift “Die neue Frau” brandheiße Informationen bekomme über das zarte Liebesglück des Sohnes von Michael Schumacher und … ja, wem eigentlich? Irgendwas fürs Herz auf jeden Fall heute!

Moritz: Genau, wir haben eine richtige Lovestory mitgebracht, sogar ‘ne kleine Foto-Lovestory. “Die neue Frau” hat eine kleine Titelgeschichte gedruckt mit der Überschrift “Liebesglück in der Boxengasse?” und der Unterzeile “Schon sein Vater fand hier die Frau fürs Leben”. Es geht um Mick Schumacher, der neulich in Oschersleben sein erstes Formel-4-Rennen gefahren ist und das auch gleich gewonnen hat. Und da waren wohl auch Fotografen aus der Klatschszene dabei, die dann mal ein bisschen geguckt haben, was für Mädels Mick Schumacher eigentlich so umschwärmen. Und dann gab’s da ein Mädchen, das geht hier auf dem Foto mit ihrer Panda-Handyhülle in der Hand gute vier, fünf Meter hinter Mick; die Perspektive elegant gewählt, so dass es aussieht, als würden sie noch ein bisschen näher zusammenstehen, und schon haben wir für Mick Schumacher das erste Liebesglück in der Boxengasse, nämlich dieses 14-jährige Mädchen, das auch gleich mit Namen genannt wird, nämlich Gina-Maria.

Das Foto ist tatsächlich eher ein Zufallsschnappschuss, also wenn man nicht die Geschichte dazu hätte — ich hätte die jetzt nicht als zusammengehörig empfunden. Ihr?

Mats: Nee. Wenn man den Text liest, sieht man auch schnell: Die sind überhaupt nicht zusammengehörig. Also das ist einfach nur ein Mädel, das ab und zu bei den Rennen rumspringt und den Sohn von Schumi dann verfolgt und toll findet und Fotos von ihm macht, und daraus strickt “Die neue Frau” dann einfach eine Geschichte. Da hätte man bestimmt noch hundert andere Mädels nehmen können. Dass es jetzt ausgerechnet sie getroffen hat, ist vermutlich Zufall.

Das Liebesglück wird auch zusammengestrickt aus der einfachen Information, dass er ihr offenbar versprochen hat, ein Autogramm zu geben und ein Selfie mit ihr zu machen.

Moritz: Ja, so endet der Artikel. Ein ganz trauriges Ende eigentlich, denn da muss “Die neue Frau” doch ein bisschen zugeben, dass das Verhältnis der beiden vielleicht nicht ganz so eng ist, wie sie es gerne hätte. Sie schreibt, dass die Teenies “längst miteinander in Kontakt sind”, und zitiert das Mädchen, das gesagt haben soll: “Mick hat mir ein Selfie und ein Autogramm versprochen!” Für “Die neue Frau” ein klarer Fall: “Möglich, dass wir hier den Anfang einer ganz großen Liebesgeschichte sehen.” Ja, möglich, und auch ziemlich unmöglich.

Ein zweiter Punkt, der für “Die neue Frau” natürlich ganz toll ist, ist der Name dieses Mädchens, Gina-Maria, das ist nämlich auch der Vorname von Micks Schwester. Und das ist auch kein Zufall, denn die Eltern der 14-Jährigen sind große Schumacher-Fans, darum haben sie ihre Tochter genauso genannt, wie auch ihr Idol seine Tochter genannt hat. Naja, das ist natürlich ein Jackpot für “Die neue Frau”.

Es ist ja eine Menge bedenklich an diesem Artikel. Ihr habt mir auch das Cover der Zeitschrift mitgeschickt, und da sieht man, dass ganz offensichtlich an dem Foto der beiden herumgedoktort wurde, denn da sind ihre Köpfe noch viel näher zusammen als sie es in Wirklichkeit waren. Einfach, um eine Verbindung zu basteln, die es eigentlich gar nicht gibt.

Moritz: Genau. Oder es gibt noch ein zweites Foto, wo die beiden ganz genauso gucken wie auf dem ersten, aber viel enger zusammenstehen — aber das ist natürlich Quatsch. Das Foto wurde einmal schnell durch Photoshop gejagt. Man müsste mal schauen, ob noch irgendwo klein “Fotomontage” oder “Bildkomposition” steht, bisher haben wir da noch nichts gefunden. Also so ganz sauber ist das alles nicht.

Weder das Bild, noch die Story.

Mats: Und was ich besonders eklig finde, ist, dass die schreiben: Der arme Mick Schumacher, der kann ja gar keine normale Jugend haben und so weiter, “wenn er ein Mädchen küsst oder zum Eisessen ausführt, weiß es gleich die ganze Welt”. Also da machen sie einen auf Mitleid, und dann schreiben sie so eine Pseudo-Liebesgeschichte nur darauf basierend, dass ein Mädel ihm hinterhergerannt ist und ein Autogramm haben wollte. Also diese Bigotterie, diese Scheinheiligkeit ist nochmal extrem eklig in dieser Geschichte.

Warum macht die Zeitschrift das? Also es ist doch eigentlich so offensichtlich, dass an der Geschichte nicht viel dran ist und dass das Titelbild manipuliert wurde — ich versteh’s nicht. Erklärt es mir!

Moritz: Viele Leute lechzen förmlich danach zu erfahren, wie es Michael Schumacher geht. Das weiß natürlich auch “Die neue Frau”, das wissen auch die ganzen anderen Hefte, deswegen suchen die händeringend nach irgendwelchen blöden Nichtigkeiten, die man dann ausschlachten und auf die Titelseite packen kann. Und da von der Familie Schumacher beziehungsweise dem Management momentan so gut wie nichts rausgegeben wird, was ja sehr klug ist, erweitern die Schreiber sozusagen den Kreis, in dem sie Informationen suchen. Und das ist jetzt leider Schumachers Sohn. Nun kann man natürlich sagen: Der fährt Formel 4 und gewinnt auch hin und wieder, da ist eine Berichterstattung gerechtfertigt. Das sehe ich auch so: Über die Formel-4-Karriere des Sohns kann man gerne was schreiben. Aber eben nicht über einen 16-Jährigen, der sich angeblich vielleicht in eine 14-Jährige verliebt hat, weil sie auf der Rennstrecke in Oschersleben mit einem Handy hinter ihm herrennt.

Mats: Ich finde es auch problematisch, dass da ein junges Mädchen dermaßen in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Sie wird zitiert, ihr Name wird genannt, und ihr Foto ist sogar auf der Titelseite. Der Vater wird auch zitiert, also kann man wohl schon davon ausgehen, dass die Eltern davon wussten, aber man weiß auch nicht, wie die Umständ waren. Also ich glaube nicht, dass sie wussten, was da für eine Geschichte rauskommen würde.


Jeden Freitag unterhalten wir uns mit dem Internetradiosender detektor.fm über die Dämlichkeiten der deutschen Regenbogenpresse. Diese Gespräche gibt’s in der Woche drauf immer hier bei uns im Blog zum Nachhören und -lesen.

Und unter diesem RSS-Link gibt’s das Ganze als Podcast.


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Links vom topf (27)
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Links vom topf (27)

Sascha Bors macht sich in seinem Blog Gedanken über die Regenbogenpresse, die er nicht nur “eklig” und “strunzdumm”, sondern vor allem sehr, sehr rätselhaft findet:

Ich weiß nicht, wie ich das angemessen rüberbringen soll: Ich bin ja für Emotionalität im Journalismus und ich finde es voll ok, dass man sich einfach mal nur zur Unterhaltung irgendein Medium reinzieht, mal abschaltet. Was ich an der Regenbogenpresse nicht verstehe, ist: Wieso sollte man zur Unterhaltung unwahre Geschichten über echte Menschen lesen, die vorgeben, wahr zu sein? Wieso sollte man sich falsche Stories über den Gesundheitszustand von Michael Schumacher reinziehen, anstatt entweder eine fiktive Geschichte über einen Menschen mit einem Schicksalsschlag oder eine tatsächlich recherchierte Doku über Michael Schumacher? Ich verstehe nicht einmal, wieso man sowas schreiben sollte.

Sashs Blog: Trash und Trash


In unserer Rubrik “Links vom topf” wollen wir Euch kurz und knapp interessante Links rund ums Thema “Regenbogenpresse” präsentieren.

Wenn Ihr also in den Weiten des Internets auf Interessantes zur Klatsch- und Regenbogenpresse stoßt, schickt uns gern den Link an linksvomtopf@topfvollgold.de.


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Schlagzeilenbasteln (137)
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Schlagzeilenbasteln (137)

Welche Überschrift könnte man zu folgender Information dichten?

Michael Schumachers Sohn Mick wird in elf Monaten 17 Jahre alt.

Der große Tag rückt näher - Gibt's bald eine Glücks-Nachricht für Schumis Sohn?

(“Die neue Frau”)

Der “große Tag” ist nicht etwa Mick Schumachers 17. Geburtstag und auch nicht der 18., sondern der sechzehneinhalbte.

Denn: Ab dem 22. September, exakt ein halbes Jahr vor seinem 17. Geburtstag, könnte sich Mick in Deutschland bei einer Fahrschule anmelden.

Nun wohnt er schon seit eh und je in der Schweiz. Aber:

Was tut man schließlich nicht alles für einen Führerschein?

Eben, die Massen an jungen Leuten aus den europäischen Nachbarländern, die für einige Monate in deutsche Städte einfallen, um hier den Führerschein zu machen, sind ja hinlänglich bekannt.

Den zweiten Teil der Schlagzeile, die mögliche “Glücks-Nachricht für Schumis Sohn”, leitet “Die neue Frau” aus der theoretischen Möglichkeit ab, dass Michael Schumacher seinem Sohn nach einem Umzug nach Deutschland, der Anmeldung bei einer Fahrschule und der erfolgreich absolvierten Führerscheinprüfung ein Auto schenken könnte. Zum Beispiel einen Fiat 500. Den hat nämlich Michael Schumacher vor etlichen Jahren von seinem Vater bekommen.

Ein Fiat 500 zum Führerschein, aus schöner, alter Familientradition? Ja, es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie das Herz des Sohnemanns in diesem Fall hüpfen würde.


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Schlagzeilenbasteln (133)
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Schlagzeilenbasteln (133)

Heute mal wieder andersrum — also: Welche Nachricht könnte sich hinter dieser Schlagzeile aus “Die neue Frau” verbergen?

Michael Schumacher - Verbotene Fotos aufgetaucht! Wird das sexy Pelz-Model seinem Sohn zum Verhängnis?

(Unkenntlichmachung von uns.)

Nanu, wo ist Mick Schumacher denn da reingeraten? Eine heiße Affäre? Proteste von Tierschützern?

Nicht doch! Das “sexy Pelz-Model” hat sich vor einer Weile bei einem Fotoshooting auf der Zuschauertribüne des brandenburgischen Lausitzrings gerekelt:

Ungerührt ließ sie weiter verbotene Fotos von sich knipsen. Zweimal seien sie und der Fotograf sogar über Lautsprecher vom Aufsichtspersonal aufgefordert worden, das zu unterlassen

Währenddessen drehte Mick Schumacher auf der Rennstrecke einige Testrunden in seinem neuen Formel-4-Wagen. Das “hübsche Mädchen” in “einem knappem [sic!] Body, mit blutroten Lippen und in einem kurzem [sic!] Pelz-Jäckchen” soll ihn nicht die Bohne interessiert haben, obwohl er in einem Alter sei, “in dem die Hormone Mambo tanzen.”

Schumachers Mechaniker aber sollen laut “neuer Frau” “hin und wieder einen Blick riskiert haben.” Um Himmels Willen:

Dabei weiß doch jeder, wie gefährlich nur eine Millisekunde Unaufmerksamkeit oder ein falsches Signal im Autorennsport sein kann.

Oder etwas drastischer ausgedrückt:

Jede Ablenkung kann tödlich sein!


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Ein trauriger Lichtblick
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Ein trauriger Lichtblick

In unserem wöchentlichen Gespräch mit detektor.fm ging es dieses Mal um zwei völlig unterschiedliche Interpretationen einer Nachricht:

Michael Schumacher - Endlich wieder ein Lichtblick!

(“Woche der Frau”)

Michael Schumacher - Traurige Nachricht

(“Woche heute”)

Das Gespräch könnt Ihr hier nachhören …

detektor.fm: Ihr habt heute — ich zitiere — “die schönste Nachricht seit Langem” für uns mitgebracht. Und es hat was zu tun mit Michael Schumacher. Worum geht’s?

Moritz: Also ob das nun eine schöne Nachricht ist oder nicht, das sehen die Hefte unterschiedlich. Aber genau: Es geht um Michael Schumacher und seinen Sohn Mick. Der hat nämlich einen Vertrag in der Formel 4 bekommen. Jeder kennt die Formel 1, da ist Sebastian Vettel sehr erfolgreich, Nico Rosberg und früher auch Michael Schumacher. Dann gibt es aber auch eine etwas kleinere Wagenklasse, die sogenannte Formel 4. Und bei einem Rennstall dort hat der Sohn von Michael Schumacher jetzt einen Vertrag bekommen. Die Saison startet im April, da ist er jetzt bald also auf der Rennstrecke. Und die “Woche der Frau” schreibt von einem “Lichtblick”, den es jetzt endlich mal wieder gibt — nach all den traurigen Nachrichten nun wieder etwas Positives. Ein anderes Heft, die “Woche heute”, sieht das allerdings ganz anders …

Mats: … die schreibt nämlich: “Michael Schumacher — Schreckliche Sorgen — Nicht auch noch sein Sohn!” Und auf der Titelseite kündigt die Redaktion das mit “Michael Schumacher — Traurige Nachricht” an. Das ist alles, was vorne auf der Titelseite zu der Geschichte steht. Was so traurig und so schrecklich daran ist: Rennsport ist kein ungefährlicher Sport, und die arme Familie von Michael Schumacher jetzt auch darum bangen muss, dass vielleicht dem Sohn auf der Rennstrecke was passiert. Das ist der Grund, warum die “Woche heute” eine “Traurige Nachricht” zu verkünden hat. Wir finden das interessant, dass die “Woche der Frau” von einem “Lichtblick” schreibt und das alles ganz toll findet, und die “Woche heute” das alles ganz schlimm findet. Das passt gut in die bisherige Berichterstattung über Michael Schumacher. Wenn ein Heft auf der Titelseite nur schreibt: “Michael Schumacher — Traurige Nachricht”, dann ist für die Leserschaft erstmal nicht zu erkennen, worum es eigentlich geht. Die Blätter suggerieren ganz gerne, dass sie Neuigkeiten über den Gesundheitszustand von Michael Schumacher haben. Die Leserinnen und Leser können dann natürlich annehmen, dass die “Traurige Nachricht” bedeutet, dass sich beim Gesundheitszustand etwas verschlechtert hat, und dass sie nähere Infos dann im Heftinnern bekommen. Das ist dann aber natürlich nicht so. Also: Die Hefte suggerieren, sie hätten Informationen über den Gesundheitszustand von Michael Schumacher und in Wirklichkeit geht es nur um die Formel-4-Karriere seines Sohns.

Ich finde das tatsächlich interessant: Wir haben die gleiche Ausgangsinformation, dass der 15-jährige Sohn in seine Rennfahrer-Karriere startet. Und die unterschiedlichen Blätter machen wirklich komplett gegensätzliche Dinge daraus. Und dann wird auch noch über Michael Schumacher getitelt, obwohl die Geschichte nicht mit Michael Schumacher zu tun hat — außer dass sein Sohn jetzt Autos fährt.

Moritz: Genau, der eine Punkt ist, dass die Hefte eine Geschichte über Michael Schumacher verkaufen, vermutlich weil die Leserschaft mit ihm bestimmte Emotionen verbindet und weiß, dass es vor einigen Monaten einen Unfall gab. Der zweite Punkt ist die reine Willkür, wie die Redaktionen eine Geschichte auslegen. Die stricken sich das einfach so zusammen, wie sie wollen. Man hätte ja auch einfach eine kleine Nachricht bringen können: Hier, Michael Schumachers Sohn hat jetzt einen Vertrag in der Formel 4 — und das wär’s. Aber nee, die machen da eine große Geschichte draus, entweder die riesige Hoffnungsgeschichte oder die riesige Sorgengeschichte. Das zeigt einmal mehr, wie mit der Familie Schumacher umgesprungen wird. Wobei das anderen Prominenten genauso geht: Eine ganz nüchterne Nachricht wird als große Hoffnungssensation oder als großer Untergang verkauft.

Was ich auch noch ganz interessant fand: Ich glaube, das war der Artikel der “Woche der Frau”, da kamen vom Hölzchen aufs Stöckchen alle Mitglieder der Familie Schumacher einmal vor in dem Text, obwohl es eigentlich ja nur um den jugendlichen Rennfahrer geht. Also: die Geschiedene, die Ehefrau, die Tante — unglaublich. Machen die Hefte das öfter so?

Mats: Das machen die ganz gern. Irgendwie muss dieser Artikel ja auch mit irgendwelchem Quatsch gefüllt werden. Da können die jetzt nicht nur hinschreiben: Der Sohn fährt Formel 4 und das war’s auch schon. Dann wäre die Seite ziemlich leer. Also müssen die das andicken mit irgendeinem Quatsch, den man sonst noch findet. Da beschreiben die dann einfach Altbekanntes oder saugen sich irgendwas aus den Fingern. In diesem Fall ist das auch ganz besonders eklig, an der Stelle, wo das Heft auf Cora Schumacher zu sprechen kommt. Die ist ja demnächst bei “Let’s Dance”, dieser Tanz-Show von RTL. Und jetzt spekuliert die “Woche der Frau” darüber, ob sie möglicherweise Insider-Infos ausplaudert oder irgendwas über Michael Schumacher erzählt, das die Öffentlichkeit nicht erfahren sollte. Die Redaktion schreibt: “Geschmacklos, falls sie noch aus dem Unfall ihres Ex-Schwagers Profit schlägt.” Das ist natürlich genau das, was diese Hefte machen: Sie schlagen Profit aus dem Unfall von Michael Schumacher und aus dem Leider der Familie und werfen gleichzeitig Cora Schumacher indirekt vor, dass sie möglicherweise Profit daraus schlagen will. Diese wirklich widerliche, eklige Doppelmoral zieht sich wie ein roter Faden durch die Berichte über Michael Schumacher.

Genau an dieser Stelle gibt es noch ein schönes Beispiel für die Empörung, die in diesem Artikel auch rauskommt gegenüber dem Fernsehen: Gab es die Einladung für Cora Schumacher zu “Let’s Dance” etwa nur, um diese internen Familiendinge aus ihr herauszulocken? Also etwas, was diese Blätter ja offensichtlich nie machen würden.

Moritz: Man kann sich vorstellen: Sollte irgendwann mal die Möglichkeit für die “Woche der Frau” bestehen, ein Exklusiv-Interview mit Cora Schumacher zu bekommen, dann wäre das eine riesig große Titelgeschichte. Da würden die sich die Finger danach lecken, diese Informationen zu bekommen. Und genau das stört uns eben an der Regenbogenpresse: eine Bigotterie, die ihresgleichen sucht.

Mats: Und selbst wenn Cora Schumacher irgendwas ausplaudern würde bei RTL, dann würden die Regenbogenhefte das natürlich sofort abdrucken. Dann würde es heißen: “Sensationelle Enthüllung — Unfassbar, was sie im Fernsehen erzählt”. Und dann würden die Redaktionen das auch wieder breittreten und sich drüber empören. Das ist also schon eine ziemlich widerliche Angelegenheit, was die so machen mit Michael Schumacher und der Familie.

Abgesehen davon, dass wir mal wieder ein schönes Beispiel gezeigt bekommen haben von der Doppelmoral von Boulevardblättern: Was nehmen wir aus dieser Episode heute mit?

Moritz: Vor allem, dass die Regenbogenredaktionen willkürlich festlegen, wie sie Geschichten ausspielen. Da kann es dann übrigens auch mal vorkommen, dass innerhalb eines Verlages, wo dieselben Leute an zwei verschiedenen Heften sitzen, das eine Heft schreibt, dass es ganz positiv aussieht, und das andere schreibt das komplette Gegenteil. Die reine Willkür also, es gibt offenbar kein Interesse daran, möglichst objektiv und neutral zu berichten, sondern es geht um eine knallige Schlagzeile und einen guten Verkaufserlös.


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Genau wie bei Prinz Friso (7)
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Genau wie bei Prinz Friso (7)

Über Michael Schumacher und seinen Ski-Unfall Ende 2013 gibt es immer weniger Medienmeldungen — zum Glück. Anscheinend haben die meisten Zeitungen, Radiosender, TV- und Online-Redaktionen verstanden, dass Schumachers Familie ganz gern in Ruhe gelassen werden möchte. Selbst der unsägliche “Focus Online”-Hier!-Hier!-Klickt-hier-mal-für-alles-Unwichtige-über-Schumi-Holzkopf-Liveticker schweigt immer häufiger.

Leider gibt es aber noch die deutsche Regenbogenpresse. Und die berichtet weiter, als würde Michael Schumachers Managerin Sabine Kehm tagtäglich mit Infos um sich werfen. Natürlich ist es einfacher, sich aus null Informationen ganze Artikelreihen über Schumacher auszudenken, wenn man sich von Berufs wegen sowieso seit Jahren und Jahrzehnten aus null Informationen irgendwas über irgendwen ausdenkt.

Die Anzahl an Schumacher-Berichten geht zwar auch in der Regenbogenwelt langsam zurück. Verglichen mit den (halb-)seriösen Medien, ist sie aber nach wie vor um ein Vielfaches höher. Die Texte lassen sich grob in zwei große Kategorien einteilen: Entweder “Schumacher wird bald wieder im Formel-1-Wagen sitzen” oder “Das dürfte es bald mit ihm gewesen sein”.

Zwei Beispiele aus Dutzenden.
Beispiel eins: die “Freizeit Express”.

Michael Schumacher - Dramatische Schicksalswende! Muss Corinna leise von ihm Abschied nehmen?

Das Blatt steigt mit einer eklig-kitschigen — und aller Wahrscheinlichkeit nach ausgedachten — Szenenbeschreibung in den Artikel ein:

Tränen schimmern in ihren Augen. Tränen der Verzweiflung. Der Hoffnungslosigkeit. Ihr Blick wirkt starr, fast leer.

Gemeint ist Michael Schumachers Frau Corinna. Und über die fragt die “Freizeit Express” nun, ob sie leise von ihrem Ehemann Abschied nehmen muss. Das Redaktionsteam ist nämlich auf ein Radiointerview mit dem früheren Formel-1-Piloten Philippe Streiff gestoßen, das sich mit all seinen angeblichen Details zu Michael Schumachers Gesundheitszustand wunderbar zu einem Abgesang auf ihn verwursten lässt.

Natürlich muss Corinna Schumacher nicht leise Abschied nehmen von ihrem Mann. Das weiß auch die Redaktion der “Freizeit Express”:

Schumis Managerin Sabine Kehm (46) dementiert: “Philippe Streiff ist weder ein Freund von Michael, noch hat er ihn jemals besucht.” Klare Worte! Gibt es also doch keinen Grund zur Sorge?

Gut kombiniert, Sherlock.

Beispiel zwei: die “Woche heute”.

Endlich gute Nachrichten! Michael Schumacher - Sensationeller Heilungserfolg - Die Liebe seiner Familie hat ein Wunder bewirkt

Das Heft macht große Hoffnungen:

Nun gibt es Neuigkeiten! Sie kommen von Schumis Kindern

Denn Schumachers Sohn gelte “als Mega-Talent in der Rennsportszene”. Und auch seine Tochter feiere beim Westernreiten “größere Erfolge denn je.”

Welchem kranken Vater würde es keinen enormen Genesungsschub geben, wenn die Kinder von ihren Erfolgen erzählen?

Die Reit- und Motorsport-Titel von Michael Schumachers Kindern und die “Liebe seiner Familie” reichen den Quacksalbern der “Woche heute” schon für ihre Diagnose: “sensationeller Heilungserfolg”.

Das ist zwar immerhin positiv. Aber ebenfalls völliger Murks.


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Schlagzeilenbasteln (103)
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Schlagzeilenbasteln (103)

Das tägliche Schlagzeilen-Bootcamp hat wieder geöffnet! Zum Start suchen wir eine Überschrift für folgende Nachricht:

“Volks-Rock’n'Roller” Andreas Gabalier war Ski fahren. Und das etwas zu rasant: “‘Ich war ein bisschen zu schnell unterwegs. Auf einmal standen da drei Securitys und haben mir einen Strafzettel verpasst. Wenn sie mich nochmals erwischen, muss ich eine Nachschulung machen’.”

Andreas Gabalier - Leichtsinnig fordert er das Schicksal heraus - Unglaublich! Will er etwa so enden wie Schumi?

Die Ekel-Herleitung der “Woche der Frau”:

Einen Helm auf dem Kopf sucht man bei dem Österreicher vergeblich! Eine unachtsame Bewegung, ein unkontrollierter Schwung zur Seite, ein kleines Hindernis — und schon könnte er so tragisch enden wie Michael Schumacher (46), der bis heute an den schrecklichen Folgen nach seinem Ski-Unfall im Dezember 2013 leiden muss!

Ist es das nicht verarbeitete Familienschicksal um den Freitod seines Vaters Wilhelm und seiner Schwester Elisabeth? Oder tut er das, um sich selbst wieder zu spüren, Emotionen zu fühlen?


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No-go-Area am Genfersee
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No-go-Area am Genfersee

In unserem wöchentlichen Gespräch mit detektor.fm ging es dieses Mal um große Gefahren in einem Schweizer Städtchen:

Der Polizei-Bericht erschüttert! Ist Schumi zu Hause nicht mehr sicher?

Das Gespräch könnt Ihr hier nachhören …

detektor.fm: “Ist Schumi zu Hause nicht mehr sicher?”, fragt die “Woche der Frau”. Wie kommen die Autoren denn dazu?

Moritz: Genau, die Überschrift auf der Titelseite ist die Frage, die Du gerade erwähnt hast. Ein wichtiger Zusatz ist dabei noch: “Der Polizei-Bericht erschüttert!” Und das ist dann auch die Quelle für die Frage, ob unser Formel-1-Weltmeister-Held nun in Gefahr schwebt. Der “Polizei-Bericht” ist eher eine Pressemitteilung der Polizei und auch schon einige Monate alt. Der erschien im Juli dieses Jahres und nimmt Bezug auf Delikte, die noch weiter zurückliegen, nämlich Ende 2013 und Anfang 2014. Da gab’s in Schumachers Heimatort Gland — das ist ein Städtchen in der Schweiz mit rund 12.000 Einwohnern, also nicht gerade eine Metropole — ein paar Beschwerden über Sachschäden, leichte Körperverletzungen, auch Raub, ein paar Drogendelikte, Betäubungsmittelgesetz und so weiter. Dann hat die Polizei ermittelt und auch 48 Personen festgenommen. Da sind allerdings — und das verschweigt die “Woche der Frau” natürlich sehr gern — 23 Kinder dabei. Sowieso sind von diesen 48 Leuten 46 Jugendliche und Kinder zwischen 17 und 24 Jahren. Zwei Erwachsene gibt’s dann noch, die festgenommen beziehungsweise verhört wurden, weil sie Schnaps an Minderjährige verkauft haben. All das erwähnt die “Woche der Frau” überhaupt nicht. Das Blatt versucht lieber, ein bisschen Angst zu schüren und dadurch eine knackige Schumacher-Geschichte zu bekommen.

In der Psychologie gibt es das Phänomen der selbsterfüllenden Prophezeiung: Wenn ich erwarte, dass sich jemand auf bestimmte Weise verhält, und ich selbst dann dieses Verhalten zeige, dann spricht man davon. Ist der Artikel der “Woche der Frau” auch so eine selbsterfüllende Prophezeiung?

Der Artikel ist nun nicht direkt eine Anleitung dazu, wie man Michael Schumacher in Schwierigkeiten bringen könnte, aber es gibt ein paar ganz interessante Hinweise in dem Text. Die “Woche der Frau” schreibt zum Beispiel, dass das Anwesen der Schumachers ja durch den angrenzenden Genfersee und ein Waldstück genau geeignet sei für Verbrecher und Kidnapper, um dort aufs Gelände zu gelangen oder Leute zu entführen. Es wird auch erwähnt, dass Kameras und Sicherheitsmaßnahmen vorhanden seien. Es werden also ein paar ganz interessante Informationen gegeben. Und wenn man die beispielsweise noch mit einer kurzen Google-Bildersuche kombiniert — Fotos von dem Anwesen gibt es nämlich im Internet –, dann kann man sich da schon einige Infos als Krimineller besorgen.

Michael Schumacher war nach seinem Unfall monatelang im Koma und jetzt erholt er sich langsam davon, das dauert natürlich. Die Familie hat ausdrücklich um Zurückhaltung gebeten. Die “Woche der Frau” hat aber, wie auch andere Klatschblätter es tun, wieder darüber berichtet. Ihr beschäftigt Euch jetzt schon seit einer geraumen Zeit mit den Klatschblättern der Republik. Kennt die Regenbogenpresse eigentlich überhaupt irgendwo eine Grenze?

Also gerade der Fall Schumacher ist sehr bezeichnend für die Regenbogenpresse. Die wissenschaftliche Literatur zur Regenbogenpresse sagt immer, diese Hefte seien wie Fortsetzungsromane: Die Lebensgeschichten von Helene Fischer, von Michael Schumacher werden Woche für Woche weitererzählt. Und da gibt es wirklich kein Ende. Während man in den einigermaßen seriösen Medien sehen kann, dass das Thema Schumacher so langsam zu Ende ist und die Familie in Ruhe gelassen wird und erst wieder berichtet wird, wenn sich Michael Schumacher selbst oder jemand aus seiner Familie oder seine Managerin zu Wort meldet, interessiert so eine Bitte die Regenbogenpresse überhaupt nicht. Das zeigt schon ein kurzer Blick auf die aktuelle Woche: Die “Woche der Frau” haben wir mit der Gefahrenlage in Gland ja schon erwähnt. Dann gibt es noch “Das neue Blatt”, das einen Arzt aufgetan hat, der behauptet, dass Schumacher vielleicht “nur noch wenige Monate” bleiben — ohne dass er ihn behandelt. “Die neue Frau” fragt: “Bleibt sein letzter Wunsch unerfüllt?”, weil er einst das Fallschirmspringen und Kunstfliegen für sich entdeckt hat. Da vermutet die Redaktion also, dass er das alles nie mehr machen kann. Und so berichten diese Blätter jede Woche fröhlich weiter, denken sich irgendeinen Quatsch aus, und es ist kein Ende abzusehen.


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Das Rennen um den dümmsten Titel
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Das Rennen um den dümmsten Titel

In unserem wöchentlichen Gespräch mit detektor.fm ging es dieses Mal um zwei unterschiedliche Schlagzeilen zum selben Ereignis:

Michael Schumacher - Sein Sohn hat ein Wunder vollbracht
Neuer Schock - Michael Schumacher - Nicht auch noch sein Sohn! - Zerbricht er am Schicksal seines Vaters?

Das Gespräch könnt Ihr hier nachhören …

detektor.fm: In den Heften der Regenbogenpresse geht’s nicht nur um Promis, sondern auch um deren Familienangehörige. Mehr oder weniger ereignisreiche Geschehnisse werden als große Story verkauft — und gänzlich unterschiedlich interpretiert. Eine der führenden Schlagzeilen dieser Woche dreht sich um den 15-jährigen Sohn von Michael Schumacher, Mick Schumacher. Der ist jüngst beim Kartrennen um die Deutsche Juniorenmeisterschaft gestartet, was die Regenbogenpresse nicht so eindeutig deuten kann — oder will: Laut der “Neuen Post” hat Mick Schumacher “ein Wunder vollbracht”, “Die neue Frau” hingegen titelt: “Neuer Schock — Nicht auch noch sein Sohn!” Was da genau vorgefallen ist auf der Kartbahn, und warum die Regenbogenpresse daraus konträre Schlagzeilen bastelt, darüber kann ich sprechen mit Mats Schönauer, einem der beiden Köpfe hinter topfvollgold. Mats, was war da los auf der Jugend-Rennstrecke, wenn man die mal so nennen darf?

Mats: Tja, da war eigentlich nicht viel mehr los, als dass der Sohn von Michael Schumacher da gefahren ist. Und das interessiert die Medien offenbar brennend. Das war nicht nur Titelgeschichte bei der “Bild”-Zeitung, sondern auch schon seit Tagen in der Regenbogenpresse. Und zwar ist der Sohn von Michael Schumacher, der fährt Kartrennen, bei der Deutschen Juniorenmeisterschaft Zweiter geworden. Das ist die ganze Geschichte. Interessant ist nicht nur, dass die Medien sich so darauf stürzen, sondern wie gegensätzlich sie das interpretieren. Du sagtest ja schon, die “Neue Post” schreibt: “Sein Sohn hat ein Wunder vollbracht”. Da denken die ganzen Omis wahrscheinlich: “Oh, der Sohn hat irgendwas gemacht, und jetzt geht es Michael Schumacher besser.” Da spielen die Redaktionen schon ganz bewusst mit dem Gesundheitszustand von Michael Schumacher und tun dann so, als hätten sie neue Informationen. In Wirklichkeit geht es in der Geschichte aber tatsächlich nur um dieses Kartrennen.

Also völlig unterschiedliche Geschichten. Man fragt sich, ob die Zeitungen das gleiche Rennen gesehen haben. Wie kommt es dazu, dass daraus diese völlig unterschiedlichen Headlines entstehen?

Die nehmen sich einfach eine Nachricht und drehen die dann so, wie es gerade passt. Die “Neue Post” wollte dann wahrscheinlich mit einer schönen Geschichte locken auf dem Cover und hat’s sich dann so zurecht gedreht, dass sie da was Positives titeln kann. Die Redaktion interpretiert jetzt einfach, dass der Sohn Zweiter geworden ist, als “Wunder”, oder vielmehr sieht sie es als hypothetisches Wunder, das noch kommen könnte. Die Mitarbeiter haben nämlich noch einen Arzt gefragt, und der sagt: Bei Komapatienten ist es immer von Vorteil, wenn es gute Nachrichten gibt, da könnte sich dann der Gesundheitszustand verbessern. Und diese Möglichkeit reicht dem Blatt schon, um daraus ein Wunder zu stricken. “Die neue Frau” und andere Hefte dachten sich: Da machen wir eine schlimme Nachricht raus. Die haben es so gedreht: “Nicht auch noch sein Sohn!” Die Redaktion suggeriert auf dem Titel, es gäbe eine ganz schlimme Nachricht, als sei der Sohn vielleicht auch verunglückt. Aber da geht’s dann einfach nur darum, dass er nur Zweiter geworden ist und dass beim Kartfahren ja sowieso viele Gefahren drohen. Die drehen sich die Geschichte so zurecht, wie sie es gerade mögen, und dann picken sie sich die Fakten raus und überdrehen sie solange, bis sie so eine Schlagzeile bringen können.

Es war auch noch etwas Anderes zu lesen: Er wurde “nur” Zweiter und er rastete aus. Was ist das denn für ein gefundenes Fressen?

Ich habe das Rennen selbst nicht gesehen, deswegen weiß ich nicht, ob es stimmt. Aber “Die neue Frau” schreibt einfach, dass er sich darüber geärgert habe, dass er nur Zweiter geworden ist, was ja erstmal verständlich ist. Und dann soll es auch noch eine Rangelei gegeben haben. Das formuliert das Blatt aber auch schon so vage, dass ich es überhaupt nicht abkaufe. Selbst wenn er sich darüber geärgert hat, nur Zweiter geworden zu sein — man darf es nicht so überbewerten, wie die Hefte es tun. Es kam denen natürlich ganz gelegen, wenn es tatsächlich so passiert ist, weil sie daraus dann so etwas Negatives stricken konnten.

“Die neue Frau” hat ja sogar geschrieben, dass dieser Ausraster am schlechten Gesundheitszustand seines Vaters liegt. Stellt sich die Frage: Darf man als Familienangehöriger und als 15-jähriger Teenager eines Promis überhaupt noch normal — sprich emotional — durchs Leben spazieren?

Natürlich darf man das. Das Problem ist aber, dass dann an jeder Ecke Fotografen lauern, die das festhalten, und noch schlimmer: Dass die Regenbogenautoren in ihren Redaktionen sitzen und aus diesen Fotos und Videos solche Geschichten stricken. Ich finde, das ist eine große Unverschämtheit. Ich frage mich sowieso, welches Intresse die Öffentlichkeit daran hat, ob der Sohn von Michael Schumacher jetzt ein guter Rennfahrer ist oder nicht. Darüber kann man natürlich berichten, aber dass es dann solche großen Titelgeschichten werden, finde ich unangebracht — auch schon bei der “Bild”-Zeitung. Und wenn dann die Regenbogenpresse noch solche Geschichten daraus strickt und das so perfide verbindet mit dem Gesundheitszustand von Michael Schumacher und solche Gerüste sich strickt, wie das alles miteinander zusammenhängen könnten, und dann noch solche lockenden Schlagzeilen auf die Titelseiten packen, dann ist das eine ziemliche Frechheit. Aber es lässt sich momentan ja leider nicht groß ändern.

Und es hilft in diesem Fall offenbar auch nicht, dass der Sohn von Michael Schumacher unter dem Mädchennamen seiner Mutter fährt — also gar nicht als Schumacher startet.

Eben. Daran erkennt man schon, dass sie damit gar nicht in Verbindung gebracht werden wollen, aus welchen Gründen auch immer. Das gelingt leider nur mittelmäßig, wenn die Medien das einfach ignorieren und daraus große Titelgeschichten basteln.


Jeden Freitag unterhalten wir uns mit dem Internetradiosender detektor.fm über die Dämlichkeiten der deutschen Regenbogenpresse. Diese Gespräche gibt’s in der Woche drauf immer hier bei uns im Blog zum Nachhören und -lesen.

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Laufendes Unheil
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Laufendes Unheil

In unserem wöchentlichen Gespräch mit detektor.fm ging es dieses Mal um eine “Sensationelle Prognose” in der “Freizeitwoche”:

Fernheilung? Michael Schumacher - Sensationelle Prognose - Kann dieser Arzt ihn wirklich ganz gesund machen?

Das Gespräch könnt Ihr hier nachhören …

detektor.fm: Moritz, heute hast Du nicht weniger als ein Wunder mitgebracht. Was ist da los?

Tatsächlich ein großes Wunder. Die “Freizeitwoche”, ein Heft, das jede Woche auf dem Regenbogenmarkt erscheint, hat eine Wunderheilung bei Michael Schumacher ausmachen können. Sie steht noch nicht ganz fest, aber die Chancen stehen nicht schlecht und, ja, es könnte bald soweit sein, dass er komplett geheilt ist.

Daran Anteil hatte vor allen Dingen eine interessante Person, möchte ich mal sagen.

Der Artikel hat eine ganz zentrale Person, nämlich Dr. Wolfgang Krüll. Das ist jemand, den man so erstmal nicht kennt, aber die “Freizeitwoche” stellt ihn uns gerne vor. Denn Dr. Krüll ist in gewisser Weise ein Wunderheiler, indem er jeden Tag im Schnitt bis zu 50 Kilometer läuft, also eine längere Strecke als einen Marathon jeden Tag.

Wer kann, der kann …

Genau, der sieht auch fit aus auf dem Foto, ein drahtiger Typ. Und das Ganze nennt er den “‘Healing-Run’”, übersetzt also in etwa “Genesungslauf”. Dr. Krüll sagt selber, er setzt beim Laufen so viel Energie frei, die kann er ohne Probleme Michael Schumacher schicken. Und das hilft dann richtig beim Genesungsprozess des ehemaligen Formel-1-Weltmeisters.

Also die Energien werden dann rübergesendet, wenn er läuft.

Ob das nun permanent geschieht, also direkt parallel rübergesendet wird, oder ob er sie während des Laufens sammelt und dann als eine Ladung schickt — das weiß ich nicht. So sehr geht der Artikel auch nicht ins Detail. Aber eine wichtige Voraussetzung hat Dr. Krüll schon geschaffen: Er hat auch Michael Schumacher Bescheid gesagt, dass er ihm diese Energie schicken wird. Denn das, sagt Krüll, ist eine wichtige Voraussetzung, dass derjenige, der die Energie gesendet bekommen soll, auch weiß, dass da was kommt, und das dann auch annehmen kann.

Kennen sich die beiden denn gut, Schumi und der Zauber-Arzt?

Nun ja, das kann ich von meiner Position aus schwer einschätzen. Der Zauber-Arzt selber sagt “ja”. Er meint auch, schon seit einer ganzen Weile Michael Schumacher zu kennen, als er nämlich mal beim “Westdeutschen Rundfunk” war. Da hat er den Nürburgring besucht und dort Schumi getroffen. Und er sagt, daraus habe sich “‘eine Art Freundschaft entwickelt’”. Das ist vielleicht etwas fragwürdig, weil er direkt im Anschluss erzählt, dass er sich ins Klinikum in Grenoble in gewisser Weise als Arzt einschleichen musste, um Schumi vom “Healing-Run” zu erzählen. Ein richtiger Freund, denke ich, dürfte auch so ans Krankenbett kommen. Aber Herr Krüll musste sich dort einschleichen. Also so ganz geheuer ist mir das nicht.

Gibt es denn irgendwelche Belege für diese innige und enge Freundschaft — ein Foto der beiden gemeinsam, ein Zitat von Schumi, irgendwas?

Weder noch. Also wenn es so etwas gibt, dann hat die “Freizeitwoche” es nicht dokumentiert. Nein, vermutlich gibt’s das nicht. Im Gegenteil: Auf mich wirkt die Beziehung sehr einseitig. Auch wenn man sich den Twitter-Account dieses Arztes mal anguckt. Da dokumentiert er nämlich den “Healing-Run” jeden Tag. Und das wirkt ansatzweise etwas fanatisch. Er malt auch Bilder für Michael und Corinna Schumacher, schreibt dann “ewige Liebe” und “Leidenschaft” drauf. Er scheint Michael Schumacher sehr zu verehren und freut sich dann wohl, mit seinem “Genesungslauf” einiges beitragen zu können, dass es Schumi bald besser geht.

Normalerweise besprechen wir hier oft Fälle, in denen unmittelbar jemandem geschadet wird, Lügen, Intrigen verbreitet, Gerüchte oder auch Sachen aus der Privatsphäre. Der Artikel ist schon besonders interessant, weil das hier nun alles nicht der Fall ist. Ist es deswegen vielleicht besonders perfide?

Wir finden immer, dass diese Lügengebilde der Regenbogenpresse direkt erstmal den Prominenten schaden, um die es da geht und über die falsche Sachen behauptet werden. In diesem Fall ist es jetzt nichts Rufschädigendes über Michael Schumacher. Man darf aber auch nicht vergessen, dass ein permanenter Betrug am Leser stattfindet, dass der Leser und die Leserin übers Ohr gehauen werden. Bei diesem Artikel muss man bedenken, dass die “Freizeitwoche” die Geschichte zur großen Titelgeschichte macht, “Sensationelle Prognose” rüberschreibt und der geneigten Leserin vermittelt: Hier, wir haben eine tolle Geschichte über Michael Schumacher, greif mal zu, kauf mal — und wieder ein bisschen was von der Rente weg. Das ist unserer Meinung nach wieder ein typischer Fall vom Betrug am Leser, den wir gern dokumentieren wollen.

Jetzt geht es Michael Schumacher zwar besser, aber noch lange nicht gut. Vor seinem Unfall, wie ist der denn so mit der Boulevardpresse umgegangen? War er eher ein schwieriger oder ein dankbarer Promi?

Ich vermute mal, aus Sicht der Boulevardpresse und der Regenbogenblätter: eher schwierig, weil sie früher nichts über ihn gebracht haben. Das ist ein Prominenter, der etwas zurückgezogener in der Schweiz lebt und da keine großen Skandale hat. Dementsprechend taugt er nicht für die großen Schlagzeilen. Wir haben in der Zeit, in der wir die Regenbogenpresse beobachtet haben, vor dem Ski-Unfall von Michael Schumacher ihn nie so richtig wahrgenommen. Er ist eigentlich erst mit seinem Unfall Ende Dezember in der Regenbogenpresse aufgetaucht.


Jeden Freitag unterhalten wir uns mit dem Internetradiosender detektor.fm über die Dämlichkeiten der deutschen Regenbogenpresse. Diese Gespräche gibt’s am Montag immer hier bei uns im Blog zum Nachhören.

Und unter diesem RSS-Link gibt’s das Ganze als Podcast.


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