Zwei Tage unterm Regenbogen

Zwei Tage unterm Regenbogen

Fabian B. (Name geändert) hat nach dem Studium zwei Tage bei einem Verlag der Regenbogenpresse gearbeitet. In einem Gastbeitrag schildert er seine Motivation und gibt einen kleinen Einblick in den Redaktionsalltag.

Wer kennt sie nicht? Die berühmt-berüchtigte Frage, die sich so ziemlich jeder unweigerlich stellen muss, wenn er ins Berufsleben eintreten will. Auch ich kam nicht drum herum, als ich Ende 2011 mein Studium (Hauptfach: Allgemeine Sprachwissenschaften) abschloss und mein erstes richtiges Geld verdienen wollte: Und jetzt?

Die Richtung war klar: Ich wollte unbedingt in einer Redaktion arbeiten. Nach ein paar optimistischen, um nicht zu sagen: blauäugigen, Initiativbewerbungen an diverse Lokalzeitungen für eine Stelle als richtiger Redakteur mit den zu erwartenden Resultaten in Form von Absagen wurde mir allmählich klar, dass das so keinen Sinn macht. Schließlich ist man nicht gleich automatisch Redakteur, nur weil man Uni-Absolvent ist. Also galt meine volle Konzentration sehr bald den (nicht sehr zahlreich) ausgeschriebenen Redaktionsvolontariaten, am liebsten noch direkt in der Nähe meines Wohnortes. Da stieß ich auf das Gesuch eines Verlages, in dessen vorgegebenes Profil ich tatsächlich hereinpasste: Voraussetzung war der Abschluss eines Studiums im geisteswissenschaftlichen Bereich.

Es dauerte nicht lange, da meldete sich eine junge Dame telefonisch bei mir und lud mich zu einem Vorstellungsgespräch ein. Zwar hatte ich mittlerweile herausgefunden, welche Art von Zeitschriften der Verlag herausbrachte: Die von mir wenig geliebten Klatschblätter mit spektakulären Promi-Enthüllungen auf dem bunten Titelblatt, die ich stets als peinlich, da dreist unwahr, belächelt hatte und die doch eigentlich eh keiner glaubte. Oder doch? Trotz großer Zweifel wollte ich mir das aber alles einfach einmal ansehen.

Beim Vorstellungsgespräch saß ich schließlich besagter junger Dame und dem eigentlichen Chefredakteur gegenüber, der bereits in den ersten Sätzen bemerkte, dass ich mir im Klaren darüber sein solle, in diesem Verlag nur mit Frauen zu tun zu haben — ein Aspekt, der mich nicht sonderlich störte. Als Argument, warum ich mich für die Stelle beworben hätte, führte ich mein Interesse an VIP-Geschichten an, was nur die halbe Wahrheit war, damit aber immer noch 50 Prozent mehr als der Wahrheitsgehalt eines Klatschblattes. Regelrecht erleichtert nahm ich die Antwort des Chefredakteurs zur Kenntnis: Um die Promis würde ich mich nicht kümmern müssen, das wäre sein Ressort. Ich hingegen wäre für die anderen Themen der Hefte wie etwa Gesundheit zuständig. Das war eine Rubrik, für die zu schreiben ich bereit war — wahrlich nicht mein Fachgebiet, mir aber tausendmal lieber, als mir turmhohe Lügengebilde um Promis aus den Fingern saugen zu müssen. Nachdem ich auch noch in einem Einzelgespräch Bekanntschaft mit dem Geschäftsführer gemacht hatte, der mir die finanziellen Gesichtspunkte näherbrachte, ein in meinen Augen relativ normales Volontariatsgehalt, machte ich einen Termin für zwei Probetage im Verlag aus.

Die beiden Probetage ermöglichten es mir immerhin, erste Einblicke in das Leben einer Zeitschriftenredaktion zu ergattern. Ich arbeitete mit vier jungen Redakteurinnen und einer Volontärin in einem Raum. Diese waren für mehrere Zeitschriften gleichzeitig zuständig. Das Klima untereinander war weder besonders gut noch besonders schlecht. Ich wurde auch explizit gefragt, ob ich zur gemeinsamen Raucherpause mitkommen wolle. Etwas ungewohnt war es schon als Hahn im Korb, aber es war okay. Innerhalb von wenigen Stunden kann man schließlich keine Freundschaften schließen.

An beiden Morgen fand eine Redaktionssitzung von vielleicht zehn Minuten Länge statt, in denen der Chefredakteur darüber informiert wurde, wie weit die einzelnen Artikel für die Zeitschriften vorangeschritten waren. Den Verlauf markierte er in einer Liste und setzte fleißig Deadlines, wann was fertig zu sein hatte. Meine Aufgabe lief unter der Überschrift „Stevia – Das neue Zucker“. Hierfür recherchierte ich im Internet alle wesentlichen Fakten zu dem Süßstoff und sollte sie am Ende des Tages dem Chef präsentieren. Der war zwar insgesamt zufrieden, aber mit dem eher ausschweifenden Aufbau meines Artikels nicht einverstanden, so dass mir bei der Gelegenheit von ihm in Form eines Crashkurses einiges über den Schreibstil in der Regenbogenpresse vermittelt wurde: Es sei wichtig, sich an der Schreibe der BILD-Zeitung zu orientieren. Man könne von der halten, was man wolle, aber die Redakteure dort würden einen einfachen, leicht verständlichen Ausdruck pflegen, den auch die Oma verstehen würde, die ja nun einmal die Zielgruppe dieser Zeitschriften wäre. Nicht umsonst würden BILD-Redakteure mit Kusshänden bei anderen großen Zeitungen empfangen werden, weil sie die Fähigkeit besitzen, Geschichten kurz und knackig mit wenigen Worten auf den Punkt zu bringen. Am zweiten Tag schrieb ich meinen Artikel um (diesmal stichwortartig als „Die fünf wichtigsten Fakten über Stevia“ und damit wesentlich übersichtlicher), der nun als wesentlich besser vom Chef abgesegnet wurde.

In der kommenden Woche wartete ich vergeblich auf den versprochenen Anruf des Verlages. Ich war aufgrund der vielversprechenden Äußerungen des Chefredakteurs sehr sicher, die Zusage für die Stelle zu erhalten. In der Zeit haderte ich ständig mit mir, ob ich dort wirklich mein Glück versuchen will, beruhigte mein durchaus vorhandenes schlechtes Gewissen aber damit, nur für die Gesundheitsecke und nicht für den ekelhaften Schmierenjournalismus drum herum verantwortlich zu sein — und was hinzukam: Es war nun mal die Aussicht auf mein erstes eigenes Geld da. Am Donnerstag, neun Tage nach meinem letzten Probetag, rief ich selbst im Verlag an, um mich nach der Entscheidung zu erkundigen. Ich wurde auf den Folgetag vertröstet. Am Freitag meldete ich mich am späten Nachmittag erneut. Diesmal war der Chef außer Haus. Er wäre nächste Woche wieder da. Das Ende vom Lied: Am Montag darauf flatterte meine zurückgesendete Bewerbungsmappe ins Haus — man habe sich für einen erfahreneren Bewerber entschieden und wünsche mir für die Zukunft alles Gute.

Nach der Enttäuschung über den schlechten Stil dieser Absage durchforstete ich in den nächsten Tagen intensiver als zuvor den Stellenmarkt. Nach zwei Wochen Suche stach mir dabei ein altbekanntes Gesuch ins Auge: Verlag XY sucht Redaktionsvolontär mit geisteswissenschaftlichem Studienabschluss. Richtig, es war der Verlag, von dem ich gerade erst die Unterlagen wiederbekommen hatte. Ob mein siegreicher Konkurrent gleich wieder abgesprungen ist oder es möglicherweise gar keinen passenden Konkurrenten gegeben hat, kann man nur spekulieren. Ich jedenfalls war rückblickend froh, in meinem Lebenslauf nicht ein Volontariat in diesem Verlag stehen zu haben.


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