Verrückt in die Zukunft

Verrückt in die Zukunft

Der Alles Gute Verlag hat es nicht so mit der Zeit. Stunden, Tage, Wochen — alles der gleiche Mist. Wo sollte die folgende Geschichte also sonst erscheinen, wenn nicht im hauseigenen Titel “Prima Woche”, einer Monatszeitschrift? Anfang Februar dieses Jahres berichtet sie über zwei Ereignisse, die sich bereits Ende Juli vergangenen Jahres zugetragen hatten. Miteinander verknüpft ergeben sie diese dezente Geschichte über die dänische Kronprinzessin Mary:

Prinzessin Mary - Todesangst um ihre Kinder - Es geschah am hellichten Tag!

Starker Tobak. Was war passiert? Dazu müssen wir ein wenig ausholen. Das erste Ereignis: Die dänische Königsfamilie hatte sich am 26. Juli 2013 bei ihrem jährlichen Fototermin ablichten lassen. Die Fotos wurden in der Sommerresidenz Schloss Gravenstein geschossen, wo Kronprinz Frederik, seine Frau Mary und deren vier Kinder ihren Urlaub verbrachten.

Spannende Geschichte! Die zweite ist in der Tat eine sehr traurige: Jon-Sigurd Schwartz, Soldat der königlichen Leibgarde am Schloss, starb am 30. Juli an einer aggressiven Form einer Hirnhautentzündung. An seinem freien Tag hatte sich Schwartz krank gemeldet, woraufhin ihn sein Kasernenarzt untersuchte und in die Universitätsklinik Odense einliefern ließ. Dort verstarb der Gardist noch in der Nacht.

Da manche Formen von Hirnhautentzündungen ansteckend sein können, wurden einige von Schwartz’ Kollegen sicherheitshalber isoliert. Sie durften am nächsten Morgen aber wieder arbeiten. Eine Pressesprecherin erklärte mittags, dass die königliche Familie keinen Kontakt zu Schwartz hatte und sich entsprechend, laut Stabsarzt, auch nicht hätte anstecken können.

Wie lässt sich daraus nun eine “Schreckensnachricht” konstruieren? In der Unterzeile bereits am besten so:

Ohne es zu wissen, befand sich die dänische Königsfamilie in schrecklicher Lebensgefahr

Auch der Einstieg in den Artikel lässt sich sehen:

Die Angst kam auf einem Silbertablett, überreicht durch einen Butler. An einem sonnigen Nachmittag im Urlaub. Eine Nachricht, die bei Kronprinzessin Mary von Dänemark (42) jegliche Ferienentspannung zunichtemachte — von einer Sekunde auf die andere.

Butler, die Nachrichten auf einem Silbertablett überbringen. Der Klassiker.

Strahlend absolvierte die ganze Familie den alljährlichen Fototermin. Tags darauf bat der Butler mit der Schreckensnachricht um Einlass [...].

An dieser Stelle kommt dramaturgisch das schicksalhafte Ereignis: Die tägliche Wachablösung der Leibgardisten um 12 Uhr! Ein eher überschaubar spannendes Ereignis. Kronprinz Frederik, Mary und deren Kinder sollen dabei laut ”Prima Woche” zugesehen haben.

Niemand konnte ahnen, dass dieses harmlose Vergnügen sie in Lebensgefahr brachte.

Nachdem sie ausführlich die Symptome der Krankheit und deren Übertragungsmöglichkeiten erklärt, schreibt die “Prima Woche”:

Und Marys Kinder hatten sich ganz in der Nähe des Soldaten aufgehalten. [...] [F]ür Mary und Frederik begann ein tagelanges Martyrium. Was, wenn ihre Kinder sich angesteckt hatten?

Aber am Ende kann die “Prima Woche” doch noch entwarnen:

Der Stabsarzt erklräte, die königliche Familie sei nicht in der Gefahrenzone gewesen, da sie keinen direkten Kontakt mit dem Soldaten geahbt habe.

Fassen wir zusammen: Am Freitag der Fototermin. Am Samstag die “Schreckensnachricht” auf dem Silbertablett. Dann “ein tageslanges Martyrium”.

Das Problem: Erst am Montag nach der angeblichen “Schreckensnachricht”, die sich die “Prima Woche” ausdenkt, meldet sich Schwartz krank. Am Dienstag dürfen die isolierten Soldaten bereits wieder arbeiten und der Arzt verkündet, dass es gar keinen Kontakt gab. Und über ein halbes Jahr später veröffentlicht die “Prima Woche” die Geschichte, die keine ist, unter dem Titel “Todesangst um ihre Kinder”. Das soll mal einer verstehen.


Vielen Dank an Steffen D. für den Hinweis!


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