Du Liebesbisschen in der Boxengasse
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Du Liebesbisschen in der Boxengasse

In unserem wöchentlichen Gespräch mit detektor.fm ging es dieses Mal um die nächste Quatschgeschichte zum Sohn von Michael Schumacher:

Mick Schumacher - Liebesglück in der Boxengasse? - Schon sein Vater fand hier die Frau fürs Leben

(“Die neue Frau”; Verpixelung von uns.)

Das Gespräch könnt Ihr hier nachhören …

detektor.fm: Ich freue mich ja sehr, dass ich heute wieder dank Euch oder genauer: dank der Zeitschrift “Die neue Frau” brandheiße Informationen bekomme über das zarte Liebesglück des Sohnes von Michael Schumacher und … ja, wem eigentlich? Irgendwas fürs Herz auf jeden Fall heute!

Moritz: Genau, wir haben eine richtige Lovestory mitgebracht, sogar ‘ne kleine Foto-Lovestory. “Die neue Frau” hat eine kleine Titelgeschichte gedruckt mit der Überschrift “Liebesglück in der Boxengasse?” und der Unterzeile “Schon sein Vater fand hier die Frau fürs Leben”. Es geht um Mick Schumacher, der neulich in Oschersleben sein erstes Formel-4-Rennen gefahren ist und das auch gleich gewonnen hat. Und da waren wohl auch Fotografen aus der Klatschszene dabei, die dann mal ein bisschen geguckt haben, was für Mädels Mick Schumacher eigentlich so umschwärmen. Und dann gab’s da ein Mädchen, das geht hier auf dem Foto mit ihrer Panda-Handyhülle in der Hand gute vier, fünf Meter hinter Mick; die Perspektive elegant gewählt, so dass es aussieht, als würden sie noch ein bisschen näher zusammenstehen, und schon haben wir für Mick Schumacher das erste Liebesglück in der Boxengasse, nämlich dieses 14-jährige Mädchen, das auch gleich mit Namen genannt wird, nämlich Gina-Maria.

Das Foto ist tatsächlich eher ein Zufallsschnappschuss, also wenn man nicht die Geschichte dazu hätte — ich hätte die jetzt nicht als zusammengehörig empfunden. Ihr?

Mats: Nee. Wenn man den Text liest, sieht man auch schnell: Die sind überhaupt nicht zusammengehörig. Also das ist einfach nur ein Mädel, das ab und zu bei den Rennen rumspringt und den Sohn von Schumi dann verfolgt und toll findet und Fotos von ihm macht, und daraus strickt “Die neue Frau” dann einfach eine Geschichte. Da hätte man bestimmt noch hundert andere Mädels nehmen können. Dass es jetzt ausgerechnet sie getroffen hat, ist vermutlich Zufall.

Das Liebesglück wird auch zusammengestrickt aus der einfachen Information, dass er ihr offenbar versprochen hat, ein Autogramm zu geben und ein Selfie mit ihr zu machen.

Moritz: Ja, so endet der Artikel. Ein ganz trauriges Ende eigentlich, denn da muss “Die neue Frau” doch ein bisschen zugeben, dass das Verhältnis der beiden vielleicht nicht ganz so eng ist, wie sie es gerne hätte. Sie schreibt, dass die Teenies “längst miteinander in Kontakt sind”, und zitiert das Mädchen, das gesagt haben soll: “Mick hat mir ein Selfie und ein Autogramm versprochen!” Für “Die neue Frau” ein klarer Fall: “Möglich, dass wir hier den Anfang einer ganz großen Liebesgeschichte sehen.” Ja, möglich, und auch ziemlich unmöglich.

Ein zweiter Punkt, der für “Die neue Frau” natürlich ganz toll ist, ist der Name dieses Mädchens, Gina-Maria, das ist nämlich auch der Vorname von Micks Schwester. Und das ist auch kein Zufall, denn die Eltern der 14-Jährigen sind große Schumacher-Fans, darum haben sie ihre Tochter genauso genannt, wie auch ihr Idol seine Tochter genannt hat. Naja, das ist natürlich ein Jackpot für “Die neue Frau”.

Es ist ja eine Menge bedenklich an diesem Artikel. Ihr habt mir auch das Cover der Zeitschrift mitgeschickt, und da sieht man, dass ganz offensichtlich an dem Foto der beiden herumgedoktort wurde, denn da sind ihre Köpfe noch viel näher zusammen als sie es in Wirklichkeit waren. Einfach, um eine Verbindung zu basteln, die es eigentlich gar nicht gibt.

Moritz: Genau. Oder es gibt noch ein zweites Foto, wo die beiden ganz genauso gucken wie auf dem ersten, aber viel enger zusammenstehen — aber das ist natürlich Quatsch. Das Foto wurde einmal schnell durch Photoshop gejagt. Man müsste mal schauen, ob noch irgendwo klein “Fotomontage” oder “Bildkomposition” steht, bisher haben wir da noch nichts gefunden. Also so ganz sauber ist das alles nicht.

Weder das Bild, noch die Story.

Mats: Und was ich besonders eklig finde, ist, dass die schreiben: Der arme Mick Schumacher, der kann ja gar keine normale Jugend haben und so weiter, “wenn er ein Mädchen küsst oder zum Eisessen ausführt, weiß es gleich die ganze Welt”. Also da machen sie einen auf Mitleid, und dann schreiben sie so eine Pseudo-Liebesgeschichte nur darauf basierend, dass ein Mädel ihm hinterhergerannt ist und ein Autogramm haben wollte. Also diese Bigotterie, diese Scheinheiligkeit ist nochmal extrem eklig in dieser Geschichte.

Warum macht die Zeitschrift das? Also es ist doch eigentlich so offensichtlich, dass an der Geschichte nicht viel dran ist und dass das Titelbild manipuliert wurde — ich versteh’s nicht. Erklärt es mir!

Moritz: Viele Leute lechzen förmlich danach zu erfahren, wie es Michael Schumacher geht. Das weiß natürlich auch “Die neue Frau”, das wissen auch die ganzen anderen Hefte, deswegen suchen die händeringend nach irgendwelchen blöden Nichtigkeiten, die man dann ausschlachten und auf die Titelseite packen kann. Und da von der Familie Schumacher beziehungsweise dem Management momentan so gut wie nichts rausgegeben wird, was ja sehr klug ist, erweitern die Schreiber sozusagen den Kreis, in dem sie Informationen suchen. Und das ist jetzt leider Schumachers Sohn. Nun kann man natürlich sagen: Der fährt Formel 4 und gewinnt auch hin und wieder, da ist eine Berichterstattung gerechtfertigt. Das sehe ich auch so: Über die Formel-4-Karriere des Sohns kann man gerne was schreiben. Aber eben nicht über einen 16-Jährigen, der sich angeblich vielleicht in eine 14-Jährige verliebt hat, weil sie auf der Rennstrecke in Oschersleben mit einem Handy hinter ihm herrennt.

Mats: Ich finde es auch problematisch, dass da ein junges Mädchen dermaßen in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Sie wird zitiert, ihr Name wird genannt, und ihr Foto ist sogar auf der Titelseite. Der Vater wird auch zitiert, also kann man wohl schon davon ausgehen, dass die Eltern davon wussten, aber man weiß auch nicht, wie die Umständ waren. Also ich glaube nicht, dass sie wussten, was da für eine Geschichte rauskommen würde.


Jeden Freitag unterhalten wir uns mit dem Internetradiosender detektor.fm über die Dämlichkeiten der deutschen Regenbogenpresse. Diese Gespräche gibt’s in der Woche drauf immer hier bei uns im Blog zum Nachhören und -lesen.

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Schlagzeilenbasteln (137)
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Schlagzeilenbasteln (137)

Welche Überschrift könnte man zu folgender Information dichten?

Michael Schumachers Sohn Mick wird in elf Monaten 17 Jahre alt.

Der große Tag rückt näher - Gibt's bald eine Glücks-Nachricht für Schumis Sohn?

(“Die neue Frau”)

Der “große Tag” ist nicht etwa Mick Schumachers 17. Geburtstag und auch nicht der 18., sondern der sechzehneinhalbte.

Denn: Ab dem 22. September, exakt ein halbes Jahr vor seinem 17. Geburtstag, könnte sich Mick in Deutschland bei einer Fahrschule anmelden.

Nun wohnt er schon seit eh und je in der Schweiz. Aber:

Was tut man schließlich nicht alles für einen Führerschein?

Eben, die Massen an jungen Leuten aus den europäischen Nachbarländern, die für einige Monate in deutsche Städte einfallen, um hier den Führerschein zu machen, sind ja hinlänglich bekannt.

Den zweiten Teil der Schlagzeile, die mögliche “Glücks-Nachricht für Schumis Sohn”, leitet “Die neue Frau” aus der theoretischen Möglichkeit ab, dass Michael Schumacher seinem Sohn nach einem Umzug nach Deutschland, der Anmeldung bei einer Fahrschule und der erfolgreich absolvierten Führerscheinprüfung ein Auto schenken könnte. Zum Beispiel einen Fiat 500. Den hat nämlich Michael Schumacher vor etlichen Jahren von seinem Vater bekommen.

Ein Fiat 500 zum Führerschein, aus schöner, alter Familientradition? Ja, es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie das Herz des Sohnemanns in diesem Fall hüpfen würde.


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Schlagzeilenbasteln (133)
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Heute mal wieder andersrum — also: Welche Nachricht könnte sich hinter dieser Schlagzeile aus “Die neue Frau” verbergen?

Michael Schumacher - Verbotene Fotos aufgetaucht! Wird das sexy Pelz-Model seinem Sohn zum Verhängnis?

(Unkenntlichmachung von uns.)

Nanu, wo ist Mick Schumacher denn da reingeraten? Eine heiße Affäre? Proteste von Tierschützern?

Nicht doch! Das “sexy Pelz-Model” hat sich vor einer Weile bei einem Fotoshooting auf der Zuschauertribüne des brandenburgischen Lausitzrings gerekelt:

Ungerührt ließ sie weiter verbotene Fotos von sich knipsen. Zweimal seien sie und der Fotograf sogar über Lautsprecher vom Aufsichtspersonal aufgefordert worden, das zu unterlassen

Währenddessen drehte Mick Schumacher auf der Rennstrecke einige Testrunden in seinem neuen Formel-4-Wagen. Das “hübsche Mädchen” in “einem knappem [sic!] Body, mit blutroten Lippen und in einem kurzem [sic!] Pelz-Jäckchen” soll ihn nicht die Bohne interessiert haben, obwohl er in einem Alter sei, “in dem die Hormone Mambo tanzen.”

Schumachers Mechaniker aber sollen laut “neuer Frau” “hin und wieder einen Blick riskiert haben.” Um Himmels Willen:

Dabei weiß doch jeder, wie gefährlich nur eine Millisekunde Unaufmerksamkeit oder ein falsches Signal im Autorennsport sein kann.

Oder etwas drastischer ausgedrückt:

Jede Ablenkung kann tödlich sein!


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Ein trauriger Lichtblick
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Ein trauriger Lichtblick

In unserem wöchentlichen Gespräch mit detektor.fm ging es dieses Mal um zwei völlig unterschiedliche Interpretationen einer Nachricht:

Michael Schumacher - Endlich wieder ein Lichtblick!

(“Woche der Frau”)

Michael Schumacher - Traurige Nachricht

(“Woche heute”)

Das Gespräch könnt Ihr hier nachhören …

detektor.fm: Ihr habt heute — ich zitiere — “die schönste Nachricht seit Langem” für uns mitgebracht. Und es hat was zu tun mit Michael Schumacher. Worum geht’s?

Moritz: Also ob das nun eine schöne Nachricht ist oder nicht, das sehen die Hefte unterschiedlich. Aber genau: Es geht um Michael Schumacher und seinen Sohn Mick. Der hat nämlich einen Vertrag in der Formel 4 bekommen. Jeder kennt die Formel 1, da ist Sebastian Vettel sehr erfolgreich, Nico Rosberg und früher auch Michael Schumacher. Dann gibt es aber auch eine etwas kleinere Wagenklasse, die sogenannte Formel 4. Und bei einem Rennstall dort hat der Sohn von Michael Schumacher jetzt einen Vertrag bekommen. Die Saison startet im April, da ist er jetzt bald also auf der Rennstrecke. Und die “Woche der Frau” schreibt von einem “Lichtblick”, den es jetzt endlich mal wieder gibt — nach all den traurigen Nachrichten nun wieder etwas Positives. Ein anderes Heft, die “Woche heute”, sieht das allerdings ganz anders …

Mats: … die schreibt nämlich: “Michael Schumacher — Schreckliche Sorgen — Nicht auch noch sein Sohn!” Und auf der Titelseite kündigt die Redaktion das mit “Michael Schumacher — Traurige Nachricht” an. Das ist alles, was vorne auf der Titelseite zu der Geschichte steht. Was so traurig und so schrecklich daran ist: Rennsport ist kein ungefährlicher Sport, und die arme Familie von Michael Schumacher jetzt auch darum bangen muss, dass vielleicht dem Sohn auf der Rennstrecke was passiert. Das ist der Grund, warum die “Woche heute” eine “Traurige Nachricht” zu verkünden hat. Wir finden das interessant, dass die “Woche der Frau” von einem “Lichtblick” schreibt und das alles ganz toll findet, und die “Woche heute” das alles ganz schlimm findet. Das passt gut in die bisherige Berichterstattung über Michael Schumacher. Wenn ein Heft auf der Titelseite nur schreibt: “Michael Schumacher — Traurige Nachricht”, dann ist für die Leserschaft erstmal nicht zu erkennen, worum es eigentlich geht. Die Blätter suggerieren ganz gerne, dass sie Neuigkeiten über den Gesundheitszustand von Michael Schumacher haben. Die Leserinnen und Leser können dann natürlich annehmen, dass die “Traurige Nachricht” bedeutet, dass sich beim Gesundheitszustand etwas verschlechtert hat, und dass sie nähere Infos dann im Heftinnern bekommen. Das ist dann aber natürlich nicht so. Also: Die Hefte suggerieren, sie hätten Informationen über den Gesundheitszustand von Michael Schumacher und in Wirklichkeit geht es nur um die Formel-4-Karriere seines Sohns.

Ich finde das tatsächlich interessant: Wir haben die gleiche Ausgangsinformation, dass der 15-jährige Sohn in seine Rennfahrer-Karriere startet. Und die unterschiedlichen Blätter machen wirklich komplett gegensätzliche Dinge daraus. Und dann wird auch noch über Michael Schumacher getitelt, obwohl die Geschichte nicht mit Michael Schumacher zu tun hat — außer dass sein Sohn jetzt Autos fährt.

Moritz: Genau, der eine Punkt ist, dass die Hefte eine Geschichte über Michael Schumacher verkaufen, vermutlich weil die Leserschaft mit ihm bestimmte Emotionen verbindet und weiß, dass es vor einigen Monaten einen Unfall gab. Der zweite Punkt ist die reine Willkür, wie die Redaktionen eine Geschichte auslegen. Die stricken sich das einfach so zusammen, wie sie wollen. Man hätte ja auch einfach eine kleine Nachricht bringen können: Hier, Michael Schumachers Sohn hat jetzt einen Vertrag in der Formel 4 — und das wär’s. Aber nee, die machen da eine große Geschichte draus, entweder die riesige Hoffnungsgeschichte oder die riesige Sorgengeschichte. Das zeigt einmal mehr, wie mit der Familie Schumacher umgesprungen wird. Wobei das anderen Prominenten genauso geht: Eine ganz nüchterne Nachricht wird als große Hoffnungssensation oder als großer Untergang verkauft.

Was ich auch noch ganz interessant fand: Ich glaube, das war der Artikel der “Woche der Frau”, da kamen vom Hölzchen aufs Stöckchen alle Mitglieder der Familie Schumacher einmal vor in dem Text, obwohl es eigentlich ja nur um den jugendlichen Rennfahrer geht. Also: die Geschiedene, die Ehefrau, die Tante — unglaublich. Machen die Hefte das öfter so?

Mats: Das machen die ganz gern. Irgendwie muss dieser Artikel ja auch mit irgendwelchem Quatsch gefüllt werden. Da können die jetzt nicht nur hinschreiben: Der Sohn fährt Formel 4 und das war’s auch schon. Dann wäre die Seite ziemlich leer. Also müssen die das andicken mit irgendeinem Quatsch, den man sonst noch findet. Da beschreiben die dann einfach Altbekanntes oder saugen sich irgendwas aus den Fingern. In diesem Fall ist das auch ganz besonders eklig, an der Stelle, wo das Heft auf Cora Schumacher zu sprechen kommt. Die ist ja demnächst bei “Let’s Dance”, dieser Tanz-Show von RTL. Und jetzt spekuliert die “Woche der Frau” darüber, ob sie möglicherweise Insider-Infos ausplaudert oder irgendwas über Michael Schumacher erzählt, das die Öffentlichkeit nicht erfahren sollte. Die Redaktion schreibt: “Geschmacklos, falls sie noch aus dem Unfall ihres Ex-Schwagers Profit schlägt.” Das ist natürlich genau das, was diese Hefte machen: Sie schlagen Profit aus dem Unfall von Michael Schumacher und aus dem Leider der Familie und werfen gleichzeitig Cora Schumacher indirekt vor, dass sie möglicherweise Profit daraus schlagen will. Diese wirklich widerliche, eklige Doppelmoral zieht sich wie ein roter Faden durch die Berichte über Michael Schumacher.

Genau an dieser Stelle gibt es noch ein schönes Beispiel für die Empörung, die in diesem Artikel auch rauskommt gegenüber dem Fernsehen: Gab es die Einladung für Cora Schumacher zu “Let’s Dance” etwa nur, um diese internen Familiendinge aus ihr herauszulocken? Also etwas, was diese Blätter ja offensichtlich nie machen würden.

Moritz: Man kann sich vorstellen: Sollte irgendwann mal die Möglichkeit für die “Woche der Frau” bestehen, ein Exklusiv-Interview mit Cora Schumacher zu bekommen, dann wäre das eine riesig große Titelgeschichte. Da würden die sich die Finger danach lecken, diese Informationen zu bekommen. Und genau das stört uns eben an der Regenbogenpresse: eine Bigotterie, die ihresgleichen sucht.

Mats: Und selbst wenn Cora Schumacher irgendwas ausplaudern würde bei RTL, dann würden die Regenbogenhefte das natürlich sofort abdrucken. Dann würde es heißen: “Sensationelle Enthüllung — Unfassbar, was sie im Fernsehen erzählt”. Und dann würden die Redaktionen das auch wieder breittreten und sich drüber empören. Das ist also schon eine ziemlich widerliche Angelegenheit, was die so machen mit Michael Schumacher und der Familie.

Abgesehen davon, dass wir mal wieder ein schönes Beispiel gezeigt bekommen haben von der Doppelmoral von Boulevardblättern: Was nehmen wir aus dieser Episode heute mit?

Moritz: Vor allem, dass die Regenbogenredaktionen willkürlich festlegen, wie sie Geschichten ausspielen. Da kann es dann übrigens auch mal vorkommen, dass innerhalb eines Verlages, wo dieselben Leute an zwei verschiedenen Heften sitzen, das eine Heft schreibt, dass es ganz positiv aussieht, und das andere schreibt das komplette Gegenteil. Die reine Willkür also, es gibt offenbar kein Interesse daran, möglichst objektiv und neutral zu berichten, sondern es geht um eine knallige Schlagzeile und einen guten Verkaufserlös.


Jeden Freitag unterhalten wir uns mit dem Internetradiosender detektor.fm über die Dämlichkeiten der deutschen Regenbogenpresse. Diese Gespräche gibt’s in der Woche drauf immer hier bei uns im Blog zum Nachhören und -lesen.

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Das Rennen um den dümmsten Titel
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Das Rennen um den dümmsten Titel

In unserem wöchentlichen Gespräch mit detektor.fm ging es dieses Mal um zwei unterschiedliche Schlagzeilen zum selben Ereignis:

Michael Schumacher - Sein Sohn hat ein Wunder vollbracht
Neuer Schock - Michael Schumacher - Nicht auch noch sein Sohn! - Zerbricht er am Schicksal seines Vaters?

Das Gespräch könnt Ihr hier nachhören …

detektor.fm: In den Heften der Regenbogenpresse geht’s nicht nur um Promis, sondern auch um deren Familienangehörige. Mehr oder weniger ereignisreiche Geschehnisse werden als große Story verkauft — und gänzlich unterschiedlich interpretiert. Eine der führenden Schlagzeilen dieser Woche dreht sich um den 15-jährigen Sohn von Michael Schumacher, Mick Schumacher. Der ist jüngst beim Kartrennen um die Deutsche Juniorenmeisterschaft gestartet, was die Regenbogenpresse nicht so eindeutig deuten kann — oder will: Laut der “Neuen Post” hat Mick Schumacher “ein Wunder vollbracht”, “Die neue Frau” hingegen titelt: “Neuer Schock — Nicht auch noch sein Sohn!” Was da genau vorgefallen ist auf der Kartbahn, und warum die Regenbogenpresse daraus konträre Schlagzeilen bastelt, darüber kann ich sprechen mit Mats Schönauer, einem der beiden Köpfe hinter topfvollgold. Mats, was war da los auf der Jugend-Rennstrecke, wenn man die mal so nennen darf?

Mats: Tja, da war eigentlich nicht viel mehr los, als dass der Sohn von Michael Schumacher da gefahren ist. Und das interessiert die Medien offenbar brennend. Das war nicht nur Titelgeschichte bei der “Bild”-Zeitung, sondern auch schon seit Tagen in der Regenbogenpresse. Und zwar ist der Sohn von Michael Schumacher, der fährt Kartrennen, bei der Deutschen Juniorenmeisterschaft Zweiter geworden. Das ist die ganze Geschichte. Interessant ist nicht nur, dass die Medien sich so darauf stürzen, sondern wie gegensätzlich sie das interpretieren. Du sagtest ja schon, die “Neue Post” schreibt: “Sein Sohn hat ein Wunder vollbracht”. Da denken die ganzen Omis wahrscheinlich: “Oh, der Sohn hat irgendwas gemacht, und jetzt geht es Michael Schumacher besser.” Da spielen die Redaktionen schon ganz bewusst mit dem Gesundheitszustand von Michael Schumacher und tun dann so, als hätten sie neue Informationen. In Wirklichkeit geht es in der Geschichte aber tatsächlich nur um dieses Kartrennen.

Also völlig unterschiedliche Geschichten. Man fragt sich, ob die Zeitungen das gleiche Rennen gesehen haben. Wie kommt es dazu, dass daraus diese völlig unterschiedlichen Headlines entstehen?

Die nehmen sich einfach eine Nachricht und drehen die dann so, wie es gerade passt. Die “Neue Post” wollte dann wahrscheinlich mit einer schönen Geschichte locken auf dem Cover und hat’s sich dann so zurecht gedreht, dass sie da was Positives titeln kann. Die Redaktion interpretiert jetzt einfach, dass der Sohn Zweiter geworden ist, als “Wunder”, oder vielmehr sieht sie es als hypothetisches Wunder, das noch kommen könnte. Die Mitarbeiter haben nämlich noch einen Arzt gefragt, und der sagt: Bei Komapatienten ist es immer von Vorteil, wenn es gute Nachrichten gibt, da könnte sich dann der Gesundheitszustand verbessern. Und diese Möglichkeit reicht dem Blatt schon, um daraus ein Wunder zu stricken. “Die neue Frau” und andere Hefte dachten sich: Da machen wir eine schlimme Nachricht raus. Die haben es so gedreht: “Nicht auch noch sein Sohn!” Die Redaktion suggeriert auf dem Titel, es gäbe eine ganz schlimme Nachricht, als sei der Sohn vielleicht auch verunglückt. Aber da geht’s dann einfach nur darum, dass er nur Zweiter geworden ist und dass beim Kartfahren ja sowieso viele Gefahren drohen. Die drehen sich die Geschichte so zurecht, wie sie es gerade mögen, und dann picken sie sich die Fakten raus und überdrehen sie solange, bis sie so eine Schlagzeile bringen können.

Es war auch noch etwas Anderes zu lesen: Er wurde “nur” Zweiter und er rastete aus. Was ist das denn für ein gefundenes Fressen?

Ich habe das Rennen selbst nicht gesehen, deswegen weiß ich nicht, ob es stimmt. Aber “Die neue Frau” schreibt einfach, dass er sich darüber geärgert habe, dass er nur Zweiter geworden ist, was ja erstmal verständlich ist. Und dann soll es auch noch eine Rangelei gegeben haben. Das formuliert das Blatt aber auch schon so vage, dass ich es überhaupt nicht abkaufe. Selbst wenn er sich darüber geärgert hat, nur Zweiter geworden zu sein — man darf es nicht so überbewerten, wie die Hefte es tun. Es kam denen natürlich ganz gelegen, wenn es tatsächlich so passiert ist, weil sie daraus dann so etwas Negatives stricken konnten.

“Die neue Frau” hat ja sogar geschrieben, dass dieser Ausraster am schlechten Gesundheitszustand seines Vaters liegt. Stellt sich die Frage: Darf man als Familienangehöriger und als 15-jähriger Teenager eines Promis überhaupt noch normal — sprich emotional — durchs Leben spazieren?

Natürlich darf man das. Das Problem ist aber, dass dann an jeder Ecke Fotografen lauern, die das festhalten, und noch schlimmer: Dass die Regenbogenautoren in ihren Redaktionen sitzen und aus diesen Fotos und Videos solche Geschichten stricken. Ich finde, das ist eine große Unverschämtheit. Ich frage mich sowieso, welches Intresse die Öffentlichkeit daran hat, ob der Sohn von Michael Schumacher jetzt ein guter Rennfahrer ist oder nicht. Darüber kann man natürlich berichten, aber dass es dann solche großen Titelgeschichten werden, finde ich unangebracht — auch schon bei der “Bild”-Zeitung. Und wenn dann die Regenbogenpresse noch solche Geschichten daraus strickt und das so perfide verbindet mit dem Gesundheitszustand von Michael Schumacher und solche Gerüste sich strickt, wie das alles miteinander zusammenhängen könnten, und dann noch solche lockenden Schlagzeilen auf die Titelseiten packen, dann ist das eine ziemliche Frechheit. Aber es lässt sich momentan ja leider nicht groß ändern.

Und es hilft in diesem Fall offenbar auch nicht, dass der Sohn von Michael Schumacher unter dem Mädchennamen seiner Mutter fährt — also gar nicht als Schumacher startet.

Eben. Daran erkennt man schon, dass sie damit gar nicht in Verbindung gebracht werden wollen, aus welchen Gründen auch immer. Das gelingt leider nur mittelmäßig, wenn die Medien das einfach ignorieren und daraus große Titelgeschichten basteln.


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