Kommt Zeit, kommt Presserat

Kommt Zeit, kommt Presserat

In der Regenbogenpresse ticken die Uhren anders. Anders im Sinne von: überhaupt nicht. Die Zeit steht einfach still.

Irgendjemand hat vor acht Jahren in einem Interview etwas von sich preisgegeben? Zack! Titelgeschichte! “Pikante Enthüllung! Was XY jetzt verraten hat!”

Der Text über das Ehe-Drama von Angela Merkel ist vor neun Monaten schon mal erschienen? Egal! Raus damit!

Und weil Zeit keine Rolle spielt, werden Themen und Artikel innerhalb der Verlage gnadenlos wiederverwurstet. Was heute in der “Freizeit Bla” erscheint, taucht einige Monate später in der “Freizeit Blubb” wieder auf, ein paar Wochen später im nächsten Blatt und so weiter. Manchmal geht das über Jahre so. Mal wird hier und da ein Satz umgeschrieben oder ein Foto ausgetauscht, aber selbst das bisschen Mühe ist den Redaktionen oft schon zu viel.

Der Wahrheitsgehalt der Texte wird auf Dauer natürlich auch nicht größer. Und gerade das kann dazu führen, dass die Regenbogenpresse selbst dann gegen journalistische Grundsätze verstößt, wenn ein Artikel auf den ersten Blick völlig harmlos erscheint.

Der Deutsche Presserat hat sich in der vergangenen Woche mit einem solchen Fall beschäftigt. Es ging um einen Artikel, der im vergangenen September in “Das goldene Blatt” erschienen war, und zwar in der Rubrik “Geschichten mit Herz”. Darin schwärmt eine Frau — nennen wir sie Angelika — von ihrem Leben im Wohnmobil.

Erstmals veröffentlicht wurde der Artikel (in sehr ähnlicher Form) schon vier Jahre zuvor. Eine freie Journalistin hatte Angelika damals interviewt und den Artikel verschiedenen Verlagen angeboten. Inzwischen haben sich Angelikas Lebensumstände aber grundlegend geändert — unter anderem lebt sie schon lange nicht mehr im Wohnmobil (die Überschrift lautet “‘Ich lebe im Wohnmobil’”).

Sie selbst hat die Beschwerde an den Presserat geschickt, weil sie der Meinung ist, der aktuelle Artikel verletze ihre Persönlichkeitsrechte, verbreite unwahre Tatsachen und verletze sie in ihrer Ehre.

Der Verlag verwies in seiner Stellungnahme auf die freie Mitarbeiterin, die daraufhin mitteilte, sie habe das Interview damals autorisieren lassen und Angelika erklärt, dass sie noch nicht wisse, wann, wo und wie oft die geplante Reportage erscheinen würde.

Der Presserat sieht in der Veröffentlichung dennoch einen schwerwiegenden Verstoß gegen den Pressekodex. Auch wenn die Frau damals zugestimmt hatte, musste sie aus Sicht des Beschwerdeausschusses vier Jahre später nicht mehr mit einer Veröffentlichung rechnen. Vielmehr hätte die Redaktion die aktuelle Lebenssituation der Frau prüfen und ihre Einwilligung erneut einholen müssen, befand das Gremium. Die Redaktion des “goldenen Blatts” habe die journalistische Sorgfaltspflicht missachtet und die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen verletzt — darum hat der Presserat die höchstmögliche “Sanktion” verhängt: eine öffentliche Rüge.

Die Redaktion wurde “gebeten”, diese Rüge “zeitnah” abzudrucken. Aber was heißt das schon, dort, wo die Zeit stillsteht?


Mehr zu den anderen Rügen des Presserats gibt’s im BILDblog.


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Mission: Dachschadensbegrenzung

Mission: Dachschadensbegrenzung

Am Wochenende haben wir noch einmal Post vom Deutschen Presserat bekommen. In dem Schreiben geht es um die fünf Rügen, die der Beschwerdeausschuss vor einer Woche gegen die Regenbogenpresse ausgesprochen hat.

Zum üblichen Prozedere des Presserats gehört zunächst eine Vorprüfung darüber, ob eine Beschwerde begründet ist oder nicht. Ist sie das, dürfen die betroffenen Redaktionen und Verlage Stellung dazu nehmen. Im Beschwerdeausschuss wird dann nochmals darüber entschieden, ob die Beschwerde begründet ist. Anschließend stimmt das Gremium darüber ab, welche Maßnahme (Hinweis, Missbilligung, Rüge) gewählt werden soll.

Im Falle der Regenbogenpresse wird es an einer Stelle natürlich besonders spannend. Und zwar bei den Stellungnahmen der Redaktionen und Verlage. Denn wie kann man völligen Murks rechtfertigen? Genau: mit noch mehr Murks.

Die “Freizeit Express” und die “Meine Freizeit” haben es gar nicht erst versucht und auf eine Stellungnahme verzichtet. Drei andere Blätter waren mutiger. Deren Rechtfertigungen sind äußerst, ähm, interessant. Darum wollen wir sie hier auch vollständig dokumentieren.

Da wäre zum einen die Stellungnahme des Deltapark-Verlags. Wir hatten uns über diesen Artikel beschwert:Steffi Graf - Ihr Absturz in dei Lebenskrise

Steffi Graf hatte in ihrem Blog lediglich nach Tipps gefragt, wie man “das Leben allgemein einen Gang herunterschalten könnte”. Dass man daraus gleich einen “verzweifelten Hilferuf” strickt, der Ex-Sportlerin einen “Absturz in die Lebenskrise” bescheinigt und die wildesten Spekulationen über ihr Privatleben anstellt, gehört für den Verlag ganz einfach zur Presse- und Meinungsfreiheit:

Der Geschäftsführer des DELTApark Verlages teilt mit, dass die Veröffentlichung von der Presse- und Meinungsäußerungsfreiheit gedeckt sei. Das Bundesverfassungsgericht und der Bundesgerichtshof hätten in ständiger Rechtsprechung die Bedeutung auch einer unterhaltenden Presse für die Meinungsbildung betont. Auch mit unterhaltenden Beiträgen finde Meinungsbildung statt. Solche Beiträge könnten die Meinungsbildung u. U. sogar nachhaltiger anregen und beeinflussen als sachbezogene Informationen. Auch überspitzte und spekulative Äußerungen könnten den Schutz der Meinungsäußerungsfreiheit beanspruchen. Die Beiträge gäben die Meinung der Redaktion und des Autors über den zugrunde liegenden Sachverhalt wieder. Sie seien damit Ausdruck der ausgeübten Meinungsäußerungsfreiheit.

Rügen "Promi Welt"
Entscheidung über die Begründetheit der Beschwerde: einstimmig.

Entscheidung über die Art der Maßnahme: viermal Ja, dreimal Nein.


Die “Frau aktuell” musste durfte sich zu diesem Artikel äußern:Stefan Mross - Pikante Enthüllung! Wehe, wenn er zur Flasche greift

Im Innenteil sprach das Blatt von einem “Alkohol-Schock!” und fragte in der Übeschrift: “Wer kann ihm jetzt noch helfen?” Der Hintergrund: Wenn man bei Google “Stefan Mross” eingibt, erscheint als Suchvorschlag angeblich “Stefan Mross Alkohol”.

In ihrer Stellungnahme wirft sich die Chefredakteurin der “Frau aktuell” zwar ebenfalls hinter die schützende Wand der Pressefreiheit, bläst dann aber auch gleich zum Gegenangriff:

Die Chefredakteurin weist darauf hin, dass es sich bei der Beschwerde offenbar um eine Massenaussendung handele, da eine individuelle und annähernd substantielle Begründung für den Vorgang nicht erkennbar sei. Weiterhin betont sie, dass auch Boulevard-Medien uneingeschränkt an der Pressefreiheit teilnähmen. Die von den Beschwerdeführern offenbar monierte Dramatisierung stelle dabei ein übliches Stilmittel dar. Dieses Stilmittel sei durchaus legitim, wie sich aus der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts ergebe. Bei der Veröffentlichung sei das Persönlichkeitsrecht der Prominenten nicht betroffen. Die Darstellungen seien zutreffend.

Die Chefredakteurin betont, dass das Bundesverfassungsgericht im “Caroline”-Urteil vom Dezember 1999 festgestellt habe, dass Meinungsbildung und Unterhaltung keine Gegensätze seien. Auch in unterhaltenden Beiträgen finde Meinungsbildung statt. Sie könnten diese unter Umständen sogar nachhaltiger anregen oder beeinflussen als ausschließlich sachbezogene Informationen. Unterhaltung erfülle insofern auch wichtige gesellschaftliche Funktionen. Daher sei sie in den Grundrechtsschutz einbezogen.

Prominente Personen müssten es hinnehmen, dass Medien ihr Auftreten in der Öffentlichkeit kommentierten. Wertungen von Vorgängen aus ihrer Sozialsphäre würde grundsätzlich nicht in ihr Persönlichkeitsrecht eingreifen.

Die Chefredakteurin betont, dass die Beschwerdeführer die Berichterstattung pauschal angriffen. Eine individualisierte Begründung erfolge nicht. Die Vorwürfe seien unsubstantiiert und nichtssagend. Es sei die Rede davon, dass oft eine Kombination aus Text und Bild etwas suggeriere. Ein Prominenter müsse damit rechnen, dass er “irgendwann” als möglicherweise alkoholkrank dargestellt werde. Demnach sei die Berichterstattung nicht zu rechtfertigen. Weshalb sie nicht zu rechtfertigen sei, stellten die Beschwerdeführer nicht dar. Sie überließen es alleine dem Presserat herauszufinden, worin denn jeweils konkret der Beschwerdegegenstand zu sehen sei.
Zu dem Artikel teilt die Chefredakteurin mit, dass es zutreffend sei, dass wer in Google “Stefan Mross” eingebe, unter den ersten Treffern sofort das Suchergebnis “Stefan Mross Alkohol” angeboten bekomme. Darüber berichte man und überlege, worauf diese Google-Selbstvervollständigung beruhe. Möglicherweise an der Alkoholvergiftung, die Mross 2003 gehabt habe. Das Foto illustriere den Beitrag, der insgesamt gesehen in keiner Weise irgendein Alkoholproblem von Mross behaupte. Die Überschrift “Alkohol-Schock! Stefan Mross — Wer kann ihm jetzt noch helfen?” sei auch nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit dem gesamten Beitrag zu sehen. Diese Ankündigung auf der Titelseite stelle die in der Mediengattung übliche Präsentation dar. Die rein pauschale Behauptung der Beschwerdeführer, in dem Beitrag würde ein Prominenter zu einem Alkoholiker gemacht, sei ohne jeden Bezug zu dem konkreten Beitrag aufgestellt worden.

Dass die Chefredakteurin so argumentiert, liegt wohl daran, dass wir zu diesem Artikel keine separate Beschwerde eingereicht hatten. Er war vielmehr Teil einer Art Sammelbeschwerde, in der es um die unzähligen Artikel ging, in denen irgendwelchen Promis ein Alkoholproblem angedichtet wird.

Sie können aber gewiss sein, liebe Chefredakteurin der “Frau aktuell”, dass wir uns beim nächsten Mal mit besonders viel Elan an Ihre Artikel setzen werden. Dann gibt’s für jeden Verstoß gegen den Pressekodex eine eigene, ausführlich begründete Beschwerde — versprochen! Aber diesmal hat’s ja auch so gereicht:

Rügen "Frau aktuell"
Entscheidung über die Begründetheit der Beschwerde: fünfmal Ja, zwei Enthaltungen.

Entscheidung über die Art der Maßnahme: fünfmal Ja, einmal Nein, eine Enthaltung.


Der größte Knaller aber ist die Stellungnahme aus dem Hause Bauer.

Sie bezieht sich auf diesen Artikel:Dabei war es doch die ganz große Liebe - Josef & Narumol - Scheidungs-Schock!

Dass es nicht Josef und Narumol waren, die sich hatten scheiden lassen, sondern ein ganz anderes Pärchen aus “Bauer sucht Frau”, wurde erst im Innenteil aufgelöst. Aber eigentlich hätte man das auch sofort am Titelblatt erkennen können. Warum? Das erklärt die “Stabstelle Medienrecht des Heinrich Bauer Verlages”:

Die Stabstelle Medienrecht des Heinrich Bauer Verlages teilt mit, dass die Berichterstattung sich mit der Trennung von Markus und Jennifer, einem ehemaligen “Bauer sucht Frau”-Paar, befasse. Die Leser der Zeitschrift interessierten sich für die ehemaligen sowie neuen “Bauer sucht Frau”-Paare und würden daher regelmäßig über die aktuellen Ereignisse im Leben der Paare informiert.

Um das ehemalige “Bauer sucht Frau”-Paar Narumol und Josef habe sich eine echte Fangemeinschaft unter den Lesern gebildet. Die Fans der beiden verfolgten alle Details über ihr Leben und wüssten daher genau, dass Narumol und Josef glücklich miteinander seien und sich nicht trennen wollten. Die beiden sprächen offen über ihre Gefühle in der Zeitschrift und gewährten auch private Einblicke in ihr Leben. Von daher hätten die Leser eine realistische Vorstellung der Beziehung von Narumol und Josef. Sie wüssten daher, dass die beiden nicht so geartet seien, sich plötzlich zu trennen.

Im Hinblick auf diese Offenheit sei davon auszugehen, dass sich auch ein Auseinanderleben der beiden in den regelmäßigen Berichterstattungen der Zeitschrift angedeutet hätte, bevor eine so schwerwiegende Entscheidung von ihnen getroffen worden wäre. Daher sei die Titelzeile nicht geeignet, bei den Lesern die Fehlvorstellung hervorzurufen, dass über eine Trennung von Josef und Narumol berichtet würde. Die Leser gingen vielmehr davon aus, dass es sich bei dem Scheidungsschock um die Trennung eines anderen Paares handeln müsse, über die Narumol und Josef schockiert seien.

Auch ließe sich der Formulierung “Schock” entnehmen, dass es sich um die Trennung eines anderen Paares handeln müsse, da man über seine eigene Trennung nicht geschockt sein könne, weil man diese Entscheidung bewusst treffe.

Insgesamt sei daher die Berichterstattung nicht geeignet, bei den Lesern einen falschen Eindruck hervorzurufen.

Rügen "Das neue Blatt"
Entscheidung über die Begründetheit der Beschwerde: einstimmig.

Entscheidung über die Art der Maßnahme: fünfmal Ja, einmal Nein.


Wir hatten bisher ja immer gedacht, dass es die Redakteure und Autoren sind, die in diesen Läden am meisten Fantasie haben müssen. Doch die wirklich kreativen Köpfe der Regenbogenpresse sitzen ganz offenbar in den Rechtsabteilungen.


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