Die Geissens, die ich rief (2)
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Die Geissens, die ich rief (2)

Wer sich am Montagabend beim Fernsehen zu RTL2 verirrt, trifft auf eine Familie, die in Saus und Braus in Monaco lebt, die Eltern stets schlecht gekleidet, die zwei Töchter häufig im Bikini am Pool. Das ist die Familie Geiss, besser bekannt als “Die Geissens — eine schrecklich glamouröse Familie”. Die besonders schrecklich glamourösen Carmen und Robert Geiss sollen laut “Freizeit Spaß” nun auf einmal “Angst um ihre geliebten Töchter” haben:

Unbekannte haben unter den Namen der Promi-Sprösslinge Profile auf Instagram und Facebook eröffnet. Die Fotos wurden anscheinend geklaut

… schreibt das Regenbogenblatt und johlt auf seiner Titelseite:

Carmen & Robert Geiss - Familien-Tragödie - Ihre Töchter im Visier von Kriminellen

Die Fotos der zwölfjährigen Davina und der elfjährigen Shania, die Kriminelle irgendwo im Netz veröffentlicht haben sollen, veröffentlicht die “Freizeit Spaß” auch noch einmal:

Im Bikini am Pool oder mit Hotpants in der Hängematte — die zwei Mädchen posieren freizügig vor der Kamera.

Nun sind Foto- und Identitätsdiebstahl bereits ärgerlich genug. Doch da sei im Fall der Geiss-Kinder noch ein ganz anderes Problem: die Kommentare unter den Bildern. Da stehe zum Beispiel:

Fallst du ein freund hast kann der glück haben dich zu haben

Oder:

Wenn du whats app hast schreib mir wenn deine eltern dir das erlauben!!!

Orthografisch schon bedenklich, aber:

Vor allem ältere Männer schreiben Kommentare unter die Fotos, wollen Davina und Shania kennenlernen. Etwa Kriminelle, gar Pädophile?

Auf der Suche nach einer Antwort haben wir uns das ganze Wochenende durch reichlich Davina-und-Shania-Fakeprofile geklickt. Das Ergebnis: Ja, dort gibt es Bikinifotos, die irgendwo zusammengeklaubt wurden. Und ja, es gibt Leute, die nach den Handynummern der beiden fragen und sie auch gern mal treffen würden. Das sind entweder elfjährige Mädchen oder 14-jährige Jungs. Und vor denen — so unsere Einschätzung — muss man nicht unbedingt Angst haben.


Dieser Text ist am Montag bereits im “Tagesspiegel” erschienen. Alle zwei Wochen schreiben wir dort eine Kolumne über die Regenbogenpresse.


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“Frau mit Herz” erfindet die App für Attentäter
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“Frau mit Herz” erfindet die App für Attentäter

Prinz William fliegt wieder. Nach der Geburt seiner Tochter Charlotte hatte sich der britische Thronfolger ein paar Monate Pause gegönnt, nun ist er zurück hinterm Steuerknüppel seines Rettungshubschraubers. Als Pilot der “East Anglian Air Ambulance” bringt William Sanitäter und Ärzte zu Unfallorten und Notfalleinsätzen.

Das ist toller Stoff für Regenbogenredakteure. Aus Williams Job können sie wahlweise ein Psychodrama (schlimmer Unfall, schreckliche Szenerie), ein Liebesdrama (hübsche Kollegin, Konkurrenz für Ehefrau Kate) oder ein Todesdrama (mögliche Turbulenzen in der Luft, der Prinz potenziell immer in Gefahr) stricken.

Auf einen Dreh musste aber erst das britische Paparazziblatt “Mail on Sunday” kommen, den die “Frau mit Herz” dankend aufgenommen und weitergesponnen hat:

Prinz William - Schock - Plötzlich ist er eine Zielscheibe für Attentäter

Hinter dem Terrordrama steckt eine Smartphone-App, die sich jeder für 3,99 Euro runterladen kann, auch Kriminelle:

Mithilfe eines speziellen Handy-Programms lässt sich die Flugroute des Prinzen-Hubschraubers präzise verfolgen. Kriminelle könnten das ausnutzen

Tatsächlich konnten Mitarbeiter der “Mail on Sunday” mit der App “Flightradar24″ und dem sogenannten Luftfahrzeugkennzeichen Williams Helikopter während eines Fluges orten und “auf der Stelle präzise Informationen über die Flugroute, Start- und Landekoordinaten” sammeln.

Die “Frau mit Herz” denkt etwas weiter und schlägt Alarm: Das “neue Programm” erlaube Attentätern, “den Prinzen zu bedrohen und sogar abzuschießen!” William solle jetzt nicht nur an “seinen Traumberuf”, sondern “auch an seine kleine Familie denken.” Den “schmerzvollen Verlust ihres geliebten Mannes und Vaters würden Prinzessin Kate (33) und die Kinder nie verkraften”.

Das wäre dann in der Tat das Nonplusultra im Regenbogenkosmos: die Zusammenführung von Terror-, Todes-, Liebes- und Psychodrama.


Dieser Text ist zuvor bereits im “Tagesspiegel” erschienen. Alle zwei Wochen schreiben wir dort eine Kolumne über die Regenbogenpresse.


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Klickfang auf Papier
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Klickfang auf Papier

Als Fernsehzeitschrift ist es schon ein besonderes Kunststück, ins Visier von Medienkritikern zu geraten und sich die Empörung der Masse einzufangen. Der “TV Movie” jedoch ist das vergangene Woche mit Bravour gelungen. Bei Facebook hatte sie einen Artikel beworben mit den Worten:

Gerade vermeldet ++ Einer dieser TV-Moderatoren muss sich wegen Krebserkrankung zurückziehen

Dazu Fotos von vier Moderatoren. Erst nach dem Klick erfuhr man, wer von ihnen die Diagnose erhalten hatte. Clickbaiting nennt sich dieses Prinzip, mit dem einige Redaktionen seit einer Weile ihre potenziellen Leser trickreich in die Irre führen, um sich deren Klicks zu ergaunern.

Auch die “Prima Woche” versucht auf ihrem aktuellen Cover die mögliche Kundschaft mit einer großen “Schock-Nachricht” zum Kauf zu bewegen. Es geht um Regenbogenqueen Helene Fischer, die ihrem Freund Florian Silbereisen auf dem beigestellten Foto einen enttäuschten Blick zuwirft. “Warum musste es so enden?”, fragt das Blatt und verspricht “Alles über die traurigen Hintergründe!”

Schock-Nachricht - Helene Fischer - Warum musste es so enden? Alles über die traurigen Hintergründe!

Nun könnte man meinen — so ja auch das Kalkül der Redaktion –, dass es um die Beziehung des Schlagerpärchens geht. Doch wer die “Prima Woche” kauft, erfährt: Vorbei ist nicht etwa die Beziehung von Helene Fischer und Florian Silbereisen, sondern das Leben einer 44-jährigen Frau. Sie starb bei einem Autounfall auf einer Landstraße in der Nähe von Rostock. Angeblich war sie von der Autobahn abgefahren, weil dort zu viel Verkehr war — unter anderem deshalb, weil in der Nähe ein Konzert von Helene Fischer stattfand.

Das unsägliche Prinzip des Clickbaitings ist keine Erfindung des Internets. Es ist das digitalisierte Grundprinzip der Regenbogenpresse: Der Betrug am Leser, um Geld zu verdienen; das gierige, perfide Spiel mit der Angst und dem Leid anderer Menschen — unter dem Deckmantel des Journalismus.


Dieser Text ist zuvor bereits im “Tagesspiegel” erschienen. Alle zwei Wochen schreiben wir dort eine Kolumne über die Regenbogenpresse.


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Die biblischen Früchtchen der “Freizeit Revue”
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Die biblischen Früchtchen der “Freizeit Revue”

In der Märchenwelt der Regenbogenpresse geht es in zehn von zehn Fällen um Banalitäten. Die “Freizeit Revue” hat nun allerdings eine Geschichte von biblischem Ausmaß ausgegraben. Brudermord im Schlagermilieu? Die jesushafte Wunderheilung einer Societydame? Nein, das Heft mit der Millionenauflage berichtete vergangene Woche von verbotenen Früchten im “Kinderparadies” Anmer Hall.

Auf dem Landsitz der britischen Königsfamilie, “gleich hinterm Tennisplatz”, steht nämlich ein “hochgiftiger Goldregen-Baum”. Und so konnte die “Freizeit Revue” gar nicht anders, als zu titeln:

Herzogin Kate - Dramatische Vergiftung! Große Sorgen um das Leben ihres kleinen George

Die Entdeckerlust des “Schnuckel-Rackers” und die Samen des Goldregen hätten den Thronfolger in Lebensgefahr gebracht, behauptet das Blatt. Gut möglich, dass der Zweijährige “die runden Kügelchen im Ernte-Eifer für Garten-Früchte gehalten” habe:

Jedenfalls waren fix die Patschehändchen ausgestreckt, die vermeintlich leckere Beute wanderte mit Lichtgeschwindigkeit in den Mund.

Auch die “Daily Mail” berichtete von dem giftigen Baum auf Anmer Hall, genau genommen hat die “Freizeit Revue” den Artikel der britischen Boulevardzeitung einfach übersetzt. Nur die Sache mit dem “Ernte-Eifer”, den “Patschehändchen” und der “Lichtgeschwindigkeit” hat sie dabei exklusiv dazugedichtet.

In dieser Woche macht sich die Redaktion dann schon wieder “große Sorgen”, diesmal um Mutter Kate:

Herzogin Kate - Depressionen! Große Sorgen um die junge Mutter

Der “Babyblues” nach der Geburt von Tochter Charlotte soll zu einer Depression ausgewachsen sein. Und dann sei da noch ihr “überängstliches Verhalten”:

Kate brachte Ehemann William sogar dazu, sich in einem offenen Brief über Fotografen zu beschweren, die angeblich den Kindern des royalen Paares “auflauern”.

Völlig unverständlich für die “Freizeit Revue”: Warum auflauern? Die kleinen Royals kann man doch auch ganz wunderbar vom Schreibtisch aus in Gefahr bringen.


Dieser Text ist vorgestern auch im “Tagesspiegel” erschienen. Alle zwei Wochen schreiben wir dort eine Kolumne über die Regenbogenpresse.


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“Woche heute” lässt LeFloid tief in Merkels Seele blicken
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“Woche heute” lässt LeFloid tief in Merkels Seele blicken

Für sein Interview mit Angela Merkel musste der Youtube-Flummi LeFloid ganz schön einstecken: lasche Fragen, devotes Gehabe, null kritisches Nachbohren, so die Vorwürfe.

Die “Woche heute” titelt gar, es sei ein “erschütterndes Interview” gewesen, was aber nicht am unterwürfigen Internetstar lag, sondern an den scharfen Antworten der Bundeskanzlerin:

Es ist so traurig - Angela Merkel - Erschütterndes Interview - So schlimm steht es wirklich um ihre Ehe

Merkel habe “tief in ihre Seele blicken” lassen. Nanu?! Diese Einsicht dürfte das Regenbogenblatt beim Durchschauen des halbstündigen Videomaterials recht exklusiv gehabt haben. Doch trotz all der Schwammigkeit von Merkels Aussagen bleibt die Redaktion dabei:

In einem Interview mit dem Youtube-Star LeFloid (27) gewährte die Kanzlerin jetzt ungewohnte Einblicke in ihr Leben abseits von Rednerpulten, Kameras und Mikrofonen.

Angela Merkel hatte vor laufender Kamera ins Mikrofon gesagt, dass ein Beruf jeden Menschen verändere: “Wenn Sie den ganzen Tag mit Leuten reden, dann haben Sie abends vielleicht unglaublich Lust, mal eine Stunde zu schweigen.”

Für die “Woche heute” wirft die mögliche Stunde Ruhe im Hause der Kanzlerin und ihrem Mann Joachim Sauer unweigerlich eine Frage auf: “Wie steht es wirklich um ihre Ehe?” Denn “sich anzuschweigen, anstatt miteinander zu reden — das ist Gift für jede Beziehung!

Und dann ist da noch Merkels Mobiltelefon, das die gemeinsame Zeit besonders kostbar mache:

Schließlich kann jeden Moment wieder ihr Handy klingeln, kann die nächste Krise sofortiges Handeln nötig machen!

Richtig problematisch werden diese Krisenanrufe natürlich dann, wenn sie in die Merkel’sche Schweigestunde fallen. Die endgültige Handlungsunfähigkeit der Bundesregierung wäre die Folge. LeFloid hat mit seinem Interview also nicht nur ein Ehe-Drama aufgedeckt, sondern einen handfesten Politskandal. Zumindest nach Logik der Regenbogenpresse.


Dieser Text ist am Montag auch im “Tagesspiegel” erschienen. Alle zwei Wochen schreiben wir dort eine Kolumne über die Regenbogenpresse.


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Fantasievoller Franzosen-Flirt
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Fantasievoller Franzosen-Flirt

Diese Massenmedien bekommen mal wieder gar nichts mit. Im Herzen Europas spielt sich momentan die größte Liebessensation der vergangenen Jahrzehnte ab, über alle Partei- und Ländergrenzen hinweg, die Vollendung der deutsch-französischen Freundschaft — und nur das Klatschblatt “Das Neue” berichtet.

Während sich die gesamte Journaille auf Griechenland und den Euro stürzt, behält die Regenbogenredaktion das Zwischenmenschliche im Auge und titelt:

Gibt ihr Mann sie frei? Angela Merkel - Pikanter Franzosen-Flirt

Denn das, was Konrad Adenauer und Charles de Gaulle angeschoben haben, und Schmidt/Giscard d‘Estaing, Kohl/Mitterand und Schröder/Chirac vorantrieben, könnten Angela Merkel und François Hollande jetzt krönen:

Sie umarmen sich, schauen sich in die Augen, küssen sich sogar: Kanzlerin Angela Merkel (60) turtelt in aller Öffentlichkeit mit ihrem Pariser Kollegen François Hollande (60).

Merkel hege “ganz offensichtlich” mehr als nur Sympathie für ihren französischen Amtskollegen.

Wenn sie François Hollande begegnet, wirkt sie befreit, fröhlich, fast verliebt — und das trotz der Griechenland-Krise, die alle Kraft von ihr fordert!

Und ihr Ehemann Joachim Sauer?

Seit Monaten sieht der Chemie-Professor, dass seine Frau vor aller Augen fremdflirtet (“das neue” berichtete).

Genau, “‘das neue’ berichtete”. Schon im Mai beobachtete das Heft nämlich, dass “Oh, là, là, Monsieur le Président” beim Berlinbesuch das Herz der Bundeskanzlerin im Sturm erobert habe. Plötzlich lag bei der Klimakonferenz “L’amour’ in der Luft!” Dort habe Merkel für ihre Verhältnisse ganz schön aufgedreht: “ein rotes Sakko — die Farbe der Liebe –, etwas mehr Make-up als sonst, ein fast schon schelmischer Augenaufschlag”.

Das ist eben die ganz große Qualität der Regenbogenpresse: Sie sieht Dinge, die andere noch nie gesehen haben.


Dieser Text ist gestern auch im “Tagesspiegel” erschienen. Jeden zweiten Montag schreiben wir dort eine Kolumne über die Regenbogenpresse.


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Harrys Geliebte? Erst bezahlen!
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Harrys Geliebte? Erst bezahlen!

Bei der Frage, wie Verlage mit Texten im Internet Geld verdienen können, setzt Bild.de seit einiger Zeit auf ein sogenanntes Freemium-Modell: Vieles gibt’s beim Onlineableger der “Bild”-Zeitung umsonst, die richtig tollen Inhalte aber nur gegen Kohle.

Will man zum Beispiel den Grabstein von Dirk Bach sehen: bezahlen. Oder die neue Freundin von Bastian Schweinsteiger: bezahlen. Und bei Facebook geklaute Opferfotos, die Bild.de auf der Startseite nur verpixelt ankündigt: genau, bezahlen.

Für Printprodukte ist dieses Locken hinter eine Bezahlschranke kaum umsetzbar. Schließlich kann jeder Kioskkunde am Zeitschriftenregal nachschlagen und -lesen. Die Pioniere der “Freizeit Vergnügen” versuchen es trotzdem. Auf dem Cover ihrer aktuellen Ausgabe schreibt die Regenbogenredaktion:

Prinz Harry — Diese Frau kämpft um seine Liebe

Neben “Feuerkopf Harry” steht eine Blondine, deren Gesicht per Photoshop komplett unkenntlich gemacht ist:

Prinz Harry - Diese Frau kämpft um seine Liebe

Investiert die geneigte Leserin nun die 65 Cent für das Blatt, kann sie im Heftinnern Harrys Ex-Freundin Cressida in voller Pracht sehen. Cressida soll “mit den Waffen einer Frau” versuchen, den Prinzen zurückzugewinnen. Könnte klappen, findet die “Freizeit Vergnügen”, denn:

Auch optisch ragt sie aus der Normalität hervor wie ein Weltkonzern unter Tante-Emma-Läden

Die royale Rückholaktion könnte allerdings von einer anderen Verehrerin sabotiert werden, glaubt man der “Freizeit heute”:

Prinz Harry - Todesangst - Eine schöne Frau bedroht sein Leben

Eine australische Studentin soll per Plakat schon mehrfach um Harrys Hand angehalten haben. Vergebens. Und da lauert auch die Gefahr:

Gibt ja nichts Hinterhältigeres als die Rache einer verschmähten Frau.

Doch “Harry ist Soldat — er wird sich hoffentlich zu wehren wissen”. Klingt so, als gilt die “Todesangst” vor allem für die Studentin.


Dieser Text ist gestern auch im “Tagesspiegel” erschienen. Jeden zweiten Montag schreiben wir dort eine Kolumne über die Regenbogenpresse.


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Die ganze Wahrheit der Kohl-Korrespondentin
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Die ganze Wahrheit der Kohl-Korrespondentin

Immer dann, wenn Helmut Kohl bei einer Gedenkfeier auftaucht, ihm etwas zustößt oder er einfach mal wieder auf der Titelseite erscheinen soll, haut Jacqueline Müller in die Tasten. Sie ist die Kohl-Korrespondentin beim “neuen Blatt”.

Derzeit liegt Kohl in der Heidelberger Uni-Klinik, weil nach einer geplanten Hüftoperation eine ungeplante Darm-OP nötig war. Und so durfte Jacqueline Müller diese Woche mal wieder eine große Titelgeschichte schreiben.

In der Ankündigung auf dem Cover verspricht “Das neue Blatt” die ganz großen Konflikte: ein “Erschütterndes Drama in der Klinik”, den “verzweifelten Kampf der Ärzte”, einen “bitteren Familienkrieg”. Und vor allem: “Nur bei uns die ganze Wahrheit”.

Nur bei uns die ganze Wahrheit - Helmut Kohl - Erschütterndes Drama in der Klinik - Der verzweifelte Kampf der Ärzte - Der bittere Familienkrieg

Die “ganze Wahrheit” beinhaltet allerdings auffällig viele “soll”s: Ein weiterer Eingriff “soll gefolgt sein”, Kohl “soll längere Zeit ohne Bewusstsein gewesen sein”, er “‘soll seit Wochen im Dämmerzustand liegen’”, zitiert Müller einen anonymen Familienvertrauten. Trotz der vielen Unwägbarkeiten kommt die Leiterin des Showressorts zum glasklaren Urteil, dass dies Kohls “trauriges Ende” sei.

Sowieso geht Jacqueline Müller nicht gerade zimperlich mit der Familie Kohl um. Den Kanzler a. D. schrieb sie schon einmal um die Ecke, als sie auf der Titelseite verkündete, er sei “nach Depressionen, Schmerzen und Einsamkeit” nun “Endlich erlöst”.

Und bereits früher schnüffelte sie gemeinsam mit einer Kollegin Kohls Ehefrau hinterher: Die zwei “neue Blatt”-Mitarbeiterinnen fuhren nach Oberheuslingen und quetschten dort einstige Nachbarn, Mitschüler und Haushaltshilfen Maike Kohl-Richters aus. Herausgefunden haben sie damals nichts. Die Überschrift lautete trotzdem:

Exklusiv! Helmut Kohl - Die unheimliche Vergangenheit seiner Frau

So richtig unheimlich ist daran allerdings nur, dass “Das neue Blatt” aus Nichts immer wieder Tote und Intrigen strickt.


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Mit Marshallplan aufs Cover
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Mit Marshallplan aufs Cover

Tony Marshall kann man nun nicht gerade als medialen Dauerbrenner bezeichnen. Während bei Helene Fischer ein Niesen bei einer Konzertprobe reicht und bei Michael Schumacher sogar die Information, dass es gar keine neue Information gibt, muss sich Schlagersänger Marshall schon was einfallen lassen, um aufs Cover irgendeines Knallblatts zu kommen.

Zum Beispiel ein “Schock-Geständnis”, dass er neben seinen drei ehelichen Kindern auch ein uneheliches hat. Oder dass er 13 Jahre lang glaubte, ein uneheliches Kind zu haben, bis sich rausstellte, dass es gar nicht von ihm ist. Oder beides. Und am besten für zwei verschiedene Hefte. Doch der Reihe nach.

Die “Neue Post” titelt in dieser Woche:

Tony Marshall - Er zig eine falsche Tochter groß

Marshall sei “der Stimmungsmacher der Nation”, aber: Es gab “einen Moment, da verging ihm das Lachen gehörig”. Und zwar, als sich seine uneheliche Tochter Isabel mit 13 Jahren verplapperte und dabei offenbarte, dass sie gar nicht Marshalls Kind sei. Einen Vaterschaftstest später stand fest: Eine seiner außerehelichen Affären “hat ihm ein Kind untergejubelt”. Der Kontakt zu Isabel brach ab.

Doch Tony Marshall sorgte dafür, dass sich die Lücke wieder schließt. “Ich habe ein uneheliches Kind”, erzählte er dem „neuen Blatt“ in einem Exklusiv-Interview und grinst fröhlich von der aktuellen Titelseite:

Exklusiv - Tony Marshall - "Ich habe ein uneheliches Kind" - Schock-Geständnis

Dieses Mal heißt es Dominik. Und Marshall verrät alles mögliche über ihn, wie alt er ist, wie groß, was er studiert. Man muss den Redaktionen eben schon was bieten, wenn man mal wieder ins Gespräch kommen will. Dazu gehört auch der Name der Mutter. Die heißt Isabel, genauso wie Marshalls 13-Jahre-lang-und-dann-doch-nicht-mehr-Tochter.

Spätestens wenn die Regenbogenblätter diesen Zufall entdecken, und der nächste große Artikel ansteht, geht der Marshallplan endgültig auf.


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“7 Tage” will, dass eine Neunjährige nicht dick werden will
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“7 Tage” will, dass eine Neunjährige nicht dick werden will

Spaniens Königin Letizia hat keinen leichten Stand. Vor einigen Jahren haben die Regenbogenredaktionen mal entschieden, dass sie eines der großen Feindbilder sein soll, und seitdem dreschen die bunten Blätter auf sie ein.

Alles haben sie der Frau des früheren Prinzen und heutigen Königs Felipe schon zugeschrieben: eine Alkoholsucht (“Wenn keiner guckt, greift sie zur Flasche” — “Freizeit total”), eine Abtreibung (“Letizia hat heimlich abgetrieben!” — “Die neue Frau”), selbst die Schuld am Selbstmord ihrer Schwester soll sie tragen (“Letizia trieb ihre Schwester in den Tod!” — “Echo der Frau”).

Und dann ist da noch die Sache mit ihrer schmalen Figur. Die Adelspostille “7 Tage” schreibt in ihrer aktuellen Ausgabe:

Immer wieder berichten spanische Zeitungen von Letizias Magersucht. Felipes Gemahlin regt sich über diese Schlagzeilen nicht mehr auf

Alles schon geschrieben? Keine Aufreger mehr? Höchste Zeit für die Regenbogenhefte, den Personenkreis zu erweitern, über den sie ihren Müll ausschütten können. Die “7 Tage” hat sich Letizias Tochter Leonor mal etwas genauer angeschaut …

Dünne Ärmchen, dünne Beinchen: Leonor will ihrer Mutter nacheifern.

… über das Essverhalten der Neunjährigen fantasiert …

Seit sie erste repräsentative Pflichten übernehmen muss, nippt die kleine Prinzessin nur noch am Essen.

… und Kronzeugen aus Leonors Klassenzimmer ausgehorcht:

In der Schule soll Prinzessin Leonor bereits auf das übliche zweite Frühstück verzichten: “Ich will nicht dick werden.”

Eine Fotoferndiagnose, Esszimmergerüchte und angebliche Aussagen von Grundschulkindern — schon hat die “7 Tage” eine Titelgeschichte, mit der sie ihrem spanischen Hassobjekt mal wieder richtig schön eins überbraten kann:

Königin Letizia - Magersucht! Leidet auch ihre Tochter Leonor an dieser Krankheit?

(Verpixelung von uns.)


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